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Erstmal Kickschuhe besorgen

Flüchtlinge im Sport (1): Das müssen Fußballklubs beim Passantrag beachten

Fünf junge Männer aus Gambia kicken beim SV 03 Tübingen. Sie sind Flüchtlinge. Der Verein hat sie integriert, ihnen durch den Sport die Eingliederung erleichtert. Doch dahinter verbergen sich auch bürokratische Probleme. Der deutsche Fußball-Bund (DFB) sagt zwar Vereinen wie dem SV 03 finanzielle Unterstützung zu, doch die Statuten des DFB sind nicht unumstritten.

17.10.2015
  • Moritz Hagemann

Tübingen. Es ist jetzt schon über ein Jahr her. Da standen Limam Dibba, 21, und der zwei Jahre jüngere Buba Danso urplötzlich auf dem Gelände des SV 03 Tübingen. Zwei junge Männer, die aus Gambia geflohen sind. „Sie haben nicht mal richtige Kickschuhe gehabt“, erinnert sich Marco Müller, der Spielleiter des SV 03. Deshalb wurden alte Trikotsätze aufgelöst und sogar die Mannschaftskasse geplündert. Die Neuen sollten integriert sein. Mittlerweile sind sie schon zu fünft: Auch der 19-jährige Aia Jaiteh hat sich dem Nulldrei angeschlossen. Und zwei weitere Kicker warten auf ihre Spielerlaubnis.

Denn hinter jedem Flüchtling, der im Verein kicken will, steckt ein enormer bürokratischer Aufwand. „Man muss diesen Jungs erstmal erklärt, dass das Ganze sechs Wochen dauert“, sagt Müller. Nach einem Passantrag fordert der württembergische Fußballverband (WFV) beim Heimatverband die Unterlagen zu diesen Spielern an. Kommt 30 Tage keine Antwort, erhalten die Flüchtlinge ihre Spielerlaubnis. Wo Krieg und Konflikte herrschen, ist es unwahrscheinlich, dass Zeit dafür bleibt, Unterlagen gen Deutschland zu schicken. Für Müller ist diese Zeit eine „unnötige Ausgrenzung. Da habe ich kein Verständnis dafür.“ Doch der WFV obliegt den Regeln des deutschen Fußball-Bundes. Der hat auch Angst vor Menschenhandel mit jungen Talenten – und veranlasst deshalb eine genaue Prüfung in jedem einzelnen Fall. Ab zwölf Jahren darf kein Spieler im Heimatland einen Vertrag unterschrieben haben.

Mitglied in Fußballvereinen können Flüchtlinge erst werden, wenn ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist. Und beim SV 03 umsonst. „Wer nichts hat, dem können wir auch nichts nehmen“, sagt Müller. Der spricht von einer „Idee, die noch in den Kinderschuhen steckt“ und meint, dass die Flüchtlinge im Verein Paten bekommen könnten. Die wiederum sollen als Sponsoren einspringen. Denn: „Die Solidarität im Verein ist enorm.“

Auch deshalb sind die Kicker aus Gambia bestens integriert. Unter der Obhut von Mitspieler Christian vom Hagen wurden die Flüchtlinge zu einem Fußballspiel in Reutlingen eingeladen, aus der Mannschaftskasse auch mal bei einem gemeinsamen Bowling-Ausflug nachgeholfen. „Ich habe unterschätzt“, sagt Müller, „wie sehr das auch die Mannschaft zusammenschweißt.“ Der Tübinger Spielleiter sieht sich auch von der Stadt bestätigt, habe gesagt bekommen, dass die Flüchtlinge beim SV 03 schneller die Sprache lernen, als diejenigen, die nicht gesellschaftlich integriert sind. So ist aus der Verständigung „mit Händen und Füßen“, wie Müller die Anfangszeit beschreibt, schon eine anständige Kommunikationsbasis entstanden.

Jüngst erhielt der Verein für seine Arbeit mit Flüchtlingen 500 Euro aus der Egidius-Braun-Stiftung des DFB und der Initiative „1:0 für ein Willkommen“. Die wurden direkt reinvestiert und die Kicker aus Gambia haben endlich neue Trainingsanzüge übergestreift. „Sie sollen ja das bekommen, was alle haben“, sagt Müller. Insgesamt schüttet der DFB in diesem und nächstem Jahr 600 000 Euro an 1200 Vereine aus, die sich für Flüchtlinge engagieren.

Müller findet, dass sich nicht nur die Vereine wegen der Flüchtlinge umstellen müssen: auch Schiedsrichter und Zuschauer. Einer aus dem Publikum soll sich bei einem Auswärtsspiel seiner Mannschaft beim SV 03 verbal komplett daneben benommen haben. „Da bin ich ausgerastet“, sagt Müller. „Ich hätte ihn beinahe aus dem Stadion geworfen.“ Auch das sei Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen.

Doch kein Verein kann unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen. „Da gehen uns die Kapazitäten aus“, sagt Müller. Schon jetzt seien 24 Mann im Training der zweiten Mannschaft auf einem halben Platz grenzwertig. Wie sehr der Verein aber von den Kickern aus Afrika profitiert, zeigte der letzte Sonntag: Vorlage Buba Danso, Tor Aia Jaiteh. Das 1:0 im A-Liga-Derby gegen Lustnau war nicht nur ein Sieg für den SV 03 Tübingen II. Sondern einer für das ganze Konzept des Vereines.Zeichnung: Buchegger

Flüchtlinge im Sport (1): Das müssen Fußballklubs beim Passantrag beachten
Aia Jaiteh aus Gambia (Zweiter von rechts), versteht mittlerweile ganz gut, was ihm SV03-Trainer Sammy Egetemair vermittelt. Drei seiner Landsleute, afrikanische Flüchtlinge wie er, lagen am Donnerstag krank im Bett. Bild: Rippmann

Flüchtlinge im Sport (1): Das müssen Fußballklubs beim Passantrag beachten

Auch andere Vereine aus der Region wie der TV Derendingen oder der TSV Ofterdingen sind für ihr soziales Engagement mit Flüchtlingen bereits prämiert worden. Für Klubs, die sich genauer über die Aufnahme und den Umgang mit Flüchtlingen informieren möchten, hat der DFB die Broschüre „Willkommen im Verein. Fußball für Flüchtlinge“ bereitgestellt. Das TAGBLATT hat diese Broschüre unter www.schwitzkasten.tagblatt.de zum Download bereitgestellt.

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17.10.2015, 12:00 Uhr
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