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Flüchtlinge, Krieg und George Clooney: Berlinale hat auch politische Agenda
Alltag trotz Katastrophe: Der Fischersohn Samuele (Samuele Pucillo) ist eine der Hauptfiguren von „Fuocoammare“, der die Flüchtlingskrise auf Lampedusa thematisiert. Foto: © Internationale Filmfestspiele Berlin
Bewegende bewegte Bilder

Flüchtlinge, Krieg und George Clooney: Berlinale hat auch politische Agenda

Die Berlinale versteht sich seit jeher als politisches Festival. Doch was kann sie in Zeiten der Flüchtlingskrise und der gesellschaftlichen Kluft leisten? Geschichten erzählen, Bilder in die Welt bringen.

17.02.2016
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Am Ende, wenn sie alles getan haben, was sie tun konnten, hunderte Flüchtlinge gerettet und versorgt, aber auch Tote geborgen, stehen die Ärzte und Hilfskräfte müde, entkräftet an Deck ihres Schiffs und schauen auf das weite Mittelmeer. Und dann schwenkt die Kamera ins Unterdeck des Flüchtlingsboots, und dort liegen zwischen Müllbergen noch viele weitere Leichen und menschliche Überreste.

Das Flüchtlingsthema hält die Welt in Atem, und natürlich kommt auch das Weltkino nicht daran vorbei. Auf der Berlinale stellt sich aber die Frage, was der Film da wirklich leisten kann, wo doch schon eine mediale Bilderflut über uns gekommen ist. Nun, das bewegte Bild kann zum bewegenden werden. So wie der italienische Filmemacher Gianfranco Rosi in „Fuocoammare“ vom Flüchtlingsdrama erzählt: dass man das Unbegreifliche doch zu fassen bekommt. Denn er zeigt die entsetzliche Normalität, die diese Katastrophe für die Mittelmeerinsel Lampedusa bedeutet, die zwischen Sizilien und Tunesien liegt, auf der in den vergangenen Jahren mehr als 400 000 Flüchtlinge strandeten und wo 15 000 Tote gezählt wurden.

„Fuocoammare“ wird als ein Bären-Favorit gehandelt, aber es wäre unfair zu sagen: Er könne ausgezeichnet werden, weil er das Thema der Stunde behandelt. Er ist ein Favorit, weil er ein aufrüttelnder Film zu einem wichtigen Thema ist.

Rosi schildert in quasidokumentarischem Stil Szenen aus dem Alltag des Insellebens: von einem zwölfjährige Jungen, der lieber mit seiner Schleuder am Ufer herumklettert als in die Schule zu gehen; vom harten Beruf der Fischer; von einer alten Frau und einem Radiomoderator. Aber ebenso schildert er die Flüchtlingskatastrophe als Alltag: Wie die italienische Marine das Meer absucht, wie die Rettungskräfte an ihre Grenzen gelangen, wie eine Unzahl Flüchtlinge an Land geholt, registriert, versorgt wird. Rosi zeigt ihre Angst, die aufgerissen Augen, diese Menschen kommen mit erschreckenden Geschichten zu Wort, aber er lässt ihnen Würde und beutet sie nicht für melodramatische Effekte aus. Er sagt einfach: Das ist die Realität. Und: Die beiden Welten scheinen sich fast nicht zu berühren.

„Fuocoammare“ heißt der Film, das ist nicht nur eine italienische Schnulze, „Feuer auf dem Meer“ steht auch für Kriegserinnerungen und ebenso - metaphorisch und ganz konkret - für das, was sich derzeit vor Lampedusa abspielt. Ein Arzt erzählt lange von seiner Arbeit, mit den Worten ringend, wenn er von Verzweiflung, Brandwunden und toten Kindern berichtet. Am Ende hat der Zuschauer tatsächlich einen Eindruck gewonnen, welche Dramen sich dort abspielen.

Die Berlinale hat sich schon immer als eminent politisches Festival verstanden - ob es einst gegen den Vietnam-Krieg ging, um Stammheim-Insassen oder wie zuletzt um Parteinahme für inhaftierte iranische Regisseure. Dieser Tage ging das Bild um die Welt, wie Berlinale-Stargast George Clooney und Gattin Amal Alamuddin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel kaffeetrinkend diskutierten.

Kann ein Schauspieler durch seine Popularität Einfluss nehmen? Und wie kann ein Festival Einfluss nehmen? Die allererste Berlinale war 1951 noch unter dem Eindruck des Krieges und Holocaust, in einem Land voller Flüchtlinge, eröffnet worden, erinnert Festivalleiter Dieter Kosslick. Die Botschaft lautete: „Dieses Land will in Frieden wieder mit der Welt verbunden sein.“ 65 Berlinalen später fühle sich das Festival „immer noch der Tradition verpflichtet, zur Völkerverständigung beizutragen“.

Filme und Festivals sind immer auch Seismographen, Spiegel und Diskurs der Realität, betont Kosslick. Und: Ein Filmfestival ist immer auch Lobby, natürlich für den Film, aber man wolle „auch Lobby für relevante Themen sein“.

So bittet die Berlinale für das Behandlungszentrum für Folteropfer um Spenden. Zudem besuchen ehrenamtliche Flüchtlingshelfer zusammen mit Geflüchteten Berlinale-Vorstellungen. 20 Flüchtlinge haben die Möglichkeit, in verschiedenen Arbeitsbereichen des Festivals zu hospitieren.

Und dann sind da natürlich die politischen Filme, nicht nur „Fuocoammare“. Viele Regisseure suchen nach den Ursachen der Flüchtlingsströme. Der Portugiese Ivo Ferreira behandelt in „Briefe aus dem Krieg“ den Angola-Krieg und seine Folgen für Afrika. Danis Tanovic illustriert in „Death in Sarajevo“, wie der Bosnien-Konflikt noch immer nachwirkt. Mit Spannung erwartet wird Lav Diaz „A Lullaby to the Sorrowful Mystery“, der vom Kampf gegen die spanische Kolonialmacht Ende des 19. Jahrhunderts auf den Philippinen erzählt - es ist der mit acht Stunden längste Wettbewerbsfilm der Berlinale-Geschichte.

Und was ist mit dem hier und heute? Auf der Potsdamer Straße steht ein „Social Bus“: Hier informieren Amnesty International, Viva con Agua und Lemonaid über ihre Arbeit, laden zum Diskutieren ein. Man kann Petitionen unterzeichnen - etwa zur Flüchtlingsfrage und für einen inhaftierten Regisseur von der Krim.

Die Berlinale-Gäste seien wirklich politisch interessiert, bestätigen die jungen Leute, die hier eine offene Bustür und offene Ohren haben. Wenn Filme ein Thema über wirkungsvolle Bilder präsenter mache - umso besser. Und was ist mit George Clooney und seinem Engagement, wie kommt das an? „Symbolpolitik“, sagen sie. Wenn da ein Star mit seiner Frau, der Menschenrechtsanwältin, bei Merkel hocke und zugleich als Werbeikone für Nespresso - also den umstrittenen Nestlé-Konzern - auftrete: „Das diskreditiert ihn doch völlig!“

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17.02.2016, 08:30 Uhr
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Ein herausragender Film, zu Recht wird er als ein "deutscher Kaurismäki" bezeichnet. Als "Liebesfilm" würde ich ihn allerdings in keinster Weise bezeichnen, diese Szenen sind nur ein kleiner Teil. In erster Linie wird ohne viele Worte die aussichtslose Lage der prekär beschäftigen Menschen gezeigt, die beispielsweise trotz Verbots weggeworfene Lebensmittel direkt am Container im wahresten Sinne des Wortes "verschlingen". Sie versuchen, sich ihre Würde und auch ihren Humor zu bewahren. Interessant ist es, die Kurzgeschichte von Clemens Meyer zu lesen, sie umfasst nur 25 Seiten. Die Umsetzung im Film ist hervorragend gelungen, einige wenige Szenen wurden verändert bzw. hinzugefügt.
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