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Kulturgeschichte

Flädle und Frittaten

Vincent Klink, der schwäbische Koch, Musiker und Literat, feiert in seinem neuen Buch den Hedonismus: „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“.

12.12.2019

Von JÜRGEN KANOLD

Vincent Klink isst in der Roten Bar des Hotel Sacher ein Bild aus seinem Buch „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“. Foto: Gerald von Foris

Stuttgart. Naturgemäß geht es in diesem Buch auch um den Tafelspitz, um Marillenknödel und die Sachertorte. Und um einen recht beleibten Stuttgarter Sternekoch, der mit Selbstironie von seiner Völlerei berichtet: Im „Schwarzen Kameel“ in der Bognergasse bestellt er sich zum Dessert gleich noch einmal ein Wiener Schnitzel, was der Restaurantchef, Herr Gensbichler, ein „Habsburger-Wiedergänger“ mit „angesilbertem Bart“, freilich ohne Wimpernzucken hinnimmt.

Von Vincent Klink ist die Rede, einem Erzschwaben, der die „Wielandshöhe“ betreibt und sich TV-bekannt nicht nur auskennt mit schlonzigem Kartoffelsalat. Der 70-Jährige hat schon ein Magazin für kulinarische Literatur („Rübe“) herausgegeben und zusammen mit Satiriker Wiglaf Droste die Zeitschrift „Häuptling Eigener Herd“. Er servierte den Reiseführer „Ein Bauch spaziert durch Paris“, sein neues Werk aber heißt „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“. Schon der Titel verrät den gesteigerten Genuss.

Es handelt sich um keine mit ein paar Impressionen garnierte Rezepte-Sammlung, sondern um eine Kulturgeschichte Wiens mit Rezepten. Klink hat eine Hymne geschrieben auf den Hedonismus österreichischer Prägung: „Nach Wien fahren und das Leben lernen“, rät er dringend. Oder: „Essen ist in Wien keine Nahrungsaufnahme, sondern ein Lebensgefühl.“ Vielleicht liegt auch darin der Unterschied im Verzehr von Frittaten und Flädle.

Gschlamperte G'schichten mag er besonders gern: „In Wien wird die Wirklichkeit gerne durch ein Gerücht ersetzt.“ Das Volksempfinden biege sich die Wirklichkeit in eine „heimelige, angenehme Spur“, weiß Klink, für den diese Haltung ein „Annäherungsversuch ans Paradies“ ist.

Wie kunstvoll Vincent Klink in seiner Küche kocht und würzt, mögen Gourmets beurteilen. Schreiben kann er jedenfalls, und zwar geistvoll, mit Lakonie. Und er ist sehr belesen. Er erzählt in diesem Reise- und Kulturführer nicht nur die Geschichte des Hotel Sacher, das er zum Weltkulturerbe zählt und wo er mit seiner Gattin Elisabeth im Roten Salon völlig schmerzfrei Innereien, einen Lungenstrudel, bestellt. Klink besucht ebenso das Kunsthistorische Museum und rühmt dessen „fast obszöne Pracht“, dessen Kunstschätze. Er bewundert die Bilder seines Lieblingsmalers Caravaggio und nennt auch Giuseppe Arcimboldo, der in der Spätrenaissance den Blick auf Gemüse und Früchte lenkte: den „malenden Gott aller Vegetarier“.

Im Kunsthistorischen Museum sucht Klink nicht weniger den „Weißbärtigen Mann“ Tintorettos, ein Gemälde im Bordone-Saal, der in Thomas Bernhards Roman „Alte Meister“ eine große Rolle spielt. Überhaupt, das Wien an der „schönen braunen Donau“ steht auch auf der Karte. Ein ganzes Kapitel widmet Klink dem „Staatsfeind Nr. 1“ Thomas Bernhard, der 1988 mit seinem Schauspiel „Heldenplatz“ über die unbewältigte antisemitische Vergangenheit Österreichs den größten Theaterskandal des Landes verursachte.

In seinem Buch würde Vincent Klink nach dieser längeren Schilderung jetzt wieder ein Lokal aufsuchen, um sich zu stärken – vielleicht ein Kaffeehaus, die in Wien keine „Rastplätze“ seien, um schnell ein Stück Kuchen zu essen, sondern Orte der Heimat. Oder doch lieber was Habhaftes im Vestibül? Jedenfalls keine Mahlzeit ohne eine Flasche Grünen Veltliner oder einen Wiener Gemischten Satz. Und er liebt das Kleinkunsttheater der Gäste und Passanten, „mich erfreut die Sicht auf richtig reiche Leute mehr als ein Besuch im Zoo“.

Jetzt aber weiter: Klink tischt ordentlich habsburgische Geschichte auf, auch Sisi, der Zentralfriedhof und die Fiaker fehlen nicht. Von der „Welthauptstadt der Musik“ schwärmt er und von dem Jazzer Joe Zawinul – Klink selbst spielt Bassflügelhorn und Flöte und ist schon mit Til Brönner aufgetreten. Zu den Zutaten des Buchs gehören weiters Aquarelle Klinks und Fotos; dazu eine Liste von Kaffee- und Gasthäusern sowie Hotels und pointierte Kurzbiografien „wichtiger Wiener“, von Beethoven bis André Heller.

„Auf nach Wien!“, ist bereits das Vorwort überschrieben. Bei der Buchpräsentation in seinem Restaurant Wielandshöhe tröstete Klink die Reiselustigen einstweilen mit einem Glas Blaufränkisch – und zwar einem aus Württemberg, wo man diese Rebsorte ansonsten als Lemberger kennt.

: Ein Bauch lustwandelt durch Wien. Ullstein, 384 Seiten, 24 Euro. Foto: Ullstein Verlag

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Erstellt:
12. Dezember 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Dezember 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Dezember 2019, 06:00 Uhr

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