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Von links: Filmemacherin Alina Cyranek und die Schauspielerinnen Ulla Huhn, Anneliese Goth und Esther Eisele im Arsenal nach der Aufführung von „Ein Haufen Liebe“.Bild: privat




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03.05.2017

Von Peter Ertle

Der Film beginnt mit Fotografien einer vergangenen Jugend. Unterlegt irgendwann von alten Stimmen. „Ein großer Raum, in dem man zuhause ist“, sagt eine Stimme in dieser Antwortcollage auf eine Frage, die unausgesprochen bleibt: „Was ist für dich Liebe?“

In diesem Film erzählen: Anneliese (91), Esther (89), Ruth (83) und Ulla (71), vier Schauspielerinnen der Produktion „Ein Haufen Liebe“ des Tübinger Frauentheaters Purpur. Die Filmemacherin hat den eineinhalb Jahre währenden Probenprozess unter Regisseurin Uschi Famers begleitet, Sequenzen daraus stiften die Hälfte ihres Porträts. Die andere Hälfte sind Interviews, so intim nur möglich durch das große Vertrauen, das die Frauen der Filmfrau entgegenbrachten.

Diese Gespräche über die Liebe sind das Herzstück des Films, machen ihn zu etwas ganz Außergewöhnlichem. Zu beobachten war das wieder am letzten Donnerstag im Kino Waldhorn, wo in der Diskussion danach einer der älteren Kinobesucher sagte, er sei mit großer Skepsis gekommen, in den meisten Filmen über seine Generation könne er sich nicht widerfinden – aber das hier sei anders und ganz bezaubernd gewesen. Der Zauber: Während die Frauen erzählen, begreift der Zuschauer, dass Liebe etwas ganz altersloses ist, die Sehnsucht nie aufhört – jedenfalls nicht wegen einer Alterszahl. Oder wie Ruth es später sagen wird: „Irgendetwas in uns bleibt immer jung und unberührt von den Schrecknissen der Welt.“ Das andere, was der Zuschauer begreift, ist weniger überraschend: Die Liebe ist selten dauerhaft. Das Leben ist kein Märchen. Vor allem für Frauen dieser Generation und ihrer feministisch unbeleckten Jugend.

Da ist zum Beispiel Esther. Esther hatte nie gelernt, ich zu sagen. Nur nicht auffallen, das hatte man ihr beigebracht. „Ich hab mal“, sagt sie, „zwei verschieden farbige Socken angezogen, einfach um zu schauen: Was trau ich mich?“ „Wie alt warst du da?“, fragt die Filmemacherin nach. „Mindestens sechzig“, sagt Esther.

Wilhelm, Esthers erste große Liebe, fiel im Krieg. Später, sie war schon 30, traf sie sich ein Jahr lang jeden Samstag mit einem jungen Mann auf einer Bank und das Herz ging ihr auf. Obwohl er oft traurig war. Eines Samstags war er besonders traurig. Den nächsten Samstag kam er nicht mehr, den Samstag darauf auch nicht, er kam nie mehr, sie weiß nicht warum. „Ich hätte wütend sein können, und ich war es auch, aber alles, was ich gekriegt habe, war so viel für mich. Ohne die Erfahrung hätte ich mich nie so aufmachen können“, sagt sie heute.

Esther blieb allein, bis heute. Jetzt zieht sie ins Altersheim. „Wenn ich kein Gegenüber habe, bin ich niemand“, sagt sie. Sie wünscht sich immer noch einen Mann, wer weiß: „Vielleicht passiert es ja im Altersheim.“

„Meine große Schwester war sehr viel hübscher als ich, meine kleine Schwester war auch hübscher. Ich war die kleine Dicke“, sagt Anneliese und im Hintergrund sollen wir das anhand von Jugendfotos überprüfen. Frauenschicksale, generationstypisch: Nach dem Krieg waren die Männer rar, geheiratet wurde der Nächstbeste, man musste ja versorgt sein. „Die große Liebe habe ich wahrscheinlich nie kennen gelernt. Ich hab mir dann wenigstens einen Teil aus der Literatur geholt“, sagt Anneliese lapidar und: „Alina, in 30 Ehejahren hat mein Mann keine 30 Mal meinen Namen gesagt. Ich war Mama, ich war Weib.“ Mit 50 ließ sie sich scheiden, 5 Jahre vorher machte sie den Führerschein, Stationen einer späten Emanzipation. Die Filmemacherin interviewt die 91-Jährige denn auch beim Autofahren, wo Anneliese sagt: „Das Gehen fällt mir manchmal schon schwer, aber beim Autofahren, im Wasser und auf der Bühne bin ich fit.“

Die Regisseurin hat dem Film poetische Animationen auf den Leib zeichnen lassen, die sich manchmal von den Filmbildern ablösen, selbständig werden, etwa wenn der um den Fotokörper gezeichnete Umriss Ruths das darunterliegende Foto zurücklässt. Eine Häutung, Trennungsmetapher.

Bildsprache: Nachdem Anneliese sagt, Liebe sei für sie nicht das große Feuerwerk gewesen, eher etwas wie Lichtpunkte, zeigt das nächste Bild Lichtspiegelungen auf dem Neckar; erzählt Ruth von der Kurzatmigkeit der großen Liebe, nimmt der Film für ein paar Sequenzen junge Paare in der Fußgängerzone in Augenschein; erzählt Esther vom Tod ihres ersten Freundes, spricht die Kamera einen Bildnachruf in Form von schneebedecktem Geäst. Grabesstimmung? Nein, unter dem Schneezweig, merken wir in der nächsten Einstellung, wird Schlitten gefahren auf dem Österberg, Kindergeschrei in einem Film über Seniorinnen. Alles ohne Ausrufezeichen, aber mit dem richtigen Gespür für Gewichtung.

Finanziert hat Alina Cyranek ihren ersten Langfilm via Crowdfunding. Nun hilft sie ihm beim Laufenlernen, schickt ihn in Alleinvermarktung von Kino zu Kino – und wenn es sich einrichten lässt, ist sie zur Diskussion und zum DVD-Verkauf vor Ort. Tut sie das nicht, ist die aus dem Schwäbischen stammende Leipzigerin derzeit oft im Archiv anzutreffen, gebeugt über Stasi-Unterlagen: Stoff ihres nächsten Projekts.

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Erstellt:
3. Mai 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Mai 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Mai 2017, 01:00 Uhr

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