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Die ehemalige Wörnersche Villa

Feste und Seufzer auf der Steinlachburg

Sechs Luxuswohnungen will die Filderstädter Immobilien-Entwicklerin Christine Streich-Schneider auf der Steinlachburg einrichten. Wir blicken auf die wechselvolle Geschichte des Bauwerks zurück.

10.01.2011

Von Ulrich Eisele

Dußlingen. Die Geschichte der Steinlachburg beginnt bereits 1869. Damals verlegte Ochsenwirt Johannes Renz einen Teil seiner Gaststätte vom Ortskern auf die Maltschach. Dort gehörte ihm bereits einen Eiskeller, an den er ein Wohn- und Wirtschaftsgebäude mit Kegelbahn anbauen ließ – der Grundstock der Brauerei Steinlachburg, deren „Edelweiß“-Bier später bis nach Stuttgart und Ludwigsburg vertrieben wurde.

Das zweite Kapitel schrieb Robert Wörner. Der 1843 in Walddorf, heute Kreis Reutlingen, geborene Bierbrauer machte aus der Ausflugsgaststätte seines Schwiegervaters die weithin bekannte Bierfabrik. 1878 baute er zum Renz?schen Wohnhaus ein Kesselhaus. 1888 entstand die bis heute erhaltene Jugendstil-Villa mit repräsentativen Wohnräumen in den oberen Stockwerken und Ausflugsgaststätte im Erdgeschoss. Die soll vor allem von Tübinger Studenten besucht worden sein.

Nicht stehen blieb die mächtige Mälzerei, die Robert Wörner nach einem Brand, 1892, erbauen ließ. Sie gab der „Steinlachburg“ durch ihre charakteristische Form mit Flachdächern, Türmen und Zinnen ihren Namen. Mit Robert Wörner, der 1918 starb, erlosch auch die Bierbrauerei auf Maltschach. Das Anwesen wurde von den Erben an die Firma Hohner aus Trossingen verkauft, die aus den Braukesseln Musikinstrumente machte. Die Nebengebäude gingen in Privatbesitz über. Die Wörnersche Villa übernahm 1922 die Gemeinde und richtete dort eine Dienstwohnung für ihre Bürgermeister ein. Erst wohnte Wilhelm Hörger (1921 bis 1938) dort, dann Hugo Zehnt (1938 bis 1945). Die Mälzerei wurde bis auf wenige Reste abgetragen. Die Ziegelsteine sollen zum Teil zum Bau von Nachbar-Gebäuden verwendet worden sein.

Einer, der die Geschichte des Ortes ab den 1930er Jahren hautnah erlebte, ist Walter Möck. Sein Vater, der „Küfer-Albert“, kaufte den zur Steinlachburg gehörenden Pferdestall und baute ihn zum Wohn- und Wirtschaftsgebäude um. Walter Möck wuchs in unmittelbarer Nachbarschaft des Brauereigeländes auf und spielte als Kind in den Grundmauern der Mälzerei „Verschlupferles“. Er beobachtete, wie 1940 französische Kriegsgefangene die Grundmauern der mächtigen Mälzerei abtragen mussten.

Er bekam auch mit, wie zuerst die Hitlerjugend und dann ab 1944 Wachleute der „Organisation Todt“ in der Wörnerschen Villa Quartier bezogen – „Drückeberger in Lackstiefeln“, wie Walter Möck sie nennt. Die hatten die Aufsicht über mehr als 700 Zwangsarbeiter, die in den letzten Kriegsmonaten unter entsetzlichen Bedingungen beim Abbau von Ölschiefer auf dem Höhnisch schuften und leiden mussten.

Aus dem Ölschiefer wollten die Ingenieure der „Deutschen Bergwerks- und Hüttenbau Gesellschaft“ kriegswichtigen Treibstoff für Fahrzeuge gewinnen – vergeblich. „Trotz aller Anstrengungen und menschenverachtender Brutalität“, wie Kreisarchivar Wolfgang Sannwald im Band „Einmarsch – Umsturz – Befreiung“ (erschienen im Verlag SCHWÄBISCHES TAGBLATT) schreibt, wurde im Werk 1 des „Unternehmens Wüste“ nie Öl gewonnen. Die näher rückende Front verhinderte, dass die drei bereits aufgeschichteten Schiefermeiler angezündet wurden.

Nach dem Krieg wurde mit der Fabrikanten-Villa die Wohnraum-Not behoben. Bis in die Sechziger Jahre wohnten in den einst repräsentativen Räume im Obergeschoss Lehrer der Dußlinger Grund- und Hauptschule – von 1955 bis 1969 beispielsweise Rektor Gerhard Binder. Er erinnert sich noch an Plumpsklos und gusseiserne Zimmeröfen.

In der ehemaligen Gastwirtschaft im Erdgeschoss wurde 1960 ein Kindergarten eröffnet. Bis zum Umzug nach Geigesried im Sommer 2006 wurden dort Kinder betreut. Zuletzt wurden die Räume aus Außenstelle der Rudolf-Leski-Schule für Erziehungshilfe in Pfrondorf genutzt.

Der 80-jährige Walter Möck hat die wechselvolle Geschichte der Steinlachburg hautnah miterlebt. Im Hintergrund die Wörnersche Villa.Bild: Eisele

Der mächtige Backsteinbau, von dem die Steinlachburg ihren Namen hatte, wurde schon 1922 abgerissen. Stehen blieben von der Wörnerschen Brauerei noch vier alte Gebäude und der ehemalige Eiskeller (verdeckt).

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Erstellt:
10. Januar 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Januar 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2011, 12:00 Uhr

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