Gesellschaft

„Fest gewebter Flicken“

Die Corona-Regeln sind in jedem Bundesland anders. Das verwirrt. Doch so ein Patchwork an sich hat auch gute Seiten.

13.06.2020

Von MICHAEL GABEL

Barbara Lange. Foto: Patchwork Gilde Deutschland

Berlin. Die unterschiedlichen Corona-Regeln in Deutschland werden oft als „Flickenteppich“ kritisiert. Aber ist es wirklich gerecht, dieses Wort mit einem negativen Unterton zu verwenden? Über den Reiz, kleine Stücke zu einem gelungenen großen Ganzen zu verbinden – auch in der Politik –, haben wir mit der Vorsitzenden der Patchwork Gilde Deutschland, Barbara Lange, gesprochen.

Haben die Erfinder des Patchworks damals aus der Not eine Tugend gemacht?

Barbara Lange : Ja, man findet es in allen Kulturen, dass Leute aus Stoffresten und kleinen Stoffen größere zusammensetzen, teils aus dekorativem Interesse, teils aus der Not heraus. Die Patchwork-Technik kannte man schon in Alt-Ägypten. Die Siedlerfrauen in Amerika haben sie perfektioniert und zum Beispiel die Quilts, die Schlafdecken, entwickelt. Aber auch die Kreuzritter sind von ihren Frauen mit Patchwork-Brustschilden ausgestattet worden.

Was ist an Patchwork besonders reizvoll?

Patchen ist wie Malen, nur mit einem anderen Material. Es geht darum, einen Stoff, der ein tolles Muster hat, mit anderen Stoffen zu kombinieren. Vorgaben gibt es keine. Im Prinzip kann man alles vernähen, was einem unter die Finger kommt.

Befördert Patchwork das soziale Miteinander?

Auf jeden Fall. In den USA haben sich damals die Siedlerfrauen zusammengetan, um zum Beispiel für eine Hochzeit eine Bettdecke zusammen zu gestalten und zu nähen. Ein solcher Ansatz ist bis heute Teil dieser gesamten Bewegung geblieben. Bei unserem Corona-Projekt „Sterne der Hoffnung“ gingen einige Quilts als Geschenk an Frauen, die in pflegenden Berufen arbeiten.

Bei den Corona-Maßnahmen wird oft mit negativem Unterton von einem „Flickenteppich“ unterschiedlicher Regelungen gesprochen. Finden Sie es angebracht, dass das Wort so negativ verwendet wird?

Natürlich nicht. Bei uns ist es so: Gerade dass wir die unterschiedlichsten Stoffreste zusammensetzen und verarbeiten, macht den Reiz des Patchens aus. Das ist wie bei einer Urlaubsreise. Will man wirklich in eine Neubausiedlung fahren, in der alle Wohnungen gleich aussehen? Dann doch lieber in eine schöne Altstadt, in der jedes Haus seinen eigenen Charakter hat.

Können also 16 unterschiedliche Corona-Regeln in 16 Bundesländern trotzdem ein sinnvolles Ganzes ergeben?

Ja. Ich wohne in Bayern, wo wir ganz anders von der Corona-Pandemie betroffen sind als beispielsweise die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern. Deshalb verstehe ich völlig, dass im Norden nicht so strenge Regeln gelten müssen wie hier in Bayern – auch wenn es für den Einzelnen nicht immer leicht ist, die unterschiedlichen Regelungen im Blick zu behalten.

Der bayerische „Flicken“ darf also ruhig etwas größer sein als der anderer Bundesländer?

Größer würde ich gar nicht mal sagen. Einfach ein fest gewebter Flicken, nicht so locker und durchlässig.

Warum hat Patchwork in der Politik so einen schlechten Ruf?

Bei Corona hat die Herangehensweise durchaus ihre Legitimation. Aber das schlechte Beispiel in der Schulpolitik hat viel geschadet. Wenn etwa ein Religionslehrer, der in Hamburg ausgebildet wurde, in Bayern Probleme hat zu unterrichten, kommt die Patchwork-Politik an ihre Grenzen.

Was halten Sie eigentlich von dem Begriff Patchwork-Familie?

Den kann ich gut nachvollziehen. Da schwingt etwas Warmes, Geborgenes mit, wie bei einer warmen Decke. Genauso, wie es in einer Familie sein sollte.

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Erstellt:
13. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2020, 06:00 Uhr

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