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Staatstheater

„Fest der Freiheit“

„Hänsel und Gretel“ in Stuttgart als böses Märchen: Wie lässt sich eine Oper proben, wenn der Regisseur in Moskau unter Hausarrest steht?

20.09.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. An eine putzige Lebkuchenoper hat Kirill Serebrennikov nie gedacht. Auch an kein heimeliges „Kinderstubenweihfestspiel“, wie der Wagnerianer Engelbert Humperdinck sein musikalisch romantisches Märchen „Hänsel und Gretel“ bezeichnete. Nach Ruanda war der Regisseur geflogen, um dort für seine Inszenierung auch einen Film zu drehen: über Jungen und Mädchen, die von einem besseren Leben träumen, ihr Dorf verlassen, sich in der Welt verirren und in Stuttgart landen. Brüder Grimm in der Globalisierung. Jetzt ist „Hänsel und Gretel“ noch etwas anderes: ein Politikum, seit der Russe am 23. August in Moskau unter dem Verdacht der Untreue festgenommen wurde.

Von einer „beispiellosen Situation“ spricht der Stuttgarter Opernintendant Jossi Wieler: Am Montag haben die Proben begonnen – ohne Regisseur. Dieser steht in Moskau bis zum 19. Oktober unter Hausarrest und darf nur mit seinem Anwalt und engsten Familienangehörigen sprechen. Das bedeutet, schon vor dem Prozess: Berufsverbot für einen auch ob seiner Homosexualität beim Putin-Regime und der orthodoxen Kirche in Ungnade gefallenen Künstler. Im Juli hatte das Bolschoi-Theater nach der Generalprobe schon Serebrennikovs Ballett „Nurejew“ gekippt. Auch hatte der 48-Jährige ein Filmprojekt über den schwulen Komponisten Tschaikowsky abbrechen müssen.

Für den 22. Oktober aber bleibt die Premiere von „Hänsel und Gretel“ angesetzt. „Wir halten Kirill einen Ehrenplatz frei“, sagt Wieler und hofft, dass der Regisseur, der 2015 mit einer grandiosen Strauss-„Salome“ so großen Erfolg in Stuttgart gefeiert hatte, ausreisen darf. Chefdramaturg Sergio Morabito sagt freilich „zutiefst beunruhigt: Wir wissen, dass in 99,64 Prozent der Fälle der Angeklagte schuldig gesprochen wird, die russische Justiz ist nur ein Instrument der Machterhaltung“.

Hoffnung und Not

Die Oper Stuttgart aber will „Haltung zeigen“, die Premiere als ein „Fest der Freiheit“ feiern und eine „szenische Präsentationsform“ entwickeln aus dem Material, das in den Vorarbeiten Serebrennikovs entstanden ist – dazu gehört der fast fertige, abendfüllende Spielfilm über die Kinder aus Ruanda, dazu eine SWR-Dokumentation über die Dreharbeiten in Afrika durch ein Team der Filmakademie Baden-Württemberg. Und der Partitur nach werde selbstverständlich Humperdincks Oper komplett gesungen und gespielt als „Stück für die ganze Familie“.

Nur dass Dirigent Georg Fritzsch, der Videokünstler Ilya Shagalov und Dramaturgin Ann-Christine Mecke nicht Serebrennikovs Konzept rekonstruieren. Und auch nicht die von ihm entworfenen Kostüme und Bühnenbilder benutzen. Der Abend heißt jetzt im Untertitel „Ein Märchen von Hoffnung und Not, erzählt von Kirill Serebrennikov“. Das Schicksal des Regisseurs selbst soll thematisiert werden.

So wartet die Oper Stuttgart – unter Wieler oder von Herbst 2018 an unter seinem Nachfolger Viktor Schoner – darauf, das Serebrennikov nach seiner Freilassung seine Inszenierung an der Stelle fortsetzen kann, wo er sie unterbrechen musste. Das habe man ihm zugesichert. „Serebrennikov ist unersetzlich“, so Wieler. Dass die Oper aber jetzt an einer Aufführung festhalte, sei ein starkes, von der Landesregierung unterstütztes Signal, sagte Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski gestern in Stuttgart – Ministerpräsident Kretschmann werde zur Premiere kommen.

Was wird Serebrennikov, Leiter des Moskauer Gogol-Center, überhaupt in Russland vorgeworfen? Er soll „Gelder mittels einer nie stattgefundenen Inszenierung von Shakespeares ,Sommernachtstraum' veruntreut haben. Videoaufnahmen, Rezensionen, Zuschauerberichte auf Facebook, Gastspiele in Riga und Paris, eine Nominierung für den Russischen Nationaltheaterpreis ,Golden Mask' und nicht zuletzt der Spielplan des Gogol-Center in Moskau beweisen, dass dieser Vorwurf absurd ist. Dennoch drohen Serebrennikov eine Verurteilung und bis zu zehn Jahre Gefängnis.“ So steht es in der von Thomas Ostermeier und Marius von Mayenburg (Berliner Schaubühne) verfassten Petition „Freiheit für Kirill Serbrennikov“, die schon viele tausend Menschen unter- zeichnet haben und die auch auf der Internetseite der Oper Stuttgart dazu aufruft.

„Ein Männlein steht im Walde ganz still und stumm“, heißt es volksliedhaft in „Hänsel und Gretel“. Das kann jetzt keiner mehr märchenhaft hören, ohne an den kalt gestellten russischen Regisseur zu denken.

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20.09.2017, 06:00 Uhr
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