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Rund 500 Jahre alte Tradition wird beim Ilsfelder Holzmarkt in Ehren gehalten

Feilschen für Frühaufsteher

Bevor die ersten Hähne krähen, beginnt der Handel auf dem Holzmarkt in Ilsfeld. Seit Jahrhunderten treffen sich auf einer Wiese die Frühaufsteher.

29.08.2016
  • HANS GEORG FRANK

Ilsfeld. „Wer um sechs Uhr nicht hier ist, kriegt nichts Gescheites mehr“, weiß Melanie Karjewski (34) aus Bad Rappenau. Vor zwei Jahren seien sie und ihr Mann „leider etwas zu spät“ auf den Holzmarkt in Ilsfeld gekommen. Das Material für ihren Carport wollen sie jetzt ergattern, kaum dass es hell geworden ist. Pfetten und Balken brauchen sie. Beim Bummel über die Wiese, die sich über Nacht in einen Fachmarkt verwandelt hat, denkt das Ehepaar auch an die Verschönerung ihres Heims: „Wir lieben Holz, das ist unser Werkstoff.“

Der Holzmarkt in dem Dorf bei Heilbronn ist seit 495 Jahren verbürgt. Doch schon in der Urkunde von 1521 ist angedeutet, dass es sich bei dem Freilufthandel am Samstag nach Bartholomäus um ein jahrhundertealtes Ereignis handelt. Die Tradition wird in hohen Ehren gehalten, widersteht dem Wandel der Zeiten tapfer. Sie wird gepflegt, weil nicht nur nach marktwirtschaftlichen Aspekten verfahren wird – schon gar nicht von den Waldbauern, die angeblich kaum mehr etwas verdienen.

Wer in aller Herrgottsfrühe mit Schlepper und vollbeladenem Anhänger aus dem Mainhardter Wald nach Ilsfeld tuckert, gehorcht meist familiärer Sitte. Seit Generationen steht der Holzmarkt im Terminkalender der Sippe. „Unsere Vorfahren haben noch die Kühe eingespannt“, sagt Karl-Fritz Häußer (68) vom Rothenhof neben seinem PS-starken Pickup. 400 Stickel, Pfosten, Stangen, Pfähle gehören zum Sortiment aus seinem 12,5 Hektar großen Wald.

Nebenan hat Eugen Mager (52) vom Hilbenhof den ersten Großauftrag abgewickelt, ehe die Sonne aufgegangen ist. Zwar ist offizieller Marktbeginn um 6 Uhr, doch Feilschen im Frühtau kennt keine amtliche Vorgabe. Mager ist Steinmetz. Holz ist Hobby. Dafür durchforstet er Wälder, deren Besitzer dies nicht mehr können. Stammkunden schätzen Magers Ware. Einer ließ aus dem Urlaub einen Zehner-Bund mit Pfählen reservieren.

Hobbygärtner, Heimwerker, Hausrenovierer stöbern nach Brettern und Bohlen, die sie vielleicht auch im Baumarkt bekämen, aber eben nicht direkt vom Erzeuger. Josef Schäffer (79) aus Lauffen war 1980 mit den Stangen für seine 30 Tomatenstöcke so zufrieden, dass er jetzt Nachschub holt. „Ich habe extra gewartet“, sagt der Rentner. Auch ein Profi wie Gärtnermeister Horst Michelfelder (73) kommt „schon ewig“, weil er „a bissle Sach“ braucht. Heute sind es Bretter für Sargbuketts.

Waldbauern, etliche von Kindern begleitet, dürfen sich nicht auf Schnittware in allerlei Stärken und Längen beschränken. Sie müssen die Tradition durch Innovation am Leben erhalten. Demnach gehört Mathias (15) und Friedrich Zimmer (14) aus Hütten die Zukunft auf dem Holzmarkt. Die Vettern bastelten Klappstühle aus Douglasie. Bequem, stabil, praktisch. Letztes Jahr nahm ein Kunde 16 Stück auf einen Schlag mit. Diesmal werden sie 14 ihrer Möbelstücke los. Für bessere Geschäfte sei es wohl zu heiß gewesen, macht sich Mathias Mut fürs nächste Jahr.

Bernhard Merkle (54) aus Ammertsweiler bietet Schindeln, Stiele aller Art und Rechen aus eigener Produktion feil. Neuerdings fertigt er unverwüstliche Kisten, die ein junges Paar als Regal für die schicke Wohnung erwirbt. Lange Birkenbesen sind zum Kampf gegen Spinnweben in Scheunen gedacht, aber sie lassen sich zur rustikalen Dekoration zweckentfremden. Nach 42 Jahren denkt Merkle an die Ablösung. Seine Hoffnung ruht auf Tochter Celina (23). Im Hauptberuf ist er Fensterbauer: „Mein Vater hat mit dem Holz vier Kinder groß gezogen.“

Der ursprüngliche Holzmarkt mit etwa zwei Dutzend Verkäufern, an den sich Buden von Krämern und stark umlagerte Imbissstände anschließen, endet noch vor Mittag. Karl-Fritz Häußer will gerade die Reste seines Sortiments einpacken, als ein Spätaufsteher auftaucht. „Ich suche Pfosten, um mein Hab und Gut zu sichern“, sagt er frohgemut und schnappt sich einen Bund. Der Preis ist Verhandlungssache.

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29.08.2016, 06:00 Uhr
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