Kreis Tübingen

Coronavirus: Feiern geht jetzt nicht mehr

Mit einer Ambulanz auf dem Festplatz wollen Landratsamt und DRK den erwarteten Ansturm von Covid-19-Kranken bewältigen.

19.03.2020

Von Ulrich Janßen

Pressekonferenz in Coronazeiten: Am Donnerstagnachmittag informierten Birgit Walter-Frank (vierte von links) neben Joachim Walter (Mitte) und Lisa Federle vor dem Tübinger Landratsamt über neue Maßnahmen gegen Covid-19. Abstand halten war Pflicht. Bild: Ulrich Janßen

In Containern werden von der kommenden Woche an Ärzte und Medizinstudierende auf dem Tübinger Festplatz Menschen behandeln, die an Covid-19 erkrankt sind. Das teilten Landrat Joachim Walter, die DRK-Kreispräsidentin Lisa Federle und die Leiterin des Tübinger Gesundheitsamtes Birgit Walter-Frank am Donnerstagnachmittag bei einer improvisierten Pressekonferenz unter freiem Himmel mit.

In der „Fieberambulanz“, wie Walter-Frank die Station nannte, können theoretisch bis zu 200 Patienten pro Tag ambulant versorgt werden. Die Container werden derzeit von einer Spezialfirma ausgestattet und sollen in der kommenden Woche auf den Festplatz transportiert werden. Das Angebot soll in den nächsten Wochen und Monaten sowohl das Universitätsklinikum wie auch die Hausärzte entlasten, die schon jetzt teilweise große Probleme haben, Covid-19-Kranke zu behandeln. „Viele können in der Praxis einfach nicht versorgt werden“, erklärte Federle. Es fehle an Schutzanzügen und Schutzmasken.

Für die Fieberambulanz wird die Burladinger Textilfirma Trigema kurzfristig 200 Schutzanzüge liefern. Das habe Trigema-Chef Wolfgang Grupp ihr persönlich zugesagt, freute sich Federle. Schutzmasken werde das Tübinger Universitätsklinikum zur Verfügung stellen, das demnächst angeblich eine Million Masken geliefert bekomme. Weitere Hilfe habe die Tübinger Chemiefirma CHT angeboten. „Die können theoretisch täglich 10 Tonnen Desinfektionsmittel herstellen“, meinte Landrat Walter. Die fällige Genehmigung für die Produktion liege, nach einigem Hin und Her, mittlerweile vor. Problem sei nur noch, die nötigen Behälter zum Abfüllen zu beschaffen.

Die Zahl der Container auf dem Festplatz könne bei Bedarf erhöht werden, versicherte Federle. Die Ärzte sollen in der Ambulanz vor allem herausfinden, ob die Patienten wegen akuter Lungenprobleme in die Universitätsklinik müssen oder ob sie die Krankheit daheim auskurieren können. In der Regel verläuft Covid-19 ohne größere Komplikationen, Rezepte gegen Husten oder Fieber reichen in diesen Fällen aus. Auch den meisten der Tübinger Infizierten gehe es sehr gut, sagte Federle.

In etwa 20 Prozent der Fälle aber entwickelt sich die Krankheit deutlich schwerer und kann Lungenentzündungen und Atemnot verursachen. Mit großer Dringlichkeit wies deshalb Landrat Joachim Walter darauf hin, dass es jetzt darauf ankomme, soziale Kontakte drastisch einzuschränken, überall auf Abstand zu gehen und die Hygieneregeln einzuhalten. „Die eine Hälfte der Bevölkerung ist in großer Angst und fast schon panisch,“, meinte der Landrat, „die andere aber nimmt es auf die leichte Schulter.“

Fröhliche Treffen am Flussufer oder Grillfeste am Baggersee, wie es sie zu Wochenbeginn noch überall gegeben habe: „Das geht jetzt wirklich nicht mehr“, mahnte Walter. „Wir müssen unser Gesundheitssystem funktionsfähig halten, wenn die schweren Fälle kommen.“ Walter warnte, wenn die bisherigen Maßnahmen nicht wirken sollten, „werden weitere Maßnahmen nötig, die jeden von uns persönlich, aber auch die Gesellschaft und die Wirtschaft insgesamt sehr schwer treffen werden“. Der Landrat: „Es nützt nichts, die Schulen zu schließen, wenn sich dann alle am Neckar treffen.“

126 Infizierte waren am Donnerstag beim Gesundheitsamt gemeldet. „Das aber“, darauf wies Lisa Federle hin, „ist der Stand von vor fünf Tagen“. Unvermeidlich würden die Zahlen in den nächsten Tagen drastisch steigen. Auch sie appellierte eindringlich an alle Bürger, jetzt verantwortlich zu handeln, sich und vor allem auch die Mitmenschen zu schützen. „Jeden kann es treffen“, erklärte Federle, „auch einen von uns.“ Tatsächlich erkrankte am Mittwoch Walters Reutlinger Amtskollege Thomas Reumann an Covid-19. Der gesamte Krisenstab musste deshalb in Quarantäne.

Um den Ansturm an Fragen zu bewältigen, wurden im Tübinger Landratsamt 200 Mitarbeiter geschult. Sie geben jetzt am Telefon im Schichtbetrieb Auskunft. Die Nummer ist: 07071/207-3600. Mittlerweile seien, auch weil immer mehr sonstige Arbeit per Telefon abgewickelt werde, die Leitungen aber stark beansprucht.

Walter und Federle bedankten sich bei allen, die ihre Hilfe angeboten haben, insbesondere bei den Medizinstudierenden und bei Ärzten, die sich teilweise aus dem Ruhestand meldeten. Großes leisteten aber auch die festen und ehrenamtlichen Helfer des DRK.

Wer wird behandelt? Wer wird getestet?

Wer sich krank fühlt, muss sich vom Hausarzt, vom Gesundheitsamt oder von den Corona-Testern auf dem Festplatz bei der neuen Fieberambulanz anmelden lassen. Ohne Anmeldung gibt es keine Untersuchung, um die Anmeldung könne man den Hausarzt telefonisch bitten. Die Kranken sollten am besten mit dem Auto kommen oder sich bringen lassen, doch sei es prinzipiell auch möglich, zu Fuß zu kommen. Gewartet werden muss aber im Freien. „Besonders schwere Fälle werden wir vorziehen“, erklärte Lisa Federle. Ein Zelt als Wartezimmer einzurichten sei zu riskant gewesen, weil sich die Virusdichte darin stark erhöhen könne. Geöffnet ist die Station jeden Tag von 9 bis 18 Uhr. Den Betrieb wird sie voraussichtlich Anfang nächster Woche aufnehmen. Ebenfalls auf dem Festplatz befindet sich die Virus-Teststation, bei der bislang 1600 Menschen getestet wurden. Weil die Labore überfordert sind, werden in Zukunft nur noch Menschen getestet, die zu Infizierten direkten Kontakt hatten, aus einem Risikogebiet kommen und mindestens 38 Grad Fieber haben.

Zum Artikel

Erstellt:
19. März 2020, 19:55 Uhr
Aktualisiert:
19. März 2020, 19:55 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. März 2020, 19:55 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App