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Fasnet – ich komm! Vielleicht im nächsten Jahr
Positiv und negativ passen gut zusammen. Archivbild: Kuball
Ulla Steuernagel will nun negative und positive Gefühle zulassen

Fasnet – ich komm! Vielleicht im nächsten Jahr

Leider erst jetzt, am Ende der Fasnetzeit, stoße ich auf eine wissenschaftliche Erkenntnis, die für mich die vergangene Zeit in neuem Licht erscheinen lässt.

13.02.2018
  • Ulla Steuernagel

Nun ist endlich belegt: Negative Gefühle aktivieren das Lustsystem. Das les ich in einer Ausgabe des „Wissenschaftsmagazin“ der Max-Planck-Gesellschaft. Herausgefunden hat es Winfried Menninghaus, Leiter des Max-Planck-Instituts für Empirische Ästhetik, ein Mann, dessen Haare, wie zur lustigen Illustration seiner These, negativ (oder positiv) elektrifiziert in alle Richtungen stehen. Er forscht in Frankfurt und nicht in Tübingen. Sonst könnte man ihn hier zum Praxistest bitten.

Bislang dachte sich manche Problemfilm-Kinogängerin und mancher Skandinavien-Krimileser, sie oder er leide einfach so mit den Protagonisten, fühle bis zur totalen Erschöpfung mit ihnen mit und benötige hinterher, um nicht der finalen Depression zu verfallen, ein trostspendendes Wiederaufbauprogramm aus alkoholischen Getränken und kalorienreichen Nüsschen. Von wegen! Die Sache verhält sich genau anders: Negative Gefühle sind eigentlich positiv.

Denn negative Emotionen binden die Aufmerksamkeit besonders stark, sie werden besonders intensiv erlebt, und sie bleiben damit auch besser in Erinnerung, so wissen die Forscher. Kunstwerke profitieren davon. Sie werden als „intensiver, interessanter und sogar als schöner“ wahrgenommen als es ein „reines Bad in positiven Gefühlen“ je sein könnte.

Ja, nur schön, ohne ein Fünkchen Problemfallhöhe, das hält niemand aus. Selbst Kitschfilme müssen, so leid es ihnen oft auch selber tut, über die eine oder andere Leiche gehen und ordentlich auf die Tränendrüsen drücken. Und welcher ernstzunehmende Roman kann mit einem ausgedehnten Happy-End aufwarten? Immerwährendes Glück ist nicht auszuhalten. Die Künstler werden also geradezu in die offenen Arme der Schwermut getrieben.

Wie aber kommt es, dass Zuschauer oder Leser nicht unglaublich traurig werden und sich selber gleich mit ins Unglück stürzen, wenn sie mehrere Stunden oder viele hundert Seiten lang eine hochproblematische Entwicklung verfolgt haben? Es gibt zwar, wie etwa bei der frühen „Werther“-Lektüre, Beispiele für höchstmögliche Identifikation. Doch in der Regel wissen die Konsumenten zwischen eigener Realität und der Kunstwelt zu unterscheiden, auch dies sahen die Forscher bestätigt. Die Distanzierung macht das Negative also erträglich. Als wichtigste Erkenntnis für mich aber bleibt: Ein Wechselspiel aus positiven und negativen Gefühlen intensiviert die Wahrnehmung und lässt die ästhetische Inszenierung auf umso fruchtbareren Boden fallen.

Zurück zur Fasnet: Das alles hätte ich wissen müssen. Jetzt kann ich nur noch Abbitte leisten und bis zum nächsten Jahr Buße tun. Dann werde ich mich mit allen Gefühlen, die ich aufbringen kann, an die Straße stellen und die Gruselmasken, Lumpenkapellen und anderen Schreckgestalten an mir vorbeiziehen lassen. Fasnetsumzüge zu meiden war eine kleinmütige und, wie sich nun herausstellt, falsche Entscheidung.

Fasnet, ich komm. Vielleicht. Nächstes Jahr.

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13.02.2018, 01:00 Uhr
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