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Prozess

Familie greift in Kasse der Sozialstiftung

Das Landgericht verurteilt den 70-jährigen Ex-Vorstand von „Nestwerk“ zu viereinhalb Jahren Haft.

01.02.2018
  • DPA

Stuttgart. Mehr als sieben Jahre nach der Millionenpleite der Stuttgarter Sozialstiftung „Nestwerk“ verhängte das Landgericht gegen den einstigen Vorstand eine Haftstrafe von vier Jahren und sechs Monaten. Die Richter verurteilten den 70-Jährigen am Mittwoch wegen Untreue in mehr als 200 Fällen, Urkundenfälschung und Insolvenzverschleppung. Mit der im Sozialwohnungsbau tätigen Stiftung soll er einen Schaden in Millionenhöhe angerichtet haben – vor allem zum Wohle seiner Familie.

Die Liste der Vergehen, die von der 6. Großen Wirtschaftsstrafkammer als bewiesen angesehen wurden, ist lang. Allein 213 Fälle der Untreue wurden aufgeführt. So schaufelte der 70-Jährige mit mehr als 70 Schecks Geld von der Stiftung auf ein Privatkonto. Mit einer halben Million Euro finanzierte er so über drei Jahre lang den aufwendigen Lebensstil seiner Frau und Kinder, wie das Gericht feststellte.

Er kaufte Autos für sich und seine Frau, finanzierte die Hochzeit seines Sohnes mit Stiftungsgeld. Der Vorsitzende Richter Günter Necker sprach am Mittwoch von einer Stiftung, die zu einem „Selbstbedienungsladen für die Familie“ geworden sei.

Sogar die mit Münzgeld betriebenen Waschautomaten in Wohnobjekten für Obdachlose habe der Mann geplündert, hieß es. 14 300 Euro soll er in Eimern zur Bank getragen und auf das Konto seiner Frau eingezahlt haben. Mit der Stiftung „Nestwerk“ soll er einen Schaden in zweistelliger Millionenhöhe angerichtet haben. Allein die Stadt Stuttgart blieb laut Anklage auf gut 4,6 Millionen Euro sitzen. Richter Necker zitierte einen Zeugen mit den Worten, die Stiftung habe „einen Heiligenschein“ gehabt. Die Kontrolle durch Stadt, Stiftungsrat oder Wirtschaftsprüfer sei mangelhaft gewesen, kritisierte er.

Die Stiftung war 1994 „zur Vermeidung von Obdachlosigkeit und Wohnungsnot“ gegründet worden. Die Stiftung ging 2010 pleite. Mit Scheinrechnungen und gefälschten Urkunden soll sie der Angeklagte künstlich am Leben gehalten haben. „Das Stiftungsbüro glich zeitweise einer Fälscherwerkstatt“, sagte der Richter. Urkundenfälschung, Bestechung und Ähnliches hatten den Mann Anfang der 1990er-Jahre bereits für mehrere Jahre ins Gefängnis gebracht. Als Freigänger in Ulm soll er den Gründer der Stuttgarter Stiftung kennengelernt haben. Roland Böhm, dpa

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01.02.2018, 06:00 Uhr
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