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„Falsch abrechnen geht nicht“

Ärzte und Hinterbliebene streiten über die Vergütung der Leichenschau

Bei der Ausstellung des Totenscheins gibt es noch mehr Probleme.

15.02.2019

Von Martin Hofmann

Zur Leichenschau gehört nur die genaue Untersuchung des Toten. Eine Obduktion findet allenfalls bei einem unnatürlichen Tod statt. Foto: BEACHTEN: NPG-LIZENZ Von Photographee.eu Lizenzfreie Stockfotonummer: 222269443 Vertical view of necropsy in the mortuary - Bilder Download am 14.02.2019 für SWUM ©Photographee.eu/Shutterstock.com

Natürlich hat Carmen Wißmann bezahlt. Unbesehen. Doch jetzt hat ihr eine Meldung keine Ruhe gelassen. Im Raum Karlsruhe ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen hundert Ärzte wegen überhöhter Rechnungen für die Leichenschau. Da die Balingerin alle Unterlagen zum Tod ihres Mannes abgeheftet hat, wird rasch gewiss, was sie befürchtet hat. Neben „Untersuchung eines Toten mit Ausstellung des Totenscheins ... 33,52 Euro“, stehen „Hausbesuch ... 42,90 Euro, Tiefennachtzuschlag ... 26,23 Euro, Wochenendzuschlag ... 19,82 Euro, Wegegeld ... 7,06 Euro“ auf der Rechnung, macht 129,63 Euro.

Hausbesuch? Den hätte der Arzt vor sechs Jahren so wenig abrechnen dürfen wie heute. Herr Wißmann erlitt einen tödlichen Herzinfarkt auf der Jagd. Die Leichenschau fand beim Bestatter statt. Extra-Zuschläge sind ebenfalls nicht vorgesehen. Nur Wegegeld kann der Arzt noch geltend machen. „Mehr als 77 Euro muss aber niemand bezahlen“, sagt Alexander Helbach von Aeternitas, Verbraucherinitiative Bestattungskultur. Die Leichenschau kostet maximal 33,52, in Ausnahmefällen 51 Euro. Das Wegegeld liegt tagsüber zwischen 3,58 und 15,34 Euro, nachts zwischen 7,16 und 25,56 Euro. Ein Hausbesuch kann nur berechnet werden, wenn der Mensch noch gelebt hat.

Natürlich deckt die Vergütung den Aufwand nicht. Das beklagen nicht nur die niedergelassenen Ärzte. Sie sind verpflichtet, eine Leichenschau vorzunehmen. „Das ist keine faire Bezahlung“, betont auch Helbach. Ärzte müssen die Praxis für längere Zeit verlassen. „Allerdings rechtfertigt dies nicht, Phantasiepauschalen abzurechnen“, sagt er. Bei Aeternitas, einem gemeinnützigen Verein mit 50.000 Mitgliedern, tauchen seit Jahren immer wieder Rechnungen in Höhe von 150 bis 200 Euro auf. Falschabrechnungen sind ein Dauerthema, Ermittlungen gegen Ärzte in Karlsruhe oder Duisburg zeigen laut Helberg „nur die Spitze des Eisbergs“.

Die Leichenschau wird privat abgerechnet. Die Krankenkassen kommen dafür nicht auf. Ärzte wissen, welche Summen sie ansetzen dürfen, bestätigt ein Landarzt. „Dass sie in keinem Verhältnis zum Aufwand stehen, ist unstrittig.“ Das müsse aber über die längst fällige Reform der Gebührenordnung verbessert werden. Seine Meinung: „Falsch abrechnen geht nicht, schon gar nicht in einem Trauerfall.“ Andere Kollegen sehen dies völlig anders. Laut dpa bezeichnet ein Arzt, gegen den in Karlsruhe ermittelt wird, es als gängige Praxis, das Doppelte zu verlangen. Er sieht sich nicht als Betrüger.

Falschabrechnungen sind jedoch nur ein Problem der Leichenschau. Die Gewerkschaft der Polizei im Land beklagt, Schutzpolizisten müssten oft mehr als eine Stunde warten, bis ein Arzt eintreffe. Zudem: „Vielen Medizinern fehlt schlichtweg die Routine“, sagt Geschäftsführer Armin Roth. Obwohl sich die Fortbildung deutlich verbessert habe.

Um die Todesursache festzustellen, ist die entkleidete Leiche gründlich zu untersuchen. Alle Körperregionen, einschließlich der Körperöffnungen und der behaarten Kopfhaut müssen sorgfältig inspiziert werden. „Für diesen letzten Dienst am Menschen müssen sich die Ärzte Zeit nehmen“, sagt Steffen Mayer, Landesvorsitzender des Bunds der Kriminalbeamten. Rechtsmediziner nehmen seit vielen Jahren an, dass in Deutschland pro Jahr rund 3000 unnatürliche Todesfälle unerkannt bleiben. Rechtsmediziner der Universität Rostock haben vor einem Jahr 10 000 Todesbescheinigungen überprüft. Nur 223 waren fehlerfrei. In 44 Fällen wurde ein natürlicher Tod bescheinigt. Es war aber keiner.

Mayer regt an, „dieses Dunkelfeld“ möglicher unentdeckter Todesursachen im Südwesten aufzuhellen. Er plädiert für eine intensivere Kooperation zwischen Ärzten und der Polizei. Zu schnell kreuzten Mediziner auf dem Totenschein „natürlichen Tod“ an. Um dies zu vermeiden, bedürfe es intensiver Fortbildung. Im Land gebe es genug rechtsmedizinische Experten, die ihre Kollegen weiterbilden könnten. Von der Teilnahme an Schulungen sollte künftig abhängen, wer die Leichenschau vornimmt. Die Gewerkschaft der Polizei fordert hingegen amtlich bestellte Leichenbeschauer, die eng mit der Kripo zusammenarbeiten.

Die Ermittlungen zu Falschabrechnungen in der Region Karlsruhe dauern an, erklärt Staatsanwalt Tobias Wagner. „Das ist ein komplexes Verfahren“. Wann es abgeschlossen ist, könne er noch nicht sagen.

Tipps für die Hinterbliebenen

Angehörige, die unkorrekte Abrechnungen erhalten, sollten sich mit dem ausstellenden Arzt in Verbindung setzen, rät Alexander Helbach von der Verbraucherintitiative Aeternitas. In der Regel genügt es, dass sie erklären, sie zahlten den Gebührensatz, den die Gebührenordnung vorsehe. Sie sollten dann auch die Summe von höchstens 77 Euro überweisen.

Schwieriger werde es, wenn die Forderung beglichen ist. Da schalteten Ärzte mitunter auf stur. Im Zweifel bleibe der Klageweg. Oft sehen Angehörige den Betrag erst mit der Endabrechnung des Bestatters. Auch dann könnten sie den Betrag kürzen, sollten aber den Bestatter vorher informieren.⇥fm

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Erstellt:
15. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2019, 06:00 Uhr

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