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Leitartikel · Deztsche Einheit

Fallen und aufstehen

Von Ulrich Becker Am Abend des 3. Oktober 1990 stand ich auf dem Marktplatz in Leipzig, unmittelbar vor dem Alten Rathaus.

02.10.2015
  • SWP

Hinrich Lehmann-Grube, im Juni '90 frisch gewählter Oberbürgermeister aus der Partnerstadt Hannover, hielt die Festrede. Als Höhepunkt brannte eine Feuerfigur ab, die die Umrisse von Bundesrepublik und DDR zeigte. Die trennende Grenze verschwand am Ende, nur das wiedervereinte Deutschland strahlte hell. Dann kamen mehrere Dutzend Rechtsradikale, stürmten den Platz und die Feier brach unvermittelt ab. Die Realität hatte die Heldenstadt Leipzig, in der am 9. Oktober 1989 die entscheidende Demonstration der friedlichen Revolution stattgefunden hatte, eingeholt.

Ein Vierteljahrhundert später kämpft das wiedervereinte Deutschland erneut mit ähnlichen Problemen. Wieder sind es Rechtsradikale und deren willfährige Anhänger, die vor allem in den neuen Ländern dumpfe Parolen grölen und mit der diffusen Angst vieler Menschen vor Veränderung und Neuem auf Stimmenfang gehen. Mit Pegida und Legida werden die Vorurteile der "Wessis" wieder lauter, die im Osten den schlechteren Teil Deutschlands vermuten. Da wird selbst der von Bundespräsident Joachim Gauck ganz anders gemeinte Begriff des hellen und dunklen Deutschlands zu einer geografischen Größe umgedeutet. Hinter der Fassade der Feierlichkeiten und Festreden bleibt der latente Vorwurf, dass die "da drüben" ja doch irgendwie anders seien.

Das sind sie in der Tat - zum Glück für dieses Land. Nicht Gesichter wie das der ehemaligen Pegida-Frontfrau Kathrin Oertel stehen für die Menschen in den neuen Ländern, sondern Millionen, die vor 25 Jahren das ausgeblutete DDR-Regime allein durch ihren friedlichen Protest zu Fall brachten und sich danach in das Abenteuer Bundesrepublik stürzten. Wer heute im gut funktionierenden und wirtschaftlich satten Baden-Württemberg sitzt, vermag nicht einzuschätzen, was der Umbruch vor 25 Jahren für die Menschen der DDR bedeutete. Abschlüsse, Studien, Lebensbiografien lösten sich über Nacht auf, waren plötzlich nichts mehr wert. Von den letzten 25 Jahren habe ich nahezu 15 Jahre im Osten gelebt oder gearbeitet - und habe nie wieder so viele Beispiele für Mut und Willen zum Aufbruch gefunden. Unternehmensgründungen, die keinen Bestand hatten, Berufsentscheidungen, die wieder revidiert werden mussten: Fallen und dennoch wieder aufstehen war das Grundsatzprogramm der ersten Jahre nach der Wiedervereinigung.

Darum sollten braune Umtriebe unseren Blick nicht auf das trüben, was wir am 3. Oktober 1990 gemeinsam gewonnen haben. Deutschland und vor allem die Menschen aus den neuen Ländern haben eine Herausforderung gemeistert, die vor 25 Jahren manchem als zu groß für eine Generation erschien. Heute halten laut einer Umfrage des Politbarometers 64 Prozent der Deutschen die Probleme der Einheit für weitestgehend gelöst.

Aus diesem Bewusstsein sollten wir auch die Kraft für die nächste große Aufgabe schöpfen. Die Aufnahme und Integration von Hunderttausenden Flüchtlingen wird in Deutschland mit ähnlich umwälzenden Entwicklungen verbunden sein wie dies bei der Wiedervereinigung der Fall war. Unsere jüngste Geschichte beweist, dass Politik und Gesellschaft - auch verbunden mit Opfern - in der Lage sind, eine solche Aufgabe zu meistern. Und darum hat der hart kritisierte Satz von Kanzlerin Angela Merkel in jeder Hinsicht weiterhin Bestand: Wir schaffen das!

Fallen und aufstehen

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02.10.2015, 12:00 Uhr
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