Schauriger Fund in russischem Wald

Fässer mit 248 toten Föten entdeckt - Material für illegale Schönheitstherapien?

Hunderte Embryos in einem Wald - dieser Fund schreckt Russland auf. Ob es sich um Schlamperei bei der Entsorgung abgetriebener Föten handelt oder gar eine StammzellenMafia dahinter steckt, ist offen.

25.07.2012

Von STEFAN SCHOLL

Moskau Ein grausiger Fund entsetzt ganz Russland. Am Montag entdeckten Anwohner in einer Waldsenke unweit der Straße von Jekaterinburg nach Nischni Tagil im Ural 248 menschliche Embryos. Wie die Zeitung Komsomolskaja Prawda berichtet, befanden sich die 10 bis 15 Zentimeter großen Körper in vier Fässern mit Formaldehyd. Der Deckel eines der Fässer hatte sich geöffnet, sein Inhalt war ausgelaufen.

Nach Angaben eines Polizeisprechers waren die Föten mit Nummermarken versehen, aus denen die Ermittlungsbehörden schließen, dass die Embryos aus mindestens vier medizinischen Einrichtungen stammen. Zur Zeit überprüfen die Kriminalisten den Verbleib der abgetriebenen Föten aller Geburtskliniken und Krankenhäuser mit gynäkologischen Abteilungen Jekaterinburgs seit 2010. Nach Polizeiangaben überlassen die Kliniken die Beseitigung lizenzierten Spezialfirmen. Laut Gesundheitsministerium ist eine solche Firma auch für das Abladen der Föten in dem Waldstück verantwortlich. Nach Angaben verschiedener Medien soll die AG "Promekologija" für die Beseitigung der aufgefundenen Embryos verantwortlich gewesen sein. Ein Vertreter der Firma dementierte das aber.

Abgeordnete der Staatsduma forderten gestern eine umfassende Untersuchung des Falls. "In diesen Fässern wurden keine Embryos, sondern bereits ungeboren getötete menschliche Wesen gefunden", erklärte Elena Misulina, Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Familie, Frauen und Kinder. Und in Russland arbeite illegal eine ganze Industrie, die sogenanntes Abortmaterial für pharmazeutische und kosmetische Zwecke verarbeite. Die Gynäkologin Juliana Abajewa sagte Radio RSN, bei dem Fund im Ural könne es sich auch um nicht geeignetes Abtreibungsmaterial handeln, dass für Fetaltherapien bestimmt gewesen sei. "Eine Stammzellentherapie, die in der Schönheitsmedizin angewendet wird."

Nach Ansicht anderer Experten könnten die Embryos tatsächlich diesem in Russland gesetzlich verbotenen Zweck gedient haben. "Auch solche Föten müssen bestimmten medizinischen Anforderungen genügen, dürfen keine Infektionen tragen" sagte Swetlana Rudnjewa von der Moskauer Stiftung "Familie und Kindheit" unserer Zeitung. Vielleicht habe ein illegaler Lieferant abgelehnte Ware bei erster Gelegenheit weggeworfen. Aber ebenso sei möglich, dass bei der Entsorgung einfach geschlampt wurde. Schon seit Jahren kursieren in Russland Gerüchte über eine medizinische Mafia, die die Stammzellen von Embryos für verjüngende Therapien vertreibt. In den Geburtskliniken gäbe es ein inoffizielles Plansoll von Aborten, um diese Mafia beliefern zu können, heißt es.

In Russland ist Abtreibung bis zur 12. Schwangerschaftswoche erlaubt, danach bedarf es medizinischer Indikationen. Nach offiziellen Angaben liegt die Zahl der Abtreibungen bei jährlich knapp einer Million, Tendenz fallend. Die Parlamentarierin Misulina geht hingegen von jährlich fünf bis sechs Millionen illegal abgetrieben Kindern aus.

Laut Rudnjewa rechnen viele Privatkliniken Abtreibungen schon aus Steuergründen als Fehlgeburt oder Menstruationsregelung ab. Und es gilt als weit verbreitete Praxis, dass Gynäkologen medizinische Indikationen an Frauen verkaufen, die noch nach dem 3. Monat abtreiben wollen. "Dazu", sagt Rudnjewa, "kommt die über mehrere Generationen eingetrichterte Mentalität der Ärzte, ungeborenes menschliches Leben geringer zu schätzen als Komfort und Karriere schwangerer junger Frauen."

In diesen Plastikfässern in einem Wald befanden sich 248 Embryos. Experten schließen nicht aus, dass sie für die Schönheitsmedizin gedacht waren. Foto: dpa

Zum Artikel

Erstellt:
25. Juli 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Juli 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Juli 2012, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App