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Ein Meister des Sitzens

Ex-Tübinger steht einem Zen-Kloster vor

Mehr Aussteigen als er es tat, geht nicht. Olaf Nölke hat nicht nur seinen Namen und sein Land gewechselt, er hat obendrein auch seine bürgerliche Existenz aufgegeben: Er wurde Mönch im größten Zen-Kloster Japans.

03.08.2010
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. In Tübingen kennen ihn manche als Olaf Nölke, beim deutschen Fernsehpublikum wurde er als Abt Muho bekannt – sogar berühmt? Er wehrt lachend ab: „Nur meine Familie denkt, ich sei berühmt, weil ich hier zwei Mal im Fernsehen war.“

Sein Vater und eine Schwester wohnen noch in Tübingen. Er selber lebte zehn Jahre hier, besuchte zuerst die Grundschule Winkelwiese und danach die Gesamtschule Waldhäuser-Ost. Mit sechzehn Jahren wechselte der gebürtige Berliner, der die ersten Jahre seines Lebens in Braunschweig verbracht hatte, wieder dorthin zurück ins Internat.

Braunschweig–Tübingen–Berlin, soweit ist nichts Ungewöhnliches an seiner Biografie. Doch schon während der Internatszeit schlich sich etwas in sein Leben, das den weiteren Verlauf bestimmen sollte. Der 16-Jährige begann zu meditieren. Allerdings erst, nachdem er seine Skepsis niedergerungen hatte. „Die östliche Meditation war damals eher ein Gegenstand des Amüsements“, erinnert sich der 42-Jährige. Es war die Zeit, als Bhagwan viele vom abendländischen Materialismus frustrierte Westler in seine Ashrams zog, und dann als großer Abzocker mit einem Stall voller Luxus-Limousinen entlarvt wurde.

Nölkes Bedenken gegen solcherart innere Einkehr nach fernöstlichem Muster waren also zunächst groß. Es bedurfte der ganzen Beharrlichkeit seines Lehrers, bis der Schüler endlich die Meditationsgruppe des Internats besuchte. Dann allerdings wurde Zen zum festen Bestandteil seines Lebens. „Ich habe den Kreis an der Schule später geleitet.“

Ein langer Tag, aber ohne Stress

Dennoch studierte Nölke zunächst Physik, Japanologie und Philosophie, Zen sollte für ihn eher Begleitmusik sein. Doch dann lernte er das Kloster Antaiji im japanischen Bergland nordwestlich von Kyoto und einen Zen-Meister kennen, der auch sein Lehrmeister werden sollte. Das Physik-Studium legte er nach der Zwischenprüfung ad acta, Japanologie und Philosophie beendete er mit Magisterexamen und verließ Berlin Richtung Japan. „Mir war klar, ich will da Mönch werden.“

Nun ist das dortige mit dem hiesigen Mönchsleben nicht zu vergleichen. Auffälligster Unterschied: Abt Muho ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Familie wohnt nicht mit ihm im Kloster, sondern in unmittelbarer Nähe. Im Winter, wenn Antaiji eingeschneit und von aller Welt abgeschnitten ist, wohnen Frau und Kinder in der Stadt. Muho verlässt das Kloster dann immer wochenweise, um bei ihnen zu leben.

Muho lebt nach einem strengen Stundenplan. Bei einem Arbeitstag mit bis zu 15 Stunden ist die Zeit für die Familie begrenzt. Dabei fängt Muhos Tag schon um 3.45 Uhr an. Das klingt zwar nach Stress, aber der ist dennoch ein Fremdwort in diesem Klosterleben, zu dem täglich vier Stunden Meditation, gemeinsames Essen, Landarbeit und Gespräche gehören.

Die Klostergemeinschaft versorgt sich zwar selbst, dennoch ist die Landwirtschaft nicht nur Mittel zum Zweck. Muho beschreibt sie als eine erfüllende Tätigkeit, die ihren Sinn nicht nur in der Versorgung des Klosters findet. Denn nach der Zen-Lehre sollte das Leben nicht von zweckgerichtetem Tun, sondern vom Augenblick bestimmt sein.

Zen, so erklärt der zugewandt und aufmerksam wirkende Muho, ist auch kein Entspannungstraining, kein Mittel also, um sich fitter zu machen. Was also bringt Zen? „Zen bringt gar nichts!“ sagt Muho schlicht. Und ergänzt: „Zen bringt nur, dass du im Moment lebst.“

Was denkt der Mensch oder Mönch so mitten beim schönsten Meditieren? Redet er sich Ruhe ein? Bemüht er sich verzweifelt um Entspannung oder geistige Leere? Alles falsch. Wer im Schneidersitz auf dem Sitzkissen Platz genommen hat, „muss sich noch nicht einmal entspannen“, betont Muho, der auch Einführungsbücher über Zen schrieb. „Man versucht nur, im Sitzen ganz da zu sein.“ Zazen heißt diese Form des Daseins, es ist das japanische Wort für Sitzmeditation. Denn der Buddhismus erschöpfe sich nicht nur in der Lehre. „Buddhismus“, so Muho, „ist weder eine Philosophie noch eine Religion, er ist eine Lebensweise.“

Die schöne Erfahrung des Bettelns

Der Buddhismus empfiehlt Mönchen die Hauslosigkeit. Für ein halbes Jahr lebte Muho als Obdachloser in einem Park in Osaka, allein mit Betteln sicherte er seinen Unterhalt. Das sei eine „sehr schöne und befreiende Erfahrung“ gewesen, sagt der Abt. In dieser Zeit leitete er eine Zen-Gruppe, denn er wollte eben auch etwas zurückgeben von dem, was er bekam. Aber, sagt er, in Japan käme sowieso niemand auf die Idee, in einem bettelnden Mönch einen „Parasiten“ zu sehen.

Als sein Zen-Meister 2002 starb, wurde Muho zum Abt von Antaiji berufen. „Das Gebäude existiert zwar“, hatte der Meister ihm gesagt, „aber den Rest musst du erschaffen.“ Wie lange er dieses Amt ausüben wird? „Vielleicht zehn Jahre“, rät er ins Blaue. Wer wisse schon, wie es weitergeht. Nun, die Familie, so gibt er zu, benötige Sicherheit, aber er selber brauche das nicht, denn: „Irgendwie hat sich in meinem Leben immer etwas ergeben.“

Ex-Tübinger steht einem Zen-Kloster vor
Abt Muho alias Olaf Nölke im Garten seines Vaters im Kirschenweg. Neben ihm sitzt sein Sohn Hikaru,5, und seine Tochter Megumi, 7, mit der Nichte Alice. Bild: Metz

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03.08.2010, 12:00 Uhr
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