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Leben

„Ewige Sommerzeit macht dick, dumm und grantig“

Mediziner und Schlafforscher warnen vor den Auswirkungen monatelanger morgendlicher Dunkelheit auf Konzentration und Lernfähigkeit. Mit der Zeit droht Schlafmangel.

14.09.2018

Von CATHERINE SIMON

Argument gegen Sommerzeit als Normalzeit: Kinder brauchen morgens Helligkeit. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Die Zeitumstellung wird wohl abgeschafft. Bloß: Welche Zeit soll gelten? Sommerzeit oder Winterzeit? Einige Prominente haben sich für die Sommerzeit ausgesprochen, die meisten Teilnehmer an der Online-Umfrage der EU ebenso. Mediziner und andere Wissenschaftler warnen aber davor: Eine dauerhafte Sommerzeit würde schlimme Auswirkungen haben, gerade auch auf Kinder. Der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg fasst zusammen: Ewige Sommerzeit macht dick, dumm und grantig.

Grundsätzlich begrüßen Mediziner, Schlafforscher und andere Wissenschaftler eine Rückkehr zur Einheitszeit. Aus ihrer Sicht widerspricht der zweimal jährliche Wechsel der Biologie.

Vor der Sommerzeit als der künftigen Normalzeit warnen aber viele. Roenneberg: Damit „erhöht man die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme. Das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.“

„Jedes Land, das das nicht macht, wird uns akademisch überholen“, sagt Roemmeberg. Denn vor allem Schüler und Studenten seien betroffen, weil Lernen und das Gelernte zu verarbeiten bei zu wenig Schlaf stark eingeschränkt werde.

Bei dauerhafter Sommerzeit müsse man an deutlich mehr Tagen im Dunkeln aufstehen, sagt Roenneberg: „Je nach Wohnort haben Sie sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens.“

Er kritisiert, dass die Online-Befragung der EU weitgehend ohne Aufklärung geschehen sei. „Wenn EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker gesagt hätte, dass wir künftig alle ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssen, wären die Leute auf der Straße gewesen. Es ist aber nichts anderes.“

Auch Ingo Fietze von der Berliner Charité sagt: „Da denkt im Moment keiner dran, weil es Sommer ist und so hell draußen. Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für die Winterzeit plädiert.“

Die Forscher und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sprechen sich für eine dauerhafte „Normalzeit“ aus. Der DGSM-Vorsitzende Alfred Wiater: „Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten ist.“

„Wenn wir im Winter am Morgen länger der Dunkelheit ausgesetzt sind, werden wir schlechter wach“, sagt Wiater. Das könne Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigen und zu mehr Fehlern in der Schule und im Job führen sowie Unfälle begünstigen.

Natürlicher und sozialer Rhythmus Licht und Dunkelheit bestimmen unsere innere Uhr – wann wir wach und wann wir müde werden. Das Problem ist: Die wenigsten Deutschen können sich nach diesem natürlichen Rhythmus richten. Roenneberg nennt das „sozialen Jetlag“. Der Tagesablauf wird von der sozialen Zeit bestimmt: Arbeitsbeginn, Schulbeginn und Ähnliches. Die meisten Leute brauchen daher morgens einen Wecker.

  

Verspätete Dunkelheit In der Sommerzeit ist es abends länger hell. Deshalb setzt die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin erst später ein. Man wird nicht rechtzeitig müde, muss aber morgens trotzdem früh aus dem Bett. „Mit der Zeit droht ein Schlafmangel“, sagte der Schlafforscher Hans-Günter Weeß kürzlich dem „Stern“. „Wir werden noch mehr zu einer chronisch unausgeschlafenen, übermüdeten Gesellschaft.“

  

Folgen von zu wenig Schlaf Grundsätzlich spielen viele psychische Faktoren bei Ein- und Durchschlafstörungen eine Rolle. Habe man Schlafprobleme, verschlechtere sich auch die Stimmung, sagt Roenneberg: Stress und Schlaf hingen eng zusammen, „Wenn Sie viel Stress haben, brauchen sie guten Schlaf, um diesen zu bewältigen. Wenn sie den nicht kriegen, wird der Stress noch größer.“

  

Die nächste Umstellung findet in der Nacht auf den 28. Oktober statt. Dann werden die Uhren eine Stunde zurückgedreht. Catherine Simon

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Erstellt:
14. September 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. September 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. September 2018, 06:00 Uhr

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