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Glaubensfest auf großer Bühne

Evangelischer Kirchentag zieht viele Besucher an

Eine beeindruckende Masse von Christen hat auf dem Kirchentag in Dresden Flagge gezeigt. Das lässt die Kirche hoffen - auch im Osten, wo sich nur noch eine Minderheit zum Glauben bekennt.

06.06.2011

Von SIMONA BLOCK, DPA CHRISTOPH SCHMIDT, KNA

So schön kann Kirche sein. 120 000 Menschen säumen das Dresdner Königsufer, an dem Geistliche auf einer Bühne predigen und beten. Die Sonne strahlt und setzt die historische Stadtsilhouette, die Canaletto einst so unerreicht porträtierte, ins Licht. Etwas abgekämpft, aber glücklich sehen sie aus, die Teilnehmer des 33. Evangelischen Kirchentags mit ihren grünen Schals. Gestern versammeln sie sich nach dem fünftägigen Veranstaltungsmarathon zum letzten Mal, um Gemeinschaft zu erleben. Singen, beten und umarmen heißt die Devise - und Adressen austauschen.

Ein schönes Fest des Glaubens hat Dresden erlebt, vielleicht den "ersten gesamtdeutschen Kirchentag", wie Präsidentin Katrin Göring-Eckardt meint. Ein Drittel der rund 120 000 Teilnehmer kam aus dem Osten, insgesamt strömten mehr Menschen als erwartet nach Dresden. Selbst die Organisatoren waren überrascht, liegt die Stadt doch in einer extrem säkularisierten Region, in der sich nur noch jeder vierte oder fünfte zum christlichen Glauben bekennt. "Es gibt eine neue Lust auf Theologie", schließt Göring-Eckhardt aus der Resonanz.

Wer jedoch die christianisierte Bannmeile im Zentrum Dresdens mit den singenden Gläubigen und den allgegenwärtigen Posaunenchören verließ, traf bei Einheimischen durchaus auf altsozialistische Kirchenfeindlichkeit. T-Shirts mit der Aufschrift "Ich bin Kreuz-Allergiker" gehörten noch zu den originelleren Beiträgen. Der Berliner Theologe Wolf Krötke sah es realistisch: "Wir haben die Menschen massenhaft verloren und können sie nur einzeln zurückgewinnen." Der "Gewohnheitsatheismus" aus DDR-Zeiten halte sich zäh.

Ohnehin hatte sich dieser Kirchentag viel vorgenommen. Atomausstieg, Wirtschafts-, Finanz- und Eurokrise, Libyen und die Umwälzungen in der arabischen Welt mit ihren Flüchtlingsströmen, Bundeswehreinsätze, Integrationspolitik - all das sollte in gut 2300 Veranstaltungen Thema werden. Und wurde es irgendwie auch. Von heißen Kontroversen, die bei Kirchentagen ihrem eigenen Anspruch nach dazugehören, hörte man nichts. Stattdessen Beifall für Politiker wie Bundespräsident Christian Wulff, Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) oder SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. Selbst als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärt, Flüchtlinge aus Tunesien seien unerwünscht in Europa, gibt es in der Halle keinen Aufschrei - obwohl beide großen Kirchen vehement eine neue Flüchtlingspolitik fordern. Einem entnervten Besucher, der nach eigener Beteuerung ein Dutzend Foren ohne jeden erregten Zwischenruf, ohne empörte Sit-Ins erlebte, blieb nur die Erinnerung an glorreichere Zeiten in den 80er Jahren.

Ist das die "neue Mitmachkultur", die Göring-Eckhardt auf dem Kirchentag ausgemacht hat? Der Kirchentag sei eine Veranstaltung der nachdenklichen Töne, keine Talkshow, gibt sie zu bedenken. Der "Störenfried", wie einst Gründer Reinold von Thadden den Kirchentag verstand, hat an Biss verloren. Ungebrochen ist indes der Andrang der Massen für den Popstar der Protestanten, Ex-Bischöfin Margot Käßmann.

"Wir Christenmenschen lassen uns nicht einreden, wir müssten entweder noch politischer oder aber noch frommer werden", sagte Göring-Eckardt beim Abschlussgottesdienst. "Wir sind beides und haben vor, es zu bleiben." Die führenden Bischöfe der evangelischen und katholischen Kirche unterstrichen ihren Willen zur Ökumene, sehen aber wohl größere Zeithorizonte. "Wir brauchen die Geduld - was wir gemeinsam machen, muss auch theologisch begründet sein", sagte der Vorsitzende der katholischen deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. "Wenn wir warten, bis wir alle Probleme gelöst haben, sind wir im Reich Gottes zusammen", hielt der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Nikolaus Schneider, entgegen.

"Dass allein eine solche Großveranstaltung zu einem Aufschwung führt, wage ich doch zu bezweifeln", hatte der Religionssoziologe Olaf Müller von der Universität Münster schon vor dem protestantischen Laientreffen erklärt. Sicher war der Kirchentag eine Vergewisserung im eigenen Glauben und die Erfahrung als große Gemeinschaft in einer immer säkulareren Umgebung.

Szenen des Abschlussgottesdienstes: Besuchermassen, die sich vor der Sonne schützen (oben). Unten von links: Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckart. Die Frankfurter Pfarrerin Ulrike Trautwein. Der Vorsitzende der katholischen deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. Fotos: dpa

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Erstellt:
6. Juni 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Juni 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Juni 2011, 12:00 Uhr

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