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Ausstellung

Europa und die Realität

Das Literaturhaus Stuttgart bringt das grenzensprengende Graphic-Novel-Projekt „Der Riss“ von der Buchseite an die Wand.

19.10.2017
  • CLAUDIA REICHERTER

Stuttgart. Dieses Buch basiert nicht auf realen Ereignissen – es ist die Realität.“ Ein hoher Anspruch, den die beiden Spanier auf der Rückseite ihres vieldiskutierten Comic-Bands erheben. Nicht nur deshalb, sondern auch in Bezug auf Form und Inhalt ist „Der Riss“ von Carlos Spottorno und Guillermo Abril, dem jetzt das Literaturhaus Stuttgart eine sehenswerte Ausstellung widmet, ein bemerkenswertes Buch. Formal, da es Genregrenzen sprengt. Inhaltlich, weil die grafisch wirkende Foto-Reportage eine klar pro-europäische Haltung vermittelt.

Zwar waren die beiden Journalisten vom Wochenmagazin El País Semanal ursprünglich im Januar 2014 zur Dokumentation von Flüchtlingsschicksalen losgeschickt worden. Doch bald schon machten sie sich auf ihren Reisen Gedanken über die Geschichte und Entstehung Europas und über das, was in der jüngsten Vergangenheit dazu geführt hat, dass sich in diesem „Traum von Einheit und Frieden“, Risse auftaten. Die knacksten just zur Buchveröffentlichung und Ausstellungseröffnung vergangene Woche mit der erwarteten Unabhängigkeitserklärung Kataloniens nochmal ganz drastisch.

Geschichte aus 550 Fotos

Auf knapp 200 Seiten erzählen die beiden also von Europa. Aus teilweise ungewohnten und überraschenden Perspektiven, etwa wenn sie Zeugen einer Mare-Nostrum-Rettungsaktion vor Lampedusa werden oder Soldaten beim Krieg-Üben an der finnisch-russischen Grenze begleiten. Oder vom Kreuz des Reporterdaseins angesichts eines behördlichen Auskunfts-Verweigerungs-Formular-Kriegs berichten.

Wie in Graphic Novels üblich, geschieht dies aus einem konsequent persönlichen Blickwinkel. Der trocken-lakonische Ton in den Textboxen erhöht die berührende Wirkung. Und die zahlreichen eingestreuten Fakten sprechen für sich. Dennoch ist diese comicgleich aufgebaute wahre Foto-Geschichte formal gesehen keine Graphic Novel. Denn sie enthält keinen einzigen gezeichneten Strich und ist keine Fiktion. Anders als die großen Vertreter der grafischen Reportage, Joe Sacco und Guy Delisle, sind die Verfasser keine Illustratoren.

Der 1971 im ungarischen Budapest geborene Spottorno ist ein mit mehreren World-Press-Photo-Awards ausgezeichneter Fotograf. Der 1981 in Madrid geborene Abril ist Reporter der Tageszeitung El País. Der Avant-Verlag nennt ihr vergangenes Jahr bereits auf Spanisch als „La Grieta“ erschienenes Buch vage „Graphic-Novel-Reportageprojekt“ – mit Betonung auf Projekt, das auf bislang nicht Dagewesenes hindeutet. Spottorno und Abril haben dazu aus mehr als 25 000 Fotos rund 550 ausgewählt, die in drei Jahren auf ihren Recherche-Reisen an die EU-Außengrenzen zwischen der spanischen Exklave in Afrika, Melilla, und Ivalo im Norden Finnlands entstanden. Diese ordneten sie mit einigen historischen Aufnahmen und Karten sowie Textboxen auf den die DIN-Norm im A-4-Format leicht überschreitenden Seiten an. In ihrer comichaften schwarzen Umrahmung wirken die Reportagefotos grobkörnig und künstlerisch verfremdet. „Über die farbliche Bearbeitung aller Fotos hinaus wurden einige Aufnahmen gedreht, Horizonte begradigt und optische Verzerrungen korrigiert“, erklären die Verfasser am Ende von „Der Riss“. Und betonen: Die Geschichten, die sie erzählen, trugen sich so zu wie gezeigt. Allenfalls die Reihenfolge des Erlebten wurde zum Teil verändert. „Für ein besseres Verständnis.“

Der Stuttgarter Kulturmanager Erwin Krottenthaler, der die Ausstellung zu „Der Riss“ wie zuvor schon seine ausgezeichnete „Eternauta“-Schau zusammen mit Kuratorin Anna Kemper und Avant-Verleger Johann Ulrich konzipiert hat, legte großen Wert darauf, dem Buch gerecht zu werden. So hat er etwa trotz der teilweise extremen Formate die vom Fotografen gewählten Bildschnitte so wenig wie möglich verändert.

Inhaltlich mussten die Ausstellungsmacher natürlich kürzen: 120 Bilder und rund 200 Texttafeln zeigen sie im Treppenhaus des Literaturhauses und in fünf Räumen im ersten Stock. Dazu etliche wandhohe Stoffbahnen, die die auf Holztafeln aufgezogenen Fotografien zum Teil symbolträchtig verschleiern. „Anfang und Schluss der Geschichte zu zeigen war uns wichtig“, erklärt Krottenthaler. „Und die Autoren legten Wert darauf, dass ihre Erlebnisse auf der Balkan-Route dabei sind.“ So setzt die Schau einen eigenen Akzent. „Selbst Fotograf Spottorno, der wie Abril zur Eröffnung gekommen war, hat seine Bilder noch nie in dieser Größe gesehen“, sagt der 48-Jährige.

Dass Spottorno und Abril ihrem Anspruch auf Realitätsnähe durchaus nahekommen, zeigt eine Anekdote von der Ausstellungseröffnung: Einer der Besucher war ein Flüchtling, den die beiden auf ihren Reisen fotografierten und der heute in Stuttgart lebt. Den habe deren Arbeit sehr berührt, berichtet Krottenthaler.

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19.10.2017, 06:00 Uhr
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