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Diesel

Europa in der Abgaswolke

Zwei Jahre nach Aufdecken der VW-Manipulationen sehen sich auch Fiat, Renault, Peugeot und Citroen mit Betrugsvorwürfen konfrontiert. Regierungen und Autokäufer reagieren ganz unterschiedlich auf den Skandal.

15.09.2017
  • MARTIN HOFMANN

Brüssel. Der Abgasskandal und seine Folgen treiben nicht nur Besitzer von Diesel-Fahrzeugen in Deutschland um. Mit massiven Vorwürfen sehen sich auch nicht nur deutsche Autohersteller konfrontiert. Allerdings gehen Bevölkerung und Regierungen in den Ländern, in denen Autos in größerer Stückzahl produziert werden, sehr unterschiedlich mit dem Thema um.

Die EU-Kommission ermittelt seit seit Dezember 2016 gegen Deutschland, Luxemburg, Spanien und Großbritannien. Brüssel hält den Regierungen vor, VW nicht wegen Abschalteinrichtungen belangt zu haben, obwohl ihre Behörden Fahrzeugtypen des Konzerns zugelassen haben. Seit Mai rügt die Kommission Italien, Manipulationsvorwürfen gegen Fiat-Chrysler nicht angemessen nachzugehen.

Frankreich: Großer Ärger droht den französischen Autobauern. Bereits eine von der früheren Umweltministerin Ségolène Royal eingesetzte Untersuchungskommission nahm nicht nur 83 Dieselmodelle der nationalen Hersteller Renault sowie PSA (Peugeot-Citroen) unter die Lupe, sondern ließ die Polizei auch deren Technikzentren durchsuchen.

Auf Schummelsoftware stieß die Kommission zwar nicht, doch erhob sie in ihrem Abschlussbericht den Verdacht, dass Renault/Dacia und PSA (Citroen/Peugeot) die Abgaswerte ihrer Dieselfahrzeuge seit vielen Jahren manipulieren. Die Ermittlungsverfahren gegen beide Konzerne laufen. Der Verdacht hat sich erhärtet. Nach unveröffentlichten Berichten der zuständigen Generaldirektion Verbraucherschutz und Betrugsbekämpfung sollen beide Unternehmen eine ähnliche Software eingebaut haben wie VW. Sie erkennt, ob das Fahrzeug auf einem Rollenprüfstand steht oder nicht. Die Fahrzeuge, die manupliert wurden, sollen mindestens zwischen September 2009 und September 2015 verkauft worden sein.

Den Diesel haben die Autobauer sehr erfolgreich unter das Volk gebracht – jahrelang mit mehr als 70 Prozent der Neuzulassungen. Doch hat sich der Wind gedreht. Dieselautos stehen als üble Dreckschleudern am Pranger.

Dass der VW-Konzern mit einer Umrüstung der knapp eine Million beanstandeten Modelle davonkommt, ist höchst unwahrscheinlich. Bereits im Februar leitete die Pariser Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen schweren Betrugs gegen ihn ein. Experten rechnen im Fall einer Verurteilung mit einer Geldbuße von bis zu 20 Milliarden Euro.

Italien: In Italien hat der Skandal für Schadenfreude gegenüber dem sonst für technologische Spitzenprodukte bewunderten und zugleich beneideten Deutschland geführt. Das Kartellamt verurteilte VW bereits 2016 zur Höchststrafe von fünf Millionen Euro. Der Konzern habe nicht nur manipuliert, er habe die Autos als umweltfreundlich dargestellt, begründeten Wettbewerbskommissare ihr Urteil.

Der Verbraucherschutzverein „Altroconsumo“ strengt derweil eine Sammelklage gegen VW an, der sich lange vor Ablauf der Frist am kommenden 1. Oktober mehr als 30 000 Italiener angeschlossen haben. Betroffen seien in Italien 650 000 Fahrzeuge, betont der Verein, der für jeden Wagen 15 Prozent der ursprünglichen Kaufsumme verlangt.

Dass dem Autobauer Fiat-Chrysler inzwischen wegen Betrugssoftware eine Zivilklage in den USA droht, hat bisher bei der Regierung in Rom keine Reaktionen ausgelöst. Der Konzern bestreitet nach wie vor, Manipulationen vorgenommen zu haben, obwohl Wissenschaftler aus Deutschland und den USA bereits nachgewiesen haben, dass Autos des Konzerns ebenfalls mit Abschaltsystemen der Abgasreinigung arbeiten.

Spanien: Rubén Sánchez schaut neidisch auf die USA. Während die dortige Regierung VW wegen des Dieselmotorbetrugs mit Milliardenbußen belegt, schaue die spanische Regierung seit zwei Jahren weg, schreibt der Sprecher des spanischen Konsumentenvereins Facua. Rund 700 000 der weltweit 11 Millionen betrogenen Kunden des VW-Konzerns sind Spanier. Doch: „Kein Minister hat das Unternehmen auch nur gebeten, den Betroffenen eine Entschädigung zu zahlen.“

Deren einzige Hoffnung ist die Justiz. Doch die arbeitet langsam. Seit fast zwei Jahren ermittelt ein Untersuchungsrichter gegen VW und kommt kaum voran.

Das Industrieministerium kam erst ein Jahr nach Bekanntwerden des Skandals auf die Idee, ein Bußgeldverfahren gegen die spanische VW-Tochter Seat zu eröffnen, legte es aber gleich wieder auf Eis. Wie die Politik scheinen auch die Verbraucher den Skandal nur als fernen Gestank wahrzunehmen. Sie bleiben treue Kunden des VW-Konzerns. Seat ist in den ersten sieben Monaten 2017 die meistverkaufte Marke gewesen, mit einem Plus von 13,4 Prozent im Vergleich zu 2016.

USA: Die Reaktionen und der Umgang mit der Affäre könnte kaum kontrastreicher sein. Auf den Punkt gebracht: Null Toleranz bei den Behörden und Gerichten, Gleichgültigkeit und schlechtes Gedächtnis bei Autokäufern. Sie legen mehr Wert darauf, solide und preisgünstige Autos in der Garage zu haben, die ungeachtet der Schummeleien das Etikett „Made in Germany“ tragen. In den ersten sieben Monate 2017 verkaufte VW in den USA fast sechs Prozent mehr Autos als im Vorjahreszeitraum. Bemerkenswert: Selbst der Anteil verkaufter Diesel-Pkw zieht wieder an.(mit gab, heu, dth, mad)

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15.09.2017, 06:00 Uhr
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