Experimente mit Gefangenen

Eugen Haagen: Zahlreiche seiner Versuche im KZ Natzweiler endeten tödlich

Die Tierversuche an der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere waren immer wieder Anlass zu Diskussionen. Dass dort ein Professor arbeitete, der in einem KZ mit Menschen experimentiert hatte, war nie ein Thema.

02.11.2011

Von Hans-Joachim Lang

Tübingen. Die Kisten sind gepackt, viele schon abtransportiert. Nur noch wenige Wochen, dann wird die Tübinger Außenstelle des Friedrich-Loeffler-Instituts, die frühere Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere, vollends auf die Ostsee-Insel Riems umgezogen sein. In Tübingen war die Forschungseinrichtung 1953 auf der Waldhäuser Höhe angesiedelt worden. Den Anstoß für die Gründung gab vor allem die anfangs der 1950er Jahre stark verbreitete Maul- und Klauenseuche, die immense Schäden in den bundesdeutschen Ställen anrichtete. Das in Tübingen schon ansässige Max-Planck-Institut für Virusforschung (seit 1984: für Entwicklungsbiologie) hatte die Standortwahl wesentlich beeinflusst.

Angeblicher Kandidat für den Nobelpreis

1956 nahm die Bundesforschungsanstalt auch Prof. Eugen Haagen in ihr Forscherteam auf und beschäftigte ihn bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1965. Der Virologe, der schon in der Weimarer Republik ein erfolgreicher Wissenschaftler war, hatte einen USA-Aufenthalt hinter sich, als er 1933 ans Robert-Koch-Institut in Berlin kam. Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Typhus, wird ihm nachgesagt, soll ihn 1936 sogar auf die Liste eines Kandidaten für den Nobelpreis für Chemie gebracht haben.

Als im Herbst 1941 im besetzten Straßburg eine deutsche Reichsuniversität eröffnet wurde, nahm Haagen dort einen Ruf auf den Lehrstuhl für Hygiene und Bakteriologie an und konzentrierte sich weiter auf die Verbesserung seines Impfstoffs. Für einen ersten Versuch an Menschen ließ er im Mai 1943 aus dem Konzentrationslager Natzweiler/Struthof 28 polnische Häftlinge auswählen und in die Strafbaracke des nahen „Sicherungslagers“ Schirmeck verlegen. Nach zwei Serien von Impfungen an diesen Häftlingen mit seinem Serum starben zwei von ihnen.

„Gesundes Menschenmaterial“

Im Sommer 1943 setzte Haagen, nun mit noch größeren Versuchsgruppen, im KZ Natzweiler/Struthof seine Menschenversuche fort. Dort hatte der Anatomie-Professor August Hirt, der mit Kampfgasen an Gefangenen experimentierte, gerade 86 aus Auschwitz angeforderte Häftlinge ermorden lassen, weil er an der Uni eine Schausammlung mit Skeletten von Juden plante. Am selben Tag, an dem die letzten Leichen dieser Ermordeten am Straßburger Anatomie-Institut angeliefert wurden, wandte sich Haagen an den Geschäftsführer der SS-Wissenschaftsorganisation „Ahnenerbe“ Wolfram Sievers, der auch Hirt behilflich gewesen war. Kurz danach teilte ihm Sievers mit, dass beabsichtigt sei, ihm „die gewünschte Personengruppe zur Verfügung zu stellen“.

Mitte November 1943 wurden daraufhin 100 männliche Sinti und Roma deutscher, polnischer, tschechischer und ungarischer Herkunft von Auschwitz ins Elsass deportiert. Sie waren offenbar so sehr geschwächt, dass 18 von ihnen unterwegs in den Güterwaggons starben und weitere zehn nach ihrer Ankunft im elsässischen KZ. Haagen beschwerte sich deswegen und forderte neue Versuchsopfer an: „Derartige Versuche führen nur dann zu einem brauchbaren Schluß, wenn sie mit einem ernährten und in gutem allgemeinen Kräftezustand befindlichen gesunden Menschenmaterial angestellt werden.“ Die neuen Versuchsopfer trafen einen Monat später ein. Seine Versuche an ihnen begann der Virologe am 27. Januar 1944. Er bildete zwei Gruppen, deren eine subkutan geimpft wurde, deren andere intramuskulär.

„Ohne Worte wurde mein linker Oberarm festgehalten und gitterähnlich aufgeritzt, bis er stark blutete“, berichtete ein Überlebender nach seiner Befreiung. „Diese Prozedur war sehr, sehr schmerzhaft. Auf die starke Blutung wurde bei mir fast ein Teelöffel voll Typhus-Gift geschüttet und verrieben. Dabei wurde der linke Oberarm so lange hochgehalten, bis sich das Blut mit meinem Blut vermischt hatte. Dadurch war für mich und die anderen eine Auswaschung des Gifts unmöglich gemacht worden.“ Lange anhaltendes hohes Fieber war die Folge.

Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte Eugen Haagen noch 1944 im Zentralblatt für Bacteriologie, wo er ohne Scheu angab, „40 nicht geimpfte Zigeuner“ mit dem Virus infiziert zu haben. Beim Nürnberger Ärzteprozess 1946/47 berichtete ein früherer niederländischer Häftling, dass während dieser Versuchsserie 29 Personen ums Leben gekommen seien.

Auch Haagen wurde in Nürnberg gehört. Kurz bevor Straßburg im November 1944 von den Alliierten befreit worden war und August Hirt sein Anatomisches Institut nach Tübingen verlegt hatte, war Haagen ebenfalls aus dem Elsass geflohen. Er hatte sich mit seinem Labor bei Jena niedergelassen. Dort verhafteten ihn ein halbes Jahr später die Amerikaner, ließen ihn wenig später frei, nahmen ihn 1946 wieder fest und luden ihn schließlich als Zeugen vor den Ärzteprozess.

Im Januar 1947 lieferten die Amerikaner den Virologen an die Franzosen aus. Zusammen mit seinem Straßburger Kollegen Prof. Otto Bickenbach, der in Natzweiler an Häftlingen die Wirksamkeit von Impfstoffen gegen Kampfgase ausprobiert hatte, wurde Haagen vor dem Militärtribunal in Metz angeklagt. Wie der Straßburger Historiker Robert Steegmann überliefert, verteidigte sich Haagen in Metz mit der Aussage: „Ich kann mir nicht erklären, warum alle hier angehörten Natzweiler-Häftlinge einhellig erklärten, ich habe ihnen Typhus inokuliert. Es muss sich um eine kollektive Psychose handeln.“

Erst lebenslänglich, dann begnadigt

Die Militärrichter verurteilten 1952 Haagen und Bickenbach zu lebenslanger Zwangsarbeit und August Hirt in Abwesenheit zum Tode. Dass Hirt schon sieben Jahre tot war – er war von Tübingen vor den Alliierten in den Schwarzwald geflüchtet und hatte sich dort erschossen – , wusste man in Frankreich nicht.

Wegen Formfehlern während des Prozesses hob der französische Oberste Gerichtshof das Urteil gegen Haagen und Bickenbach auf und beauftragte das Militärgericht in Lyon mit der Wiederaufnahme. Die Staatsanwaltschaft beantragte dort nach der Beweisaufnahme die Todesstrafe, das Gericht verkündete eine Gefängnisstrafe von 20 Jahren.

Der Frankfurter Medizinhistoriker Ernst Klee berichtet, dass die Bundesregierung mit Unterstützung der Westdeutschen Ärztekammern im Herbst 1955 Haagens Freilassung erreichen konnte. „In Tübingen fand er einen Arbeitsplatz, in der DFG erneut einen finanziellen Gönner.“

Eugen Haagen starb 1972 in Berlin.

Der Tübinger Virologe Eugen Haagen

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Erstellt:
2. November 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. November 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. November 2011, 12:00 Uhr

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