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Oper

„Etwas sehr Kostbares“

Nach sieben Jahren geht die Ära des Intendanten Jossi Wieler zu Ende. Es war eine gute Zeit für Stuttgart, künstlerisch und menschlich.

21.07.2018

Von JÜRGEN KANOLD

Erfolgreich in Stuttgart: Opernintendant Jossi Wieler. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Stuttgart. Einige Umzugskartons stehen schon im Büro. Jossi Wieler aber hat noch keine Zeit gefunden zu packen. Es herrscht „Hochsaison“ an der Oper Stuttgart – so ist der „Festmonat“ zum Ende seiner Intendanz überschrieben. Noch einmal steht am Montag die Uraufführung von Toshio Hosokawas „Erdbeben. Träume“ auf dem Spielplan, die letzte Inszenierung, die Wieler und sein Chefdramaturg Sergio Morabito herausbrachten; am Dienstag folgen „Die Puritaner“, die live als „Oper am See“ nach draußen in den Schlosspark übertragen werden.

Sieben Jahre lang war Wieler Intendant in Stuttgart, seit 25 Jahren führt er dort auch stilprägend Regie – seit Klaus Zehelein ihn, den Schauspielmann, fürs Musiktheater entdeckte. „Ich musste hineinwachsen in den Beruf des Intendanten“, sagt er rückblickend im Gespräch mit unserer Zeitung: „Es ist ja nicht einfach ein Job, es bedeutet, quasi 24 Stunden am Tag mit Leidenschaft und Enthusiasmus dabei zu sein. Ich werde vermutlich Entzugserscheinungen haben, weil ich sehr gerne in Stuttgart gewesen bin. Denn es war eine besonders erfüllende Arbeit. Dieses Ethos, alles gemeinsam für die Kunst zu tun, damit am Abend der Vorhang hochgehen kann, das habe ich immer versucht, allen Mitarbeitern zu vermitteln.“

Er hört jetzt auch deshalb auf, sagt der 1951 geborene Wieler, weil er glaube, dass ein Theater Veränderung brauche. Aber es waren gute Jahre für Stuttgart, künstlerisch, menschlich. Wieler, der ruhig, leise, mit beiden Händen spricht und um jede Formulierung ringt, ist ein überzeugter, wirkungsvoller Teamplayer. Der große Stuttgarter Ensemblegeist, er wehte durchs ganze Haus. In einem wunderbaren, edel rot gebundenen Buch über die sieben Spielzeiten unter der Intendanz Jossi Wieler, „Verwandlungen“ betitelt, kommen viele Mitarbeiter zu Wort. Auch die Reinigungskraft Anastasia Koulakidou: „Herr Wieler hat mit seiner Gelassenheit alle angesteckt. Wenn er morgens kommt, strahlt er, hüpft von Tür zu Tür und wünscht jedem einen guten Morgen. Er lacht herzlich, fragt, wie der Urlaub war oder wie es den Kindern geht. Er behandelt jeden gleich.“

Es haben große Regisseure hier gearbeitet, von Andrea Breth, Peter Konwitschny, Frank Castorf bis Kirill Serebrennikow; Intendant Wieler und Morabito selbst haben viele gefeierte Inszenierungen auf die Bühne gebracht, angefangen mit Bellinis „Nachtwandlerin“. Der Star aber war immer das Kollektiv – und jeder Chorsänger, Opernstudioso oder Techniker ein wichtiger Teil des Ganzen.

Herr Wieler, das Musiktheater ist die kollektivste Kunstform überhaupt?

Jossi Wieler : Eine Aufführung ist nur dann stimmig, wenn alle Beteiligten von Moment zu Moment im Gleichklang sind, und das geschieht nur dann, wenn alle sich gegenseitig zuhören. Ein zu früh gegebenes Lichtzeichen, eine zu spät gefahrene Versenkung, ein falsch einsetzender Musiker oder Sänger – das würde schon ausreichen, dass ein Gleichklang nicht mehr gegeben ist. Wobei auch Scheitern durchaus Teil unserer Kunst ist. Und weil sie eben nicht digital, sondern noch analog ist und jeden Abend live entsteht, sind wir immer wieder aufs Neue fasziniert von ihr.

Sie haben in der Oper immer Haltung gezeigt.

Wir haben nie l'art pour l'art gemacht oder uns für das Dekorative, das oft auch Teil der Oper sein kann, interessiert, sondern uns mit inhaltlichen und gesellschaftspolitisch relevanten Fragen auseinandergesetzt. Das Stuttgarter Publikum erwartet das auch. Und es ist für uns immer wieder eine besondere Herausforderung, bei jeder neuen Produktion die Tiefen auszuloten. Ich habe hier nie erlebt, dass die Zuschauer Türen schlagend herausgehen, wenn sie etwas nicht verstehen. Man sucht eher den Fehler bei sich selbst und geht vielleicht sogar ein zweites oder drittes Mal in eine Aufführung.

Hatten Sie dabei Rückhalt aus der Politik?

Theater sind immer gefährdet, überall, aber hier in Stuttgart gibt es über fast alle Parteien hinweg einen Konsens, dass diese, und das sage ich bewusst, Exzellenz-Kultur der Staatstheater etwas sehr Kostbares ist.

Zu Ihrem Publikum gehörte auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann . . .

Er ist nicht aus repräsentativen Gründen gekommen, nicht weil er musste, sondern weil ihn Musiktheater begeistert. Er besucht abends die Oper auch an einem Tag, an dem er morgens im Bundesrat in Berlin sitzt und nachmittags auch noch auf dem Wasen beim Fassanstich präsent ist. Denn er findet, dass die Politik vom Musiktheater lernen könne, weil es die alten Werte für die Gegenwart relevant zu deuten und zu erzählen versucht.

Wie sind Sie mit dem Budget klargekommen?

Wir haben gut gehaushaltet mit den Ressourcen, die kleiner sind als in anderen großen Städten. Wir können uns die sogenannten Starsänger nicht leisten, aber wir wollen es auch nicht, weil es für die Ensemblearbeit inhaltlich und künstlerisch nicht förderlich wäre. Solche Stars können vielleicht nur für drei Wochen zu Proben kommen. Wir in Stuttgart arbeiten mit unseren eigenen Stars und haben sieben Wochen Probenzeit für eine Neuinszenierung. Diese optimalen, einzigartigen Bedingungen sind schützenswert. Üblich sind an anderen Opernhäusern sechs oder auch nur fünf Wochen.

Jetzt ziehen Sie nach Berlin, aber eine Inszenierung haben Sie für die nächste Saison angekündigt: den „Freischütz“ in Straßburg, bei Ihrer früheren Operndirektorin.

Aus einer tiefen Freundschaft heraus. Ohne Eva Kleinitz wären meine Intendantenjahre nicht so glücklich verlaufen, sie hat mir den Rücken frei gehalten, mit einem hohen Respekt für die Kunst. Sie hat wunderbare junge Sänger nach Stuttgart engagiert, die niemand vorher kannte, etwa Atalla Ayan. Oder auch das Opernstudio, das heute Weltruf genießt, weiter geöffnet.

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Erstellt:
21. Juli 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Juli 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Juli 2018, 06:00 Uhr

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