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Boris Palmer stellt sein Buch vor

„Es sind nicht die Fledermäuse“

Am Sonntagmorgen sprach Boris Palmer vor fast vollem Kinosaal über Fakten, Moral und den Unsinn mancher Verordnungen.

23.09.2019

Von Ulla Steuernagel

Boris Palmer will erst Fakten sprechen lassen und dann diskutieren. Moral, so eine seiner Thesen, können sich nicht alle leisten, und sie ist ein schlechter Debattenredner.Bild: Anne Faden

Im Großen Saal des Kino Museums schlug Boris Palmer am Sonntag sein druckfrisches Buch zum ersten Mal öffentlich auf. Rund 350 Zuhörerinnen und Zuhörer waren gekommen, um sich vom Autor selber in sein neuestes Werk einführen zu lassen. Die Lesung werde auch tübingerischer – und sie wurde sogar privater –, als die Buchpremiere am Montag in Berlin, so versprach Palmer. Nicht nur weil er als Tübingens Stadtoberhaupt lokale Aspekte seines Buches „Erst die Fakten, dann die Moral“ voranstellte, er rief auch ein „Guten Morgen, Mama!“ in den Saal. Und er bedankte sich außerdem bei der Stadtverwaltung, insbesondere beim Ersten Bürgermeister Cord Soehlke, für die großartige Arbeit, die dort geleistet werde. Damit war Palmer schon einer Fragen zuvorgekommen, die er mit großer Sicherheit erwartete. „Wann haben Sie eigentlich Zeit so ein Buch zu schreiben?“ Er verriet, dass zum Beispiel die Deutsche Bahn – nicht zuletzt dank ihrer Verspätungen – zum Werk beigetragen habe.

Christian Riethmüller von der einladenden Buchhandlung Osiander freute sich schon auf einen weiteren Bestseller, also Palmers zweites Buch. Palmer korrigierte sogleich: „Wir können nicht allen helfen“ sei das zweite gewesen. „Eine Stadt macht blau“ (2008) war die Nummer eins. Zwar verkaufsmäßig ein Flop, aber, wie Palmer findet, „mein bestes Buch“.

Ein Thema, das viele Tübinger umtreibt und den Oberbürgermeister an höchster Stelle, ist der Tübinger Schlosshof. An diesem Beispiel erläutert Palmer im Buch die Unsinnigkeit einer Verordnung, die auf ein vorhandenes, höchst überschaubares Risiko überreagiert. Nach dem Love-Parade-Unglück von Duisburg wurden die Vorschriften so verschärft, dass sich nun nicht einmal 300 Personen im Schlosshof aufhalten dürfen. „Es sind nicht die Fledermäuse, es sind die Fluchtwege“, stellte Palmer klar. Dabei wäre er persönlich bereit, die Verantwortung für eine Freigabe des Schlosses als Veranstaltungsort zu übernehmen. „Eine Flucht könnte vermutlich nur wegen eines Kometeneinschlags, eines Flugzeugabsturzes oder eines Raketenangriffs notwendig werden“, kommentiert er die Absurdität der scheinbar rationalen Verordnung im Buch.

Hier greift er vor allem eine Moral an, die als soziales Distinktionsmittel fungiert, und kritisiert eine „Identitätspolitik“, die Diskriminierungen anprangert und dabei neue schafft. Nun würden eben „alte weiße Männer“ denunziert. Palmer plädiert dagegen eindringlich, aus den Filterblasen herauszutreten und den Austausch mit Andersdenkenden zu suchen. Wobei er, wie er zugab, mittlerweile auch habe lernen müssen, dass nicht nur das richtige Argument, auch das atmosphärische Drumherum zählt. In der Auseinandersetzung mit Tierversuchsgegnern habe der ehemalige Münchener Bürgermeister, Christian Ude, zwar die gleiche Position wie Palmer vertreten, sie aber geschickter dargelegt. „Er bekam langanhaltenden Applaus, ich erschien wie ein Technokrat!“

Solche taktischen Erwägungen fielen ihm nicht immer leicht, dennoch ist er sich sicher: „Für einen Politiker ist es nutzlos, Recht zu haben, er muss auch Recht bekommen.“ Warum er nach einer zweistündigen hitzigen Debatte um die Bebauung des Wasserschutzgebietes Au-Brunnen kaum jemanden für seine Position gewinnen konnte und also heftigen Schiffbruch erlitt, habe ihm anschließend eine Parteifreundin mit den Worten erklärt: „Die Leute regt es auf, dass du auf alles eine Antwort hast.“

Dennoch will Palmer auch weiterhin Antworten geben und Fakten sprechen lassen. Was sind Fakten überhaupt, fragte ein Zuhörer. Wenn 20 Professoren zusammenkämen, gebe es doch 40 Meinungen. Auch er habe die Wahrheit nicht gepachtet, entgegnete Palmer. Er schließe sich dem Popperschen Falsifikationsprinzip an, wonach gilt, was noch nicht widerlegt wurde. Aber, so setzte Palmer hinzu: „Das Allermeiste, über das wir hier diskutieren, ist sehr gut erforscht.“ So könnten diejenigen, die den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel nicht sehen wollen, durchaus mit Fakten widerlegt werden. „Unser Problem ist aber“, so fuhr er fort, „dass selbst leicht überprüfbare Fakten geleugnet werden.“

Dass der Klimawandel menschengemacht sei, so eine Zuhörerin, zeige keine Konsequenzen: „Wir wissen alles und machen alles falsch.“ Er habe keine so pessimistische Weltsicht, erwiderte Palmer und verwies auf den von ihm verehrten Autor Yuval N. Harari, der auch die positiven Seiten der gesellschaftlichen Entwicklung betont. Die Menschheit habe doch ihre schlimmsten Geißeln, wie Hunger, Seuchen und Kriege, beseitigt. „Wir sollten“, schloss Palmer, „diese Errungenschaft wertschätzen.“

Info Boris Palmer: „Erst die Fakten, dann die Moral“, Siedler, München 2019, Hardcover, 240 Seiten, 20 Euro, ISBN: 978-3-8275-0124-0

Falsches Festival, schöner Ort

Im Tübinger Schlosshof fanden in den siebziger Jahren „die legendären Konzerte des Festivals ,Viva Afro Brasil‘ mit bis zu 4000 Besuchern“ statt, so schreibt Boris Palmer in seinem Buch. Tatsächlich gab es hier legendäre Konzerte, an die sich viele Tübinger gerne zurückerinnern. Aber es hatte nichts mit dem Afrobrasil-Festival zu tun, das sich später auf dem Tübinger Marktplatz etablierte. Dieses Festival kam erst sehr viel später in die Tübinger Konzertlandschaft.

Hingegen war es der Club Voltaire, der sich 1972 in Tübingen gegründet hatte, und 1975 zum ersten Tübinger Folkfestival in den Schlosshof einlud. In den siebziger Jahren war der Innenhof von Hohentübingen also ein Ort, an dem linke Liedermacher vor mehreren Tausend begeisterten Zuschauern auftraten.

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Erstellt:
23. September 2019, 01:01 Uhr
Aktualisiert:
23. September 2019, 01:01 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. September 2019, 01:01 Uhr

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