Gesundheitsämter

Es mangelt vor allem an Ärzten

Wichtige Stellen im Kampf gegen das Coronavirus sind nicht besetzt. Das liegt im Fall der Mediziner auch an der vergleichsweise unattraktiven Bezahlung.

16.09.2020

Von DAVID NAU

Vor allem für Ärzte nicht sehr attraktiv: die Arbeit im Gesundheitsamt. Foto: Marijan Murat/dpa

Stuttgart. Waldshut, Mosbach, Friedrichshafen, Freiburg, Konstanz, Zollernalbkreis, Alb-Donau-Kreis – die Liste der Stellenausschreibungen des Sozialministeriums ist lang. Für Ärzte, die gerne in den öffentlichen Gesundheitsdienst des Landes eintreten möchten, sind das gerade goldene Zeiten. In den Gesundheitsämtern im Land fehlen vor allem ärztliche Mitarbeiter – durch die Corona-Pandemie wird das Problem noch drängender.

Nach Angaben des Sozialministeriums waren in Baden-Württemberg Ende August von 406,5 Arzt-Stellen im öffentlichen Gesundheitsdienst 39 (9,5 Prozent) nicht besetzt. Zum 1. September seien außerdem 74 neue Stellen geschaffen worden, für die aktuell Bewerbungen gesichtet und Auswahlgespräche geführt würden. Die Stellen zu besetzen könnte schwierig werden. „Auch in der Vergangenheit mussten manche Arztstellen mehrfach ausgeschrieben werden“, teilt ein Sprecher von Sozialminister Manfred Lucha (Grüne) mit. Ärztinnen und Ärzte hätten aktuell „hervorragende Arbeitsmarktchancen“ und in Arztpraxen und Kliniken werde „regelmäßig eine höhere Vergütung angeboten“ als im öffentlichen Gesundheitsdienst.

Deutlicher Gehaltsunterschied

In der Tat ist der Dienst im Gesundheitsamt für Ärzte finanziell ziemlich unattraktiv. Für das Gesundheitsamt in Offenburg sucht das Sozialministerium beispielsweise aktuell einen Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Eingruppiert ist die Stelle in die Entgeltgruppe 15 des Tarifvertrags der Länder. Bei Einstellung sieht die Gehaltstabelle ein Gehalt von 4794 Euro vor. Zum Vergleich: In einem kommunalen Krankenhaus verdient ein Facharzt bei Einstellung bereits 6075 Euro, in einem Uniklinikum sogar 6265 Euro.

Die Bedeutung des öffentlichen Gesundheitsdienstes werde aber auch unter Medizinern durch die Corona-Pandemie anders wahrgenommen. „Das gestiegene Bewusstsein für die zentrale Rolle des öffentlichen Gesundheitsdienstes hat zu einer verbesserten Bewerberlage geführt“, sagt der Sprecher des Sozialministeriums. Allerdings profitierten davon bislang vor allem Gesundheitsämter in zentraler Lage.

Trotz angespannter Personallage seien die Gesundheitsämter im Land aber gut auf eine zweite Welle vorbereitet. „Die Erfahrungen der ersten Welle im Frühjahr wurden auch genutzt, um bestehende Verfahren und Abläufe zu optimieren“, teilt ein Sprecher von Minister Manfred Lucha (Grüne) mit.

Wie viele der rund 2000 nicht-ärztlichen Stellen in den Gesundheitsämtern im Land nicht besetzt sind, kann das Ministerium nicht sagen. Die Stellen würden durch die Landkreise und Städte in eigener Hoheit besetzt. Nach Auskunft des Landkreistages sieht die Personalsituation dort aber deutlich besser aus. „Wir haben keine größeren Probleme gemeldet bekommen“, sagt Hauptgeschäftsführer Alexis von Komorowski. Trotzdem sei die Arbeitsbelastung in den Ämtern vor allem in der ersten Phase der Pandemie enorm gewesen und steige bereits auch wieder an.

„Es fallen viele Überstunden an“

Das bestätigt auch Peter Liebert, der das Städtische Gesundheitsamt in Heilbronn leitet. Ende August und Anfang September mussten die Mitarbeiter dort mit hohen Fallzahlen umgehen, die Belastung sei hoch gewesen. „Insgesamt fallen immer noch viele Überstunden an“, teilt Liebert mit. Ursache dafür seien auch viele Wochenenddienste, die es vor Corona so nicht gegeben habe. Und das, obwohl in Heilbronn alle Stellen im Gesundheitsamt besetzt sind, darunter auch sechs Arzt-Stellen. Teilweise sei die Belastung so hoch gewesen, dass das Gesundheitsamt von Mitarbeitern aus anderen Bereichen der Verwaltung unterstützt wurde.

Diese interne Umschichtung von Personal werde landesweit praktiziert, sagt Alexis von Komorowski vom Landkreistag. Sie sei einer der wichtigsten Schlüssel in der ersten Phase der Pandemie-Bekämpfung gewesen. „In den Sommermonaten haben die Gesundheitsämter diese Verstärkerleistungen weiter strukturiert und Routinen vereinbart“, sagt er. Es sei nun genau geregelt, wer wann was übernehme. „Die Gesundheitsämter haben ihre Hausaufgaben gemacht“, sagt von Komorowski.

Alexis von Komorowski ist Hauptgeschäftsführer des Landkreistages. Foto: dpa

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Erstellt:
16. September 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. September 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. September 2020, 06:00 Uhr

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