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Leitartikel zum EU-Jubiläumsgipfel

Es lohnt sich

Nach einer neuen Umfrage würden drei Viertel der Deutschen in einem „Dexit“-Referendum gegen den Austritt aus der EU stimmen. Nicht aus Idealismus, aus wohlverstandenem Eigennutz. Die Mehrheit ist überzeugt: Die EU-Mitgliedschaft lohnt sich. Die Leute haben recht. Der große Staatenverbund hat nicht nur die ewige Kriegsversessenheit der europäischen Staaten in (manchmal zu viel) Bürokratie aufgelöst. Er hat auch das Wohlstandsversprechen eingehalten. Nicht überall, aber besonders eindrucksvoll in Deutschland.

27.03.2017

Von Knut Pries

Brüssel. Mit gutem Grund macht Außenminister Gabriel Front gegen die Mär vom Dukaten-Esel Deutschland. Das Vorurteil wurzelt in der allzu schlichten Nettozahler-Rechnung: Die Bundesrepublik überweist zurzeit rund 15 Milliarden Euro mehr an die Brüsseler Kassen, als ihre Bauern, rückständigen Regionen oder Forscher herausbekommen. Doch „Netto“ ist hier der Name eines Milchmädchens. Im Binnenmarkt ist der arme Empfänger von heute der Kunde von morgen. Niemand hat davon mehr profitiert als der größte Lieferant.

Der 1993 begründete große Markt hat indes nicht nur das Wachstum beflügelt und Firmen in die Lage versetzt, neue Geschäftsmodelle aufzuziehen. Er hat den ungehinderten Austausch von Waren, Kapital und Dienstleistungen ermöglicht, aber auch den Menschen ungeahnte Freiheiten verschafft, an den Grenzen und im Supermarkt, im Beruf und in der Freizeit, auf Reisen und Zuhause. Und wieder haben wir Germanen den größten Nutzen gehabt: Als das Volk, das zwölf Jahre lang alle Zivilität in den Staub getreten hatte. Aber auch ganz banal als geographische Mitte des Kontinents, als Nation mit den meisten Leuten und Nachbarn.

Für Deutschland war das auf Kooperation und Integration ausgerichtete Europa ein wirkungsvolles Selbsterziehungsprogramm. Zwölf Jahre nach Ende des NS-Verbrecherregimes wurde der Nachfolgestaat Mitbegründer eines Gegenmodells, das die Nationen auf Dialog, Demokratie, Rechtsstaat und bürgerliche Freiheiten verpflichtete. Die Bundesrepublik avancierte zum eifrigsten Verfechter des Gedankens der politischen Wohngemeinschaft Europa.

Nicht immer sind die Deutschen mit der Kombination aus wirtschaftlicher Stärke und politischer Läuterung gut umgegangen. In der Finanzkrise hat es am Verständnis für kleinere Partner, für die soziale Dimension der Krise gemangelt. Nicht immer hat Berlin der Versuchung widerstanden, den Partnern ein deutsches Europa zu empfehlen. Aber in der Summe ist die Politik mit der Stellung des Landes in Europa passabel umgegangen.

Die bevorstehende Entscheidung, ob Angela Merkel oder Martin Schulz das Land künftig regieren sollen, fällt zwischen zwei ausgewiesenen Pro-Europäern. Die Abstimmung im Herbst ist aus EU-Sicht keine Zitterwahl. Die Europa-Miesmacher haben keine Chance. Europa war der Weg, auf dem die Deutschen zur politischen Vernunft gekommen sind. Gut sieben Jahrzehnte nach Kriegsende, zum 60. Geburtstag der EU, darf man dafür dankbar sein.

leitartikel@swp.de

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Erstellt:
27. März 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. März 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. März 2017, 06:00 Uhr

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