Sonnenbühl · Windenergie

Es könnte schnell abwärts gehen

Durch den Wegfall der Förderung Ende 2020 ist die Wirtschaftlichkeit des ältesten Windparks im Land bedroht. Tausende weitere Anlagen sind betroffen.

25.08.2020

Von Raimund Waible

Frank Hummel im Jahr 2011 auf seiner Windkraftanlage. Damals war die Welt für Windkraftbetreiber noch in Ordnung. Foto: Klaus Franke

Aiolos ruht heute. Warum auch immer. Wegen irgendeines Problems hat sich das Windrad abgeschaltet. Frank Hummel wird der Frage nachgehen. Er hat von der Terrasse seines Firmensitzes im Blick, was auf seinem Windpark auf dem Himmelberg passiert. Die Rotoren von Helios und Eos drehen sich brav im Wind und produzieren Strom. Nur Aiolos steht still.

Hummel, Geschäftsführer des Windkraft-Entwicklers SoWiTec in Sonnenbühl-Willmandingen (Kreis Reutlingen), hat seine drei Windtürme nach griechischen Göttern benannt. Rotoren einen Namen zu geben, ist unüblich. Das zeigt die starke emotionale Beziehung des 58-jährigen Unternehmers zu diesen Windmaschinen. An ihnen hängt sein Herz. Es sind die ersten, die er als Selbstständiger errichtete; ihretwegen gründete er sein Unternehmen.

Das war 1995, die Anlage auf dem Himmelberg auf der Gemarkung Melchingen im Zollernalbkreis war damals der größte Windpark in Baden-Württemberg. Und damit eine Attraktion. In den ersten Jahren pilgerten die Menschen in Scharen auf den 810 Meter hohen Berg, um die Rotoren zu bestaunen.

50 Millionen Kilowattstunden Strom hat die Anlage in den 25 Jahren ihres Bestehens produziert, was pro Tag für die Versorgung von 600 Haushalten ausreicht. Zwar hat der Windpark laut Hummel die Erwartungen, was die Leistung angeht, nicht ganz erfüllt. Doch wirtschaftlich sei das Projekt besser gelaufen als anfänglich prognostiziert. Das hängt mit den während der Laufzeit verbesserten Förderbedingungen zusammen. Doch nun, nach 25 Jahren, ist die Wirtschaftlichkeit des Windparks infrage gestellt. Wie für viele Windkraftanlagen, die älter als 20 Jahre sind, läuft die Förderung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus. Und zwar Ende Dezember 2020.

Derzeit wird Hummel jede Kilowattstunde, die er auf dem Himmelberg produziert, mit 8,1 Cent vergütet. Damit lässt sich die Anlage auskömmlich betreiben. Doch wenn die EEG-Förderung vom nächsten Jahr an wegfällt, muss Hummel seinen Strom auf dem freien Markt verkaufen. Dort bekommt er rund 3 Cent pro Kilowattstunde. „Das reicht gerade noch aus, um die laufenden Kosten zu decken.“ Doch wenn größere Reparaturen anstehen, mit denen bei Altanlagen gerechnet werden muss, geht die Rendite ins Minus. Dann müsste Hummel die Rotoren abbauen, wenn er nicht draufzahlen möchte. Dabei sind die Windräder noch voll funktionsfähig. Bei einem Turm hat Hummel erst im März das Getriebe auswechseln lassen. Das kostete 70 000 Euro. Fallen das Getriebe oder das Hauptlager aus, wird es für den Betreiber sehr teuer, denn das Auswechseln mit einem Spezialkran ist aufwändig.

Kaum neue Anlagen gebaut

Eine Möglichkeit, die den Weiterbetrieb sichern würde, wäre der Ersatz der Rotoren mit 45 Metern Nabenhöhe durch einen Windturm nach heutigem Standard. Das nennt man Repowering. Ein solcher Rotor mit etwa 140 Metern Nabenhöhe würde zwölf Millionen Kilowattstunden pro Jahr erzeugen. „Wenn es machbar wäre, würde ich es machen“, sagt Hummel, „aber bei den jetzigen Rahmenbedingungen ist Repowering aussichtslos.“ So wird beispielsweise ein Abstand zu den nächsten Siedlungen gefordert, die ein Riesenturm auf dem Himmelberg nicht einhalten könnte.

„Ich würde es sehr bedauern, wenn ich die Anlage aus wirtschaftlichen Gründen abbauen müsste“, sagt Hummel. Die drei Rotoren sind von den Menschen in der Umgebung voll akzeptiert. So mancher erfreut sich am Anblick der weißen Rotoren, wenn sie sich rasch im Wind drehen. Und den Einwohnern von Willmandingen zeigen sie viel besser als der Hahn auf der Galluskirche, woher der Wind weht.

Damit die Anlage erhalten bleiben kann, fordert Hummel eine rasche Lösung. Von dem Wegfall der Förderung sind nach Angaben des Bundesverbands Windenergie bereits im ersten Jahr 6000 Anlagen mit einer Leistung von 4500 Megawatt betroffen – viermal so viel wie die Leistung des Kohlekraftwerks Altbach im Kreis Esslingen. Auch bei alten Photovoltaikanlagen endet die Förderung, allein in Baden-Württemberg gilt das für 40 000 Anlagen.

Frank Hummel Foto: Foto: Raimund Waible

„Wenn funktionierende Anlagen abgeschaltet werden müssten, wäre das ein Skandal“, hatte vor kurzem Landesumweltminister Franz Untersteller (Grüne) bei einem Besuch unserer Redaktion erklärt. Hermann Alber, Präsident des Bundesverbands Windenergie, verlangt bessere Rahmenbedingungen für ein umfassendes Repowering. Bis diese in Kraft treten, müsse man eine Brücke zur Sicherung der Bestandsanlagen bauen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ist sich der Problematik bewusst. Sein Ministerium hat nach der Sommerpause den Entwurf einer EEG-Novelle angekündigt. Doch die Verhandlungen dürften schwierig werden, es gibt viel zu viele Regeln.

Der Verlust von Altanlagen wäre laut Hummel auch deswegen so schlimm, weil in Baden-Württemberg kaum neue gebaut würden. 2019 wurden nur acht neue Windenergieanlagen installiert. Seit acht Jahren bemüht er sich darum, einen Windpark auf dem 861 Meter hohen Hohfleck genehmigt zu bekommen, einem bewaldeten Berg zwischen Engstingen und Sonnenbühl im Kreis Reutlingen. Das Landratsamt und das Regierungspräsidium Tübingen hatten das Projekt allerdings aus Gründen des Denkmalschutzes gestoppt. Sie fürchteten um den Anblick des Schlosses Lichtenstein.

Unternehmen gewinnt Prozess

Zwar konnte sich das Unternehmen SoWiTec vor dem Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg durchsetzen, es liegt ein rechtskräftiges Urteil vor. Doch noch immer steht die Genehmigung aus. Wäre die Firma nicht erfolgreich im Ausland tätig – insbesondere in Süd- und Lateinamerika – gäbe es sie womöglich nicht mehr.

Aiolos läuft inzwischen wieder. Es hatte zu jenem Zeitpunkt wohl zu wenig Wind. Aber wie lange der Rotor sich noch drehen wird, steht in den Sternen.

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Erstellt:
25. August 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. August 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. August 2020, 06:00 Uhr

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