Globalisierung

„Es kam zu Kannibalismus“

Die Öffnung Chinas, die Besetzung der Großen Moschee, die Revolution im Iran: Regisseur van den Berg über 1979, ein Jahr, das alles veränderte.

27.05.2020

Von DOMINIK GUGGEMOS

Während der „Haddsch“ pilgern Millionen Muslime zur Großen Moschee nach Mekka. 1979 besetzten 500 Rebellen die Moschee. Foto: Jamal Nasrallah/epa/dpa

Berlin/Peking. Dass aus der Corona-Epidemie so schnell eine Pandemie wurde, hat viel mit der Globalisierung zu tun. Ihren Anfang in der heutigen Form nahm sie 1979 mit der Öffnung Chinas gegenüber dem Westen. Doch das ist nicht das einzige Ereignis in diesem Jahr, das unser Leben bis heute verändert: die islamische Revolution im Iran, der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan, der Besuch von Papst Johannes Paul II. in Polen. Dirk van den Berg hat zwei Filme über das Jahr 1979 gedreht. Im Gespräch erklärt der deutsche Dokumentarregisseur, was ihn an diesem Jahr fasziniert – und welches wenig bekannte Ereignis die anderen miteinander verknüpft.

Der Besuch von Deng Xiaoping in den USA 1979 hat zur Öffnung Chinas gegenüber dem Westen geführt. Zur Einordnung, beschreiben Sie, wie China davor aussah.

Dirk van den Berg: Der Überbegriff wäre die Kulturrevolution von Mao, zwischen Ende der 1960er und Mitte der 70er Jahre. Eine extrem aggressive Reformpolitik, politisch und ökonomisch. Diese Politik ist extrem schief gegangen. Viele hundert Millionen Chinesen hatten kaum etwas zu essen. Manche gar nichts. Ganze Städte sind verhungert. Es kam zu Kannibalismus in der Bevölkerung, Familienmitglieder wurden aufgegessen.

Wie bitte?

Ja, unfassbar. Einer unserer Protagonisten erzählte uns, dass er selbst erlebt hat, wie Familien ihre Kinder in ein anderes Dorf gaben und von dort Kinder aufnahmen – damit sie keine emotionalen Schwierigkeiten hatten, wenn sie sie aßen. Das ist heute einfach unvorstellbar.

Ein großer Unterschied zu China im Jahr 2020.

Das beste Beispiel ist die Stadt Shenzen. Heute hat die Stadt zwölf Millionen Einwohner und ist die Werkstatt der ganzen Welt: Apple, Samsung und viele andere Hersteller bauen dort ihre Computer und Smartphones zusammen. Damals hatte die Stadt 36 000 Einwohner und kein einziges Auto.

Sie haben zwei Filme über das Jahr 1979 gedreht und mehrere Jahre dazu recherchiert. Wie kam es zu dem Interesse an diesem Jahr?

Vor etwa zehn Jahren traf ich bei einer Recherche in Saudi-Arabien auf freundliche, kluge Leute. Am Flughafen hat mir einer von ihnen bei der Verabschiedung einen USB-Stick in die Jacke gesteckt und mir zugeflüstert: Das ist eine Geschichte, die hier alle kennen, aber über die sich niemand traut zu sprechen. Schaue es dir an, aber bitte erst dann, wenn du den saudischen Luftraum verlassen hast.

Es ging um die Besetzung der Großen Moschee in Mekka. Beschreiben Sie das Ereignis.

Am Morgen des 20. November 1979 besetzt eine Gruppe von etwa 500 schwer bewaffneten Männern die Große Moschee von Mekka, schließt die Türen und besetzt die Minarette mit Scharfschützen. Zu dem Zeitpunkt befinden sich etwa 100 000 Menschen in der Moschee. Die Rebellen erklären, dass das Ende der Welt gekommen sei, und dass sie eine Kette von Ereignissen, die im Koran vorausgesagt sind, einleiten werden. Am Ende dieser Kette hätte die Befreiung des Heiligen Landes Saudi-Arabien von der Familie Al-Saud gestanden.

Erst nach 13 Tagen konnte das saudische Militär die Besetzung beenden. Wie hat die Königsfamilie danach reagiert?

Davor stand Saudi-Arabien für einen relativ offenen Islam. In Mekka, dem Zentrum des Islam, war jeder willkommen. Nach der Besetzung war die Konsequenz des Kronprinzen, dem Königshaus seine religiöse Legitimation wiederzugeben, im Land und gegenüber den anderen islamischen Staaten. Und dann kam, sozusagen, ein Geschenk Gottes.

Der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan . . .

Eine muslimische Brudernation war von den gottlosesten aller Menschen angegriffen worden – den kommunistischen Sowjets. Das löste mehrere Probleme gleichzeitig: Die Saudis konnten ihre eigenen Fanatiker flugzeugweise und ausgestattet mit Waffen nach Afghanistan schicken. So wurde Afghanistan zum Blitzableiter für den Unmut der Religiösen, der sich in Saudi-Arabien hätte entladen können.

Und dann gab es noch die islamische Revolution im Iran. Was bedeutete diese für Saudi-Arabien?

Die Rolle des sunnitischen Saudi-Arabiens als führende Macht der islamischen Welt wurde von Ayatollah Khomeini und dem schiitischen Iran explizit angegriffen. Das ist bis heute so. Die Dynamik dieser drei Ereignisse im Zusammenspiel war von entscheidender Bedeutung. Mekka war der Brandbeschleuniger, weil er sie verknüpft.

Hätte die Revolution im Iran auch anders ausgehen können?

Die Opposition hat zwei Fehler gemacht: Sie hat Khomeini geglaubt, dass er die absolute Demokratie einführt und danach keine politische Machtposition einnimmt. Und sie hat sich selbst zerfleischt, statt sich zusammenzuschließen. Sie haben die Gefahr unterschätzt, waren nach dem Sturz des Schahs in einem Rausch der absoluten Freiheit.

Die Geiselnahme in der US-Botschaft im Iran im November 1979 hat Ronald Reagan bei der Präsidentschaftswahl enorm geholfen. Sehen Sie weitere Verbindungen zu den anderen Ereignissen in 1979?

Ronald Reagans Sieg geschah mit Unterstützung der religiösen Rechten – die zum ersten Mal als politische Kraft in Erscheinung trat. Seitdem ist sie mit den Republikanern verbunden. Ohne sie wäre die Präsidentschaft von Donald Trump nicht möglich. Nach langer Zeit kehrte 1979 das Religiöse als mächtige Kraft in die Weltpolitik zurück – auch in Osteuropa: Papst Johannes Paul II. hat mit seinem Besuch in Polen ganz bewusst die Sowjetunion geschwächt.

Der Regisseur Dirk van den Berg lebt in Berlin. Foto: privat

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Erstellt:
27. Mai 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Mai 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Mai 2020, 06:00 Uhr

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