Tübingen · Spendenaktion

Rollstuhlbasketball: „Es ist zwar anders, aber es geht weiter!“

Nach 16 Jahren als Leistungsturnerin spielt sie heute Basketball: Seit einem Unfall ist Marie Kier querschnittsgelähmt. Vom Sport machen lässt sie sich trotzdem nicht abhalten.

22.12.2019

Von Sophia Friedel

Dribbeln, Blocken, Korbwurf: Marie Kier trainiert Rollstuhlbasketball in der Turnhalle im Feuerhägle.Bild: Ulrich Metz

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Basketball spielen würde“, sagt Marie Kier. 16 Jahre lang hat die heute 20-jährige Medizinstudentin Turnen als Leistungssport betrieben, bis sie in diesem Jahr im April vom Gerät gefallen ist. Seit ihrem Sportunfall ist die 20-Jährige nun querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Aber das hält sie nicht davon ab, weiterhin Sport zu machen. „Mir war schon klar, dass ich irgendeinen Sport brauche, das gehört zum Leben dazu.“

Nach zwei Monaten Kraftaufbau und dem Zurechtfinden mit der neuen Situation begann die Reha. Zum Programm gehörte morgens eine Stunde Sport dazu. Eine Stunde, in der man sich bewegt und alle möglichen Ballsportarten ausprobiert. Kier lacht: „Wie im Schulsport könnte man eigentlich sagen. Es werden superviele Spiele gespielt.“

Und dann hat einer ihrer Therapeuten die Idee, sie könne sich die Rollstuhlbasketballmannschaft anschauen, die jeden Dienstag in der Turnhalle an der BG-Klinik trainiert. Zuschauen und ein bisschen Mitmachen gefiel Kier, der Sport schien Spaß zu machen. „Das nächste Mal hat mich der Trainer dann schon auf der Station abgeholt, so dass ich auch sicher komme. Und dann bin ich irgendwie hängengeblieben“, erinnert sie sich. Gut drei Monate nach ihrem Unfall war sie so beim Basketball gelandet. Im Schulsport waren Ballsportarten für sie etwas, durch das man für drei Stunden eben durchmusste, da blieb nichts anderes übrig.

Heute ist sie mit Ehrgeiz und Spaß beim Training. „Sie hat Power ohne Ende“, sagt Trainer Kilian Mildner. „Innerhalb von einer Woche lernte Kier, sich von ihrem Alltagsstuhl in ihren Sportstuhl umzusetzen, dafür brauchen manche Wochen und kriegen es nicht hin.“ Für Kier ist klar, dass sie immer Sport machen wird und es braucht, „sich so richtig auszupowern, ein bisschen miteinander, ein bisschen gegeneinander.“ Einfach mal zu rennen, „ist jetzt nicht mehr drin“.

Natürlich gebe es auch Höhen und Tiefen, durch die sie sich durchkramen muss, wie sie es selbst nennt. „Aber ich habe mich entschieden, nach vorne zu schauen und weiterzumachen.“ Auf der Station habe sie Menschen erlebt, die damit anders umgegangen wären, aber letztendlich habe jeder eine andere Art und Weise, ein solches Schicksal zu verarbeiten. Kier bleibt positiv. „Nur weil ich im Rolli sitze, ist das keine Einschränkung. Es geht weiter. Es ist zwar anders, aber es geht weiter.“

Das habe ihr auch das Training beim Rollstuhlsport- und Kulturverein gezeigt. In ihrem Sportstuhl sitzt Kier tiefer als andere, was daran liegt, dass sie vergleichsweise hoch gelähmt ist. Ihre Teamkollegen Leon und Amanda, beide Fußgänger, haben etwa kaum eine Rückenlehne an ihrem Sportstuhl. Die bis zu 7500 Euro teuren Sportrollstühle müssen individuell auf die Fähigkeiten jedes Spielers angepasst werden. Je nach dem, wie fit man ist, und um die Leistungsfähigkeit der Spielerinnen und Spieler zu fördern, was vor allem im Jugendbereich wichtig ist. „Aber die Tatsache, dass es total egal ist was man hat, weil man auf dem Feld ein Team ist“, sei für Kier am wichtigsten.

Insgesamt besteht die Mannschaft des RSKV Tübingen aus 15 Spielerinnen und Spielern. Kier nimmt dabei die Position einer Flügelspielerin ein, auch Forward genannt. Als Angriffsspielerin versucht sie, möglichst viele Treffer zu erzielen. Dann gibt es noch die Center und die Guards, die für den Spielaufbau zuständig sind – genau wie im Fußgänger-Basketball. Und auch Korbhöhe, Spiellänge und das Regelwerk sind fast ausnahmslos gleich.

Einen großen Unterschied gibt es allerdings doch: Da es im Rollstuhlbasketball kaum reine Frauenteams gibt, sind die Mannschaften fast immer gemischt. Insgesamt nimmt die Zahl der Teams leicht ab: Nicht nur, weil die Medizin immer größere Fortschritte macht, lange gab es für Behinderte außer dem Rollstuhlbasketball wenig Alternativen. Mittlerweile hat sich das Sportangebot für Menschen mit Handicap stark weiterentwickelt – in Tübingen gibt es neben Basketball Sportarten wie Handbike, Tischtennis, Rugby, Tanz oder Skifahren.

Was hält Kier von dem Sportangebot? „Ich denke schon, dass ich auch mal einen anderen Sport ausprobieren werde. Aber jetzt bleibe ich erst einmal beim Basketball, es macht einfach Spaß!“

Info Das SCHWÄBISCHEN TAGBLATT unterstützt die Rollstuhlbasketballer bei seiner Spendenaktion mit Rollstühlen für ihren Bundesliga-Auftritt. Spenden können Sie auf das TAGBLATT-Konto bei der Kreissparkasse Tübingen (IBAN: DE94 6415 0020 0000 1711 11). Notieren Sie Ihre Adresse, wenn Sie eine Spendenquittung benötigen. Gemäß Art. 13 DSGVO sind wir verpflichtet darauf hinzuweisen, dass wir Name, Adresse und Spendenbetrag der Leser/innen die eine Spendenbescheinigung wünschen an die begünstigten Organisationen übermitteln. Vermerken können Sie, wenn Sie gezielt ein Projekt unterstützen wollen. Projekt 1 ist der „Notfallpsychologe“, Projekt 2 der „Rollstuhlbasketball“.

Die Spielregeln

Rollstuhlbasketball ist eine eigenständige Sportart. Trotzdem sind die Spielregeln der „International Wheelchair Basketball Federation“ denen des Basketballverbands FIBA ähnlich. Nur die Dribbelregel ist anders: Nach zwei Anschüben am großen Rad muss der Ball gedribbelt werden. Allerdings gibt es keinen Fehler durch Doppeldribbling: Der Ball kann auf dem Schoß abgelegt oder gehalten werden, zum Anschieben darf das Dribbling nach Belieben unterbrochen werden.

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Erstellt:
22. Dezember 2019, 19:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Dezember 2019, 19:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Dezember 2019, 19:00 Uhr

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