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Jürgen Kolesch ist der einzige Altsämisch-Gerber in Deutschland

Es ist dreckig und es stinkt

Ein Jahr dauert es, bis aus einem Stück Hirschfell feines Leder wird, wenn das Leder nach alter Tradition "altsämisch" gegerbt wird. Jürgen Kolesch aus Biberach macht das. Er dürfte der letzte seiner Art sein.

09.03.2016
  • MIRIAM KAMMERER

Biberach. Ein beißender Geruch nach Ammoniak und der süßlich-bittere Duft der Verwesung hängen in der Luft. Das brennt in den Augen und sticht in der Nase. Nasse Hirschfelle stapeln sich fast einen Meter hoch, noch hängen Hautreste der toten Tiere daran. Ein Besuch in der Gerberei Kolesch in Biberach ist nichts für Empfindliche.

Gerber Jürgen Kolesch sagt, man gewöhnt sich an den Geruch. Der 55-Jährige führt den Familienbetrieb in der achten Generation. Sein Sohn Achim wird ihm nachfolgen.

Jürgen Kolesch ist ein Altsämisch-Gerber. Das ist eine bestimmte Art zu gerben. Bei der Altsämisch-Gerbung werden keine chemischen Beschleuniger verwendet. Das Verfahren dauert ein Jahr. Gegerbt wird nur das Fell von Wild. In Deutschland ist Kolesch der letzte seiner Art, vermutlich trifft das auch weltweit zu, aber behaupten möchte er das nicht.

Dieses Alleinstellungsmerkmal hat er seinem Vater zu verdanken. In den 1950er und -60er Jahren sollte der Gerbprozess schneller werden, also setzte man immer mehr Chemie ein. "Mein Vater hat die Entwicklung verpennt", sagt der Handwerkermeister. Das erweist sich im Nachhinein als doppeltes Glück. Die Kosten für die Klärung des Abwassers, das durch die chemischen Stoffe verschmutzt war, trieben viele Gerbereien in den Ruin. Darüber hinaus besetzt Kolesch nun eine einzigartige Nische.

Er verkauft sein Leder an den Versandhändler Manufactum und liefert nach China, Japan, Schottland und Frankreich. Sogar in der 5th Avenue in New York werden Handschuhe verkauft, die aus seinem Leder genäht wurden.

Kolesch übt seinen Beruf aus Leidenschaft aus. Sechs Tage in der Woche, von 7 Uhr bis 22 Uhr. Jeder einzelne Arbeitsschritt ist anstrengend. "Es ist der dreckigste und stinkigste Beruf, den es gibt." Aber das macht Kolesch nichts aus.

Der schmächtige Mann zeigt im Schnelldurchlauf, wie aus Tierfellen eine Lederhose wird. Wenn die Felle ankommen, werden sie eingesalzen, das stoppt den Fäulnisprozess. Danach kommen sie für zwei bis drei Wochen in Gruben, Äscher genannt, die mit Weißkalk gefüllt sind. Das Salz wird dabei weggespült und die Haare werden durch den Weißkalk locker. Die Gruben sind zwei Meter tief und befinden sich mitten in der Werkstatt. Sie sind mit Holzplatten abgedeckt, an den Seiten quillt Weißkalk hervor.

Kolesch nimmt ein Fell aus der Grube. Es ist kalt und feucht in der Werkstatt. Der Gerber trägt einen Pullover und eine schwarze Cordhose, er friert nicht. Eine Messerwalze entfernt die Haare. Sie landen auf dem Boden. Auch die Wartung der Maschinen übernimmt Kolesch selbst, es gibt keine Firmen mehr, die darauf spezialisiert sind.

Danach kommen die so genannten Blößen wieder vier bis sechs Wochen ins Wasser. Jetzt geht es der Bindehaut und den Fleischresten an den Kragen. Erst mit der Maschine, dann wird jede Blöße einzeln in die Hand genommen, um alle Reste zu beseitigen. Kolesch öffnet einen überdimensionalen elektrischen Rollladen. Dahinter verbirgt sich ein kleiner Holzsteg, hier werden die Blößen in den am Haus vorbeifließenden Bach gelegt. Das Wasser spült den Kalk ab.

Eine Windmaschine hilft dem Gerber, die nassen Blößen zu trocknen. Im Prinzip arbeitet sie so wie eine Hausfrau, die einen Putzlappen auswringt. Drei bis vier Monate sind bis zu dieser Produktionsstufe vergangen. Die nächsten Arbeitsschritte finden in der Weißgerberwalke statt. Die Walke ist ein Fachwerkhaus und hat früher der Gerberzunft gehört. Als die Zunft sich in Biberach aufgelöst hat, hat Kolesch das Gebäude übernommen.

In der Walke riecht es nach Fisch. Das kommt vom Dorschtran, mit dem das Leder eingerieben wird. Der Boden ist klebrig und uneben. In der Walke schlagen 2,5 bis 3 Zentner schwere Hämmer auf die Blößen ein, das dauert 24 Stunden. Die Hämmer werden mit Wasserkraft angetrieben. Der Vorgang wird mehrmals wiederholt. Dazwischen werden die Tierhäute auf Haken im zweiten und dritten Stockwerk aufgehangen.

Anschließend wird der Tran abgewaschen. Das Leder wird nun einseitig mit Naturfarbstoffen eingefärbt und danach mit einer Art Schmirgelpapier glatt geschliffen. Nach weiteren kleinen Schritten kann das Leder schließlich zu Lederhosen, Handtaschen oder Handschuhen verarbeitet werden. Bis zu 300 Mal haben Kolesch und sein Sohn am Ende jedes Stück in ihren Händen gehabt.

Zwischen 300 EUR und 700 EUR kostet eine Hirschlederhose. Jedes Stück ist ein Unikat. Kolesch sagt, dass seine Kunden "einen Rolls Royce zum Preis eines Fiats bekommen."

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09.03.2016, 08:30 Uhr
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