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„My Fair Lady“ auf bayrisch

„Es greant so grean"

Das Staatstheater für die leichtere Unterhaltung und das ganze Volk: Am Münchner Gärtnerplatz läuft „My Fair Lady“ mit bairischem Dialekt.

15.02.2018
  • JÜRGEN KANOLD

München. Die beiden alten Damen in Reihe 12 waren schon dabei, als „die Froboess noch die Eliza gsunga hod“. Das war in den 80ern, und damals blühten Spaniens Blüten grün. Jetzt holt sich Cornelia Froboess, 74, den Auftrittsapplaus als feine Dame Mrs. Higgins ab, als die Mutter des Kotzbrockens, der die Blumenverkäuferin wetteifernd aus der Gosse zieht, um ihr den Dialekt auszutreiben. Auch eine Münchner Geschichte. Und am Gärtnerplatz färben sie die „My Fair Lady“ jetzt bairisch: „Es greant so grean . . .“ Wie es sich einer Volksbühne geziemt.

Selbst an ländlich bevölkerten Stadttheatern ist die Operette ins Abseits gerutscht, während das in Deutschland von Stage Entertainment dominierte Musical-Business in eigenen Häusern weltweit kompatible, warenrechtlich geschützte Produktionen verkauft. Die Komische Oper in Berlin, die Dresdner Staatsoperette und auch das Staatstheater am Gärtnerplatz bilden die Ausnahmen: als öffentlich subventionierte Bühnen, die rein der leichteren Unterhaltung gewidmet sind.

In München hat mal ein früherer Intendant, Klaus Schultz (1996-2006), den Versuch gestartet, ernsthaft gegen die Bayerische Staatsoper anzutreten, selbst mit Uraufführungen. Josef E. Köpplinger aber feiert seit 2012 standesgemäße Erfolge mit einem Repertoire, das aktuell vom „Wildschütz“ bis zum „Weißen Rössl“, von „Don Pasquale“ bis „Priscilla – Königin der Wüste“ reicht, aber auch Mozarts „Zauberflöte“, den Klassiker der Spieloper, im Angebot hat.

Als im Jahr 1864 in der Isarvorstadt der Grundstein gelegt wurde für das Gärtnerplatztheater, sollte der Spielplan „das ganze Gebiet des Lustspiels, des Volksstücks und der Possen mit Gesang“ umfassen. Das private Unternehmen ging aber pleite, so dass König Ludwig II., der nicht nur Wagners Festspielwahn finanzierte, 1872 das Haus zur bayerischen Hofbühne beförderte.

Generalsaniertes Schmuckstück

Es ist das zweite staatliche Münchner Opernhaus geblieben über alle Zeiten hinweg, es überlebte den Zweiten Weltkrieg, wurde im bürgerlichen Spätklassizismus erhalten und zuletzt fünf Jahre lang generalsaniert, samt Kostenexplosion für rund 125 Millionen Euro. Ein Schmuckstück im hippen, bald gentrifizierten Gärtnerplatzviertel, nur zwei U-Bahn-Stationen vom Hauptbahnhof entfernt. Wobei das Volk fürs Volksmusiktheater auch gerne aus Ebersberg, Rosenheim und weiter anfährt.

Das 1956 in New York uraufgeführte Musical „My Fair Lady“ von Alan Jay Lerner und Frederick Loewe nach Georg Bernard Shaws „Pygmalion“ war den Deutschen lange der Inbegriff der „amerikanischen Operette“. Das Gärtnerplatztheater ist ähnlich eingemeindet in innerstädtischen Trubel wie Londons Royal Opera House Covent Garden, ein Originalschauplatz, wo Eliza auf Professor Higgins trifft. Die deutschsprachige Erstaufführung aber fand 1961 im Berliner Theater der Westens statt und geriet zum Hit. Der Soundtrack (mit Rex Gildo als Freddy) avancierte im Übrigen zum erfolgreichsten Album der deutschen Chartgeschichte: 91 Wochen auf Platz eins, 208 Wochen in den Top 10.

Robert Gilbert schrieb damals fürs Theater des Westens die Dialekt-Passagen in Berliner Mundart. Und jetzt bairisch? „O warat des ned wunderschea“, träumt Eliza. Lustig, für Zuagroaste überzeugend unverständlich, aber auch irritierend. Denn Köpplinger inszenierte „My Fair Lady“ wie üblich im Postkarten-London, im vertrauten Musical-Milieu eines viktorianischen England. Der alte Doolittle säuft im Tottenham Court Road Pup und in keiner Bierschwemme in Untersendling. Das Bairische reden‘s halt als deutsche Variante des Cockney-Englisch. Und es eh ist österreichisch timbriert, schließlich stammen Nadine Zeintl, die emotional selbstbewusste Eliza, und der als Vater Doolittle furios als Volksschauspieler aufdrehende Robert Meyer aus Wien.

In der Multikulti-Welt der Flüchtlingskrisen gibt‘s natürlich andere Sprachprobleme, „My Fair Lady“ kommt als ziemlich historisches Unterhaltungsstück über Standesdünkel und Macho-Wahn daher. Bleibt aber ein Vergnügen. Der Gärtnerplatz zeigt, dass es mit den Musical-Hochburgen mithalten kann: Michael Dangl glänzt als Higgins, mit Friedrich von Thun zeigt sich ein TV-Promi gemütlich als Oberst Pickering, die Bühnenmaschinerie dreht perfekt die aufwändigen Kulissen, Chor und Ballett liefern üppig, was das Publikum sehen und hören will. Nur der Orchestersound (Dirigent: Andreas Kowalewitz) dürfte geschmeidiger, eleganter, nicht so scharf klingen.

Jubel bei der Premiere am Faschingsdienstag, und die treuen Gärtnerplatz-Besucher freuten sich nicht nur über Cornelia Froboess auf der Bühne, sondern auch über die Kessler-Zwillinge im Publikum.

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15.02.2018, 06:00 Uhr
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