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Leitartikel ·Islamverbände

Es braucht Standards

19.08.2016
  • VON ELISABETH ZOLL

In der Rückschau wird man den Sommer 2016 als Zäsur benennen. Nicht nur in der Türkei wird ein neues Kapitel aufgeschlagen, auch in Deutschland werden die Beziehungen zur türkischen Minderheit neu ausgelotet. Doch nicht die Menschen stehen auf dem Prüfstand, sondern Verbände, die beanspruchen für sie zu sprechen. Die Bedrohung deutscher Abgeordneter nach der Armenien-Resolution des Bundestages und die Hetze gegen Gülen-Anhänger nach dem vereitelten Putschversuch machen die Neujustierung notwendig. Statt des bisherigen Durchwurstelns braucht es künftig klare Rahmen für ein Miteinander, statt unverbindlicher Nettigkeiten Standards.

Deutschland mit seiner Migrationskultur wird erwachsen. Abgelegt werden müssen dafür Kindereien, wonach nicht sein soll, was man nicht will: die Realität eines Zuwanderungslandes. Diese Verweigerung hat zu einer Weichspülung im Miteinander geführt. Man schaute weg, blieb im Ungefähren. Das Zusammenleben werde sich schon zurechtrütteln, Islamverbände würden dafür sorgen.

Das Nebeneinander wurde keinem gerecht: Weder den Verbänden, die ernstgenommen sein wollten, noch säkularen Zuwanderern, die kaum Beachtung fanden, noch dem Aufnahmeland, das im Nebulösen gerne deutsche Standards vergaß: zum Beispiel den der Meinungsfreiheit, nach der Achtung von Menschenrechten – auch von islamischen Mädchen und Frauen.

Insofern steht die Debatte über die Einordnung des türkischen Islamverbandes Ditib, der Islamischen Union der Anstalt für Religion, für eine Art Pubertätsleiden. Es fällt heftig aus, weil der deutsche Ableger der türkischen Religionsbehörde flächendeckend in Deutschland vertreten ist. Viel Gutes ist in den vergangenen Jahren im Miteinander entstanden. Das darf man nicht vergessen in der so aufgeladenen Zeit. Ditib steht für einen konservativen sunnitischen Islam. Predigten werden zentral beim Dachverband verfasst. Mit einer Islamisierung hat der Verband nichts am Hut.

Doch unpolitisch ist er nicht mehr. Mit der Einführung des Wahlrechtes für Auslandstürken wurden Moscheegänger für die Türkei wichtig – und Ditib auch zum Sprachrohr der Regierung in Ankara. So wurde im Nachgang zum Putschversuch in der Türkei auch in Ditib-Moscheen gehetzt. Ein Aufruf zur Meinungs- und Gewaltfreiheit oder zur Mäßigung unterblieb. Ditib brannte im nationalen Fieber.

Das ist ein Versagen, das sich mit kosmetischen Korrekturen nicht mehr aus der Welt schaffen lässt. Ditib muss sich fragen lassen, in welcher Geisteshaltung der Verband zu Hause ist. Das wird zum Knackpunkt für die künftige Beziehung zum deutschen Staat – und zum Schlüssel auch für andere islamische Organisationen.

Wie hält es der Islamverband mit der Meinungsfreiheit, die auch Kritik umfasst? Wie tolerant ist er gegenüber Andersdenkenden in den eigenen Reihen? Wird mit ihnen das (Streit-)Gespräch gepflegt oder müssen sie in Deutschland weiter unter Polizeischutz leben? Der deutsch-algerische Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, gegen den Ditib-Koordinator Murat Kayman gerade gefährlich hetzt, die Islamkritikerin Seyran Ates, der Reformtheologe Mouhanad Khorchide fürchten um ihr Leben.

Die Verbände müssen humane Standards erfüllen. Diese zu formulieren ist Aufgabe der Politik, ihre Einhaltung einzufordern Verpflichtung der Gesprächspartner auch vor Ort. Nur so gelingt Augenhöhe. Schonung aus Feigheit zerstört auch das Gute aus der Vergangenheit.

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19.08.2016, 06:00 Uhr
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