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Es ächzt und knirscht - und passt
Die Tänzerinnen Angelina Zuccarini und Agnes Su in Uwe Scholz "Siebter Sinfonie". Foto: Stuttgarter Ballett
Durch die Finsternis zum Licht: Werke von Forsythe, Goecke und Scholz am Stuttgarter Ballett

Es ächzt und knirscht - und passt

Sie könnten unterschiedlicher kaum sein, die drei Arbeiten, die das Stuttgarter Ballett jetzt dramaturgisch stimmig zusammengezurrt hat: Choreografien von William Forsythe, Marco Goecke und Uwe Scholz.

01.02.2016
  • WILHELM TRIEBOLD

Stuttgart. Wenn Reid Anderson nach 20 Jahren Betriebsjubiläum feiert, macht sich der Chef die schönsten Geschenke selbst. Und beweist ein glückliches Händchen - ganz nach dem Erfolgsrezept: Man nehme einen vielversprechenden Import von außen, dazu eine Uraufführung, schließlich noch die fällige Wiederaufnahme aus dem reichen Stuttgarter Fundus. Voilà, so wird unvereinbar Scheinendes unter einen Hut gebracht. Dabei wirken die Fliehkräfte zwischen so Unvereinbarem wie William Forsythes Bewegungslaborversuch, Marco Goeckes hyperventilierender Gebärdensprachorgie und Uwe Scholz heiterem Himmelssturm zunächst einmal übermächtig. Es ächzt und knirscht, aber der Abend hält. Und damit eben auch, was er verspricht.

Forsythe, der Chefdenker unter den Tanz-Tüftlern, zerlegt Bewegung und Körperlichkeit mit wissenschaftlicher Akribie. Ein Dekonstruktivist, der neoklassisches Material wie Museumsmöbel umherschiebt oder aber völlig neu zusammenzimmert. "The Second Detail" kreiselt verloren in einem leeren Guckkasten, in dem Akteure fast absichtslos herbeischlendern, um sich kontrolliert in Übungen und Formationen einzuklinken. Das behält einen unfertigen Probecharakter und ist tatsächlich ein hochkonzentriertes Warmtanzen zu apollinischer Klarheit. Bis am Ende, als dionysisch-exaltierter Kontrapunkt im weißen Kontrast-Kleid, die Tänzerin Agnes Su ins graue Laboratorium platzt. Agnes Su ist dann auch die einzige, die sich zumindest kurz einmal unter Goeckes verstörenden Athletentrupp mischen darf. Der düstere Fürst unter Stuttgarts Haus-Choreografen hat sich für seinen Beitrag zum Abend bereits im Netz einige Nachtgedanken gemacht, zum Beispiel: "Es ist das Unbeschreibliche, das zu fangende, das Nichts, das bleibt!"

Im "Lucid Dream", also im Klartraum, findet sich die gequälte Seele im Nichts zwischen Wachsein und Tiefschlaf wieder. Hier agieren Goeckes Muskelkontraktionsmänner in bewährter Highspeed-Manier: selbstkasteiend und mit Körperteiltremor bis tief in die Kiefermuskulatur, mit hektisch-flatterhaften Nachtfalter-Gebärden. Beeindruckend ist das zweifellos, auch ein bisschen zum Fürchten.

Wie heilsam ist dagegen zum Ausklang Uwe Scholz "Siebte Sinfonie": In diesem Schlüsselwerk der ewig anhaltenden Nach-Cranko-Zeit lässt Scholz, der Frühverstorbene, gefühlt das komplette Ballett-Corps antanzen, um zu Beethovens (live vom Staatsorchester dargebotene) "Apotheose des Tanzes" den harmonischen Gesetzmäßigkeiten sinfonischer Strukturen nachzuspüren. Eine lichte, form-vollendete Übertragung von Musik auf inszenierte Bewegung, wiederum von einem glänzend aufgelegten Ensemble umgesetzt (nur Alicia Amatriains und Jason Reillys Pas de deux zeigt unerwartet Schwächen).

Vielleicht ist dies eine Klammer fürs Programm: Scholz, ganz Meister des luzid-lichtvollen Arrangements, adaptierte und entwickelte ein klassisches Erbe, das Forsythe, der luzid-klärende Macher, etwa zur gleichen Zeit auseinandernahm. Während Goecke, der dunkle Wachträumer, über den Trümmern etwas Neues, Gegensätze, die sich vielleicht nicht anziehen. Aber nebeneinander bestehen.

Info Weitere sieben Termine zwischen dem 5.und 19. Februar, dann nochmal drei Vorstellungen im März und eine am 19. Juli

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01.02.2016, 08:30 Uhr
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