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Anpfiff · Doping ...

Erst die Norm, dann die Moral

Es ist so einfach, sich gegen Doping auszusprechen. Und auf die bösen, bösen Sportler zu schimpfen. Damit wurden schon viele Leitartikel gefüllt, und auch die Kaste der Funktionäre ist schnell dabei, Doping-Sünder „aufs Schärfste“ zu verurteilen. Viel schwieriger ist es, wirklich etwas gegen Doping zu tun.

12.09.2015

Von Hansjörg Lösel

Vergangene Woche hat der deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) die Norm-Anforderungen für die Olympischen Spiele 2016 veröffentlicht. Wer in Rio dabei sein will, muss diese Mindest-Anforderungen erfüllen, sonst bekommt er oder sie „wegen fehlender sportlicher Perspektive“ keinen Platz. Mindestens das Finale sollte doch bitteschön drin sein, sonst gibt es keine Förderung.

In keiner einzigen Disziplin liegen die Ansprüche des DLV unter den internationalen Werten, im Gegenteil wurden die Anforderungen des Weltverbands IAAF sogar noch verschärft. Nur einige Beispiele: Deutsche Marathonläuferinnen müssen 2:28,30 Stunden vorweisen können, international reichen 2:42 Minuten. Bei den Männern will die IAAF im Marathon 2:17 Stunden sehen, der DLV aber fordert unter anderem vom Ex-Tübinger Arne Gabius 2:12,15 Stunden.

Jackie Baumann aus Tübingen soll über 400 Meter Hürden 55,45 Sekunden laufen, fast eine Sekunde schneller als die internationale Norm (56,20). Über 110 Meter Hürden der Männer wird es grotesk: Hier verlangt der Weltverband 13,47 Sekunden, der DLV aber will genau 13,46 Sekunden sehen. Gregor Traber, der ehemalige Tübinger, muss sich da doch nicht ernstgenommen fühlen. Um es beim Namen zu nennen: Das ist Schikane! Die deutschen Athleten müssen die Verbands-Vorgaben als Affront verstehen – denn gleichzeitig kann hierzulande kaum ein Leichtathlet von seinem Sport leben. Neben dem immensen Trainingsaufwand sind die Athletinnen und Athleten gezwungen, entweder zu jobben oder irgendwie nebenher ein Studium zu bewältigen.

Wer die Bedingungen in anderen Ländern vergleicht, darf getrost von Wettbewerbsverzerrung sprechen. Wenn es dem deutschen Verband ernst wäre mit seinem angeblichen Ansinnen, fairen Sport zu stärken und Manipulationen zu verhindern, dann müssten den Lippen-Bekenntnissen auch mal Taten folgen. Was spricht denn dagegen, einfach den deutschen Meister zu Olympia zu schicken? Sollen andere die Medaillen unter sich ausmachen, geschenkt. Das Ausscheiden in der Vorrunde ist doch keine Schande.

Was für eine Chance wurde da vertan: Mit geringeren Anforderungen bei der Olympia-Norm für Rio hätte sich der DLV klar positionieren können. Seht her, wir machen nicht mit beim Irrsinn des „Höher, schneller, weiter“, hätte die Botschaft lauten können, in Deutschland gilt der alte olympische Kernsatz „Dabeisein ist alles“ noch was. Stattdessen nimmt der DLV offenbar als einzigen Maßstab den Medaillenspiegel und schraubt munter die Ansprüche nach oben. Wie die zu erfüllen sind, das ist dann Sache der Athleten. Und wehe, wehe, da schummelt einer! Oder lässt sich auch noch beim Schummeln erwischen. Dann ziehen die Verbands-Oberen wieder die Statements aus der Schublade, dann verurteilen sie wieder „aufs Schärfste“ und sind besorgt um die Zukunft des Sports. Der größte Feind des Sports ist die Funktionärs-Kaste.

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Erstellt:
12. September 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. September 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. September 2015, 12:00 Uhr

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