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Art Karlsruhe

Erlesenes gegen Kunstmarkt-Schrott

Seit 15 Jahren setzt Ewald Karl Schrade mit der relativ jungen Kunstmesse auf Qualität. 2018 haben dort 215 Galerien aus 15 Ländern mit 192 One-Artist-Shows ihren Auftritt.

23.02.2018

Von BURKHARD MEIER-GROLMAN

US-Straßenkreuzer kontra russischen Düsenjäger: Bernd Reiters Installation „Ironie des Schicksals“. Foto: Gerda Meier-Grolman

Karlsruhe. Vor fünfzehn Jahren, da haben sie alle den Kopf geschüttelt, die zukunftsgläubigen und allwissenden Auguren, aus dieser Regional-Kunstmesse in Karlsruhe könne niemals etwas werden, das sei eine Kopfgeburt ohne jegliche Bestandsgarantie. Und heute, anno 2018, pilgern doch tatsächlich an diesem überlangen Wochenende mehr als 50?000 Kunstinteressierte zu dieser viel geschmähten Art Karlsruhe in die Messehallen in Rheinstetten, so ungefähr die gleiche Besucherzahl wie bei der schon 30 Jahre zuvor etablierten Kunstmarkt-Mutter, der Art Cologne in den Rheinhallen zu Köln-Deutz.

Und der Geburtshelfer der Art Karlsruhe, Ewald Karl Schrade, muss trotz dieses unerwarteten rasanten Aufstiegs auch in der 15.?Ausgabe der Art Karlsruhe wieder an seiner Gebetsmühle drehen und betonen, dass hier von Anfang an besonders auf Qualität und nicht auf Quantität geschaut wurde und wird. Fünfzehn Mal auf die Qualität pochen, das heißt, man hat immer noch Mühe damit, die zu schaffen.

Gut, da gibt es eine Auswahlkommission, die die Bewerber genauestens unter die Lupe nimmt. Aber kann die dann verhindern, dass die geladenen Galeristen klammheimlich Jahrmarkts-Trödelware in die Kojen schmuggeln?

So bringt auch diese Karlsruher Art Ideenklau und schräge Kopisten vor ihr Publikum, Badenixen und Nackedeis feiern fröhliche Urständ, gekochter Hummer wird fotorealistisch und in Öl oder Acryl gepinselt in der Glasschale serviert, Kunststoff-Flamingos bündeln sich zu mehr oder weniger schönen Wandreliefs, kleine Astronauten im opulenten Raumanzug offerieren Blumensträuße, die sie wohl nicht im All, sondern eher im Supermarkt bei Aldi oder Lidl erstanden haben.

Schamlos und schwer zu verkraften sind auch die Anleihen bei den Kunststars wie Jeff Koons und Michel Basquiat, auch sieht man zahlreiche schlechte Aufgüsse von Robert Rauschenbergs wunderbaren Pop-Collagen. Und unser großartiger Aktionskünstler Wolf Vostell würde garantiert im Grab rotieren, hätte er diesen rundum mit Flachbildschirmen gespickten originalgroßen MiG 21-Düsenjäger und den gestrandeten Straßenkreuzer von Bernd Reiter gesehen, der den Skulpturenplatz vor der Berliner Galerie Michael Schultz schmückt. Sollte diese schlimme Vostell-Nachschöpfung den in diesem Jahr von der Art Karlsruhe zum ersten Mal ausgelobten und mit 20 000 Euro dotierten Skulpturenplatz-Loth-Preis erhalten, dann gute Nacht Qualität!

Wie anstrengend diese Qualitäts-Einübung wird, sieht man an dem schon nahezu händeringend vorgetragenen Weckruf der Schlichtenmaier-Galeristen aus Dätzingen, doch bitte nur erlesenste Kunstwerke gegen den immer noch sichtbaren Kunstmarkt-Schrott zu setzen. Das macht Schlichtenmaier natürlich vorbildlich, etwa mit einem 155?000 Euro teuren Meisterwerk von Willi Baumeister, aber auch genauso gut mit einer für junge Sammler sicher noch erschwinglichen Farbserigraphie des Zero-Meisters Heinz Mack.

Wenn der Kurator Ewald Karl Schrade anmerkt, dass die Art Karlsruhe weder eine Kasseler Documenta noch eine Venedig-Biennale sei, sondern eben ein Kunsthandelskontor und ein Kunstmarkt, dann kann man doch zwischen den Zeilen herauslesen, dass er den schnöden Kunst-Kommerz doch immer wieder heftig anschiebt in die Richtung anspruchsvoller und vornehmer Kunstsalon. Das zeigt natürlich Wirkung, denn viele Kunstfreunde bekunden auf Befragen, dass sich gerade in Sachen Wertigkeit der Messe sehr viel getan hat und dass die Ausrutscher immer weniger werden.

Auch in der diesjährigen Art-Sonderschau der Sammlung des Baden-Badener Kunstförderers Frieder Burda darf man ruhig von einem „Kunstsalon“ sprechen, man kann sich dort tatsächlich in plüschigen Sesseln räkeln, während man die prächtige Meister-Parade der Herren Sigmar Polke, Max Beckmann, Wilhelm Lehmbruck, Gerhart Richter, Georg Baselitz und Neo Rauch vorbeiziehen lässt. Da findet sich nun wahre Großmeister-Qualität und in Sachen Kunstsammeln erste Sahne.

Nicht zu vergessen Burdas Großfoto, auf dem der Starfotograf Andreas Gursky vier deutsche Kanzler in Rückenansicht porträtiert hat. Übrigens ist da auch der wie ein Schlot paffende Helmut Schmidt mit von der Partie. Und in der Koje der Ulmer Galerie Tobias Schrade hat er in einem 8000 Euro teuren Ölbild von Marc Taschowsky noch einmal einen Messe-Auftritt, dieses Mal allerdings im Großformat, versteht sich, auch mit qualmender Zigarette!

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Erstellt:
23. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2018, 06:00 Uhr

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