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Plötzlich kamen Flüchtlinge

Ergenzingen musste überraschend 450 Menschen unterbringen

Etwa 450 Flüchtlinge kamen im Lauf der vergangenen Nacht in Ergenzingen an und wurden in einer leerstehenden Gewerbehalle untergebracht. Die Situation ähnelte einer Überrumpelung: Rottenburgs OB erfuhr um 16 Uhr von der bevorstehenden Ankunft so vieler Menschen, das Regierungspräsidium war um 14.30 Uhr vom Land informiert worden.

16.09.2015

Von Gert Fleischer

Ergenzingen. Gegen 21.40 Uhr stiegen die ersten Flüchtlinge aus dem Bus, zwei Familien mit Kindern. Hinter ihnen bildete sich rasch eine Reihe von etwa 50 jungen Männern. Es hieß, diese Männer seien aus Pakistan und aus Indien. Der Bus und weitere, die ihm folgten, sollen aus Karlsruhe gekommen sein. Dort ist die Landeserstaufnahmestelle (LEA) derart überfüllt, dass sie die Menschen unregistriert und ohne medizinische Untersuchung weiterleitete. Deshalb trugen die, die Kontakt mit den Ankommenden hatten, einen Mundschutz gegen Infektionen.

Fabrikhalle in Ergenzingen als Unterkunft für 450 Flüchtlinge
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450 Flüchtlinge sind in der Nacht zum Mittwoch in Ergenzingen eingetroffen. Dank fleißiger Helfer und einer leerstehenden Fabrikhalle konnten innerhalb weniger Stunden Unterkünfte mit Feldbetten eingerichtet werden. Jetzt leben sich die Menschen nach ihrer langen Reise langsam ein.

© Video: Ambrosius 03:53 min

300 Flüchtlinge sollten aus Karlsruhe kommen. Der zweite Bus stand schon wartend da. Darin waren, so berichtete eine Frau vom Roten Kreuz (DRK) syrische Familien, Frauen und Kinder.

Weitere Asylbewerber waren aus München angekündigt. Die bayerische Landeshauptstadt, die in den vergangenen Tagen eine fünfstellige Zahl von Flüchtlingen in Empfang genommen hatte und sich von anderen Bundesländern im Stich gelassen fühlte, habe 300 dieser Menschen in einen Zug gesetzt, Ziel: Esslingen. Von dort sollten sie per Bus nach Ergenzingen gebracht werden.

Am Dienstagnachmittag schwirrten Angaben zwischen 300 und 1000 Flüchtlingen umher. Verbindliche Aussagen, nicht nur zur Größenordnung, wollte niemand der Verantwortlichen wagen. Etwa um 21 Uhr traf Landrat Joachim Walter bei der ehemaligen Dräxlmaier-Halle ein, obwohl der Landkreis offiziell mit diesen Flüchtlingen nichts zu tun hat. Der Kreis nimmt Menschen vorübergehend auf, die bereits in einer der Erstaufnahmestellen registriert und untersucht worden sind.

Die Gespräche zwischen dem Landrat sowie Georg Walter, der die im Urlaub befindliche Vize-Regierungspräsidentin Grit Puchan vertrat, Oberbürgermeister Stephan Neher, Erstem Bürgermeister Volker Derbogen, Ortsvorsteher Reinhold Baur und Leuten der verschiedenen Hilfsdienste spitzte sich nach 21 Uhr krisenhaft zu, als plötzlich wieder Nachrichten eintrafen von 850, dann von 1000 Flüchtlingen. Am späten Abend meldete die Stadt 850 Menschen, am Mittwoch wurden dann aber doch nur 450 gezählt.

600 Leute passen in die Halle, hieß es beim DRK, wenn die Notliegen eng gestellt werden – das sei die absolute Obergrenze. Die Kreissporthalle in Tübingen sei voll belegt, berichtete der Landrat, der gleichwohl Hilfe für die erste Nacht anbot, selbst nicht genau wissend, wo er die Leute unterbringen sollte. Als sich RP-Pressesprecher Martin Frank am Handy – vermutlich vom Innenministerium – die Zusicherung geben ließ, mehr als 600 Leute kämen nicht, konnten die Funktionäre erstmals kurz lachen.

Joachim Walter erklärte, wie es bei der Landesregierung zur Entscheidung kam, die Flüchtlinge nach Ergenzingen zu schicken. Wolf Hammann, Ministerialdirektor im Landesintegrationsministerium, habe im Auto einen Anruf erhalten, dass ein Zug mit Flüchtlingen von München unterwegs sei. Dann habe er sich erinnert, dass die Astrion 3. Grundstücksgesellschaft aus Mittelbiberach, der die ehemalige Dräxlmaier-Halle gehört, sie dem Ministerium vor einigen Tagen zur Flüchtlingsunterbringung angeboten hatte. Angesichts der akuten Lage am Dienstag sei die Halle rasch auf Eignung geprüft worden. Angeblich wurde der Mietvertrag am Dienstagabend um 18 Uhr abgeschlossen.

Zu diesem Zeitpunkt hatten DRK, Johanniter, Technisches Hilfswerk immer mehr ihrer Leute nach Ergenzingen zusammengezogen. Schätzungsweise 200 Ehrenamtliche richteten Bänke und Tische auf, stellten Abtrennungen und Liegen in die Halle. Auf dem Vorplatz schlugen sie Zelte auf für die Erstregistrierung und einen Gesundheits-Check. Dutzende Einsatzfahrzeuge standen bereit, auch von Polizei und Feuerwehr. Zwölf, dreizehn Arbeiter der Altinger Firma Postweiler, die die Abtrennungen lieferte, schuftete nach einem Arbeitstag „mehr oder weniger ehrenamtlich“, wie Betriebsleiter Hans-Martin Klauser sagte. Um 20.45 Uhr brachte die Ochsen-Brauerei Sprudel und Saft, später wollte das DRK Essen liefern.

Info: Zahlen

300, 450, 600, 850, 3000 - in früheren Versionen dieses Artikels war von anderen Flüchtlingszahlen die Rede, die jedoch von offizieller Stelle immer wieder nach oben oder unten korrigiert wurden.

Wer Sachspenden für Flüchtlinge abgeben möchte, kann sich an die Stadt Rottenburg wenden.

/

Am Abend: Der erste Bus mit Flüchtlingen aus Indien und Pakistan ist in Ergenzingen eingetroffen.

Der zweite Bus wartet schon, angeblich sind Menschen aus Syrien an Bord.

Schlangestehen vor dem Sichtungszelt.

Bereit zur Sichtung

Zur Sichtung

Letzte Absprachen

Bald kommen die ersten Flüchtlinge.

Sichtung der Flüchtlinge aus Indien und Pakistan.

Nach der Sichtung ...

... geht es für die Menschen zur Untersuchung.

Am Nachmittag: Aus dieser Lagerhalle muss binnen Stunden eine Unterkunft für Hunderte Flüchtlinge werden.

Viele Helfer arbeiteten am Dienstag auf dem ehemaligen Dräxlmaier-Gelände im Ergenzinger Gewerbegebiet Höllsteig.

Hunderte Feldbetten für Hunderte Menschen werden aufgestellt.

Hand in Hand: THW Ofterdingen und Gerüstbau Postweiler.

Kistenweise Schlafsäcke kommen in Ergenzingen an.

Viel gibt es abzuladen - eine logistischen Meisterleistung.

OB Stephan Neher dankt den Helfern.

Vor Ort in Ergenzingen: Der Tübinger Landrat Joachim Walter und Rottenburgs OB Stephan Neher.

Die Helfer erwarten die Flüchtlinge.

Blick von oben auf den 4000-Einwohner-Ort Ergenzingen.

Unter sichtbar großem Druck standen am Dienstagabend die Offiziellen, weil sie sich Vorwürfen gegenüber sahen, sie hätten die Ergenzinger Bevölkerung nicht über die Ankunft so vieler Flüchtlinge informiert. Doch die Funktionäre haben nach eigener Auskunft die Nachricht selbst erst nachmittags erhalten und dann sofort alles veranlasst, damit die triste Industriehalle als Nachtlager für erschöpfte Flüchtlinge hergerichtet werden konnte.

Um 19 Uhr traf sich der Ergenzinger Ortschaftsrat zu einer Sondersitzung. Er beschloss, am Mittwoch, 16. September, um 19 Uhr im Adolph-Kolping-Saal eine Bürgerversammlung zu veranstalten. Einladungen wurden noch in der Nacht in Ergenzingen verteilt. Dort sollen die Einwohner über die aktuelle Lage informiert werden. Umbau in der Dräxlmaier-Halle: THW und Johanniter stellten Handy-Ladestation auf · Bundeswehr baute Feldbetten ab 10.10.2015 Keinen Anspruch auf Saft: Für Flüchtlinge ist Tee und Wasser vorgesehen / Tetrapaks ersetzen Pfandflaschen 06.10.2015 Einige Probleme drängen: Zwei Abgeordnete in der Ergenzinger Flüchtlingsaufnahmestelle 06.10.2015 Rottenburg/Ergenzingen: Zwei falsche Gerüchte zu Flüchtlingen 05.10.2015 Feste Strukturen schaffen: Das Rote Kreuz regelt zunehmend den Alltag in der Ergenzinger Flüchtlingsaufnahme 02.10.2015 Noch immer extrem kurzfristige Aktionen: Erfahrung aus zehn Tagen Erstaufnahme in Ergenzingen 25.09.2015 Großartige Arbeit: Stephan Neher zollt Helfern höchste Anerkennung 25.09.2015 Maximal 1000 Flüchtlinge in der Ergenzinger BEA: OB Neher will sich in Stuttgart für eine Obergrenze einsetzen 23.09.2015 Nach einer Odyssee: Weitere 250 Flüchtlingen wurden erwartet 23.09.2015 Drei Busse mit 130 Menschen: Weitere Flüchtlinge in Ergenzingen angekommen 18.09.2015 50 Flüchtlinge wurden verlegt: Stadt und Polizei wollen in Ergenzingen verstärkt Präsenz zeigen 17.09.2015 Große Verunsicherung: 800 Menschen kamen in Ergenzingen zum Informationsabend über die neue Erstaufnahmestelle 17.09.2015 Flüchtlinge brauchen Schuhe: DRK bittet um Spenden – aber nicht in Ergenzingen direkt 17.09.2015 Stichwort · Flüchtlinge: "Über 40 Prozent wurden gefoltert" 17.09.2015 Streit um Flüchtlinge im Land: Kommunen greifen Grün-Rot scharf an: Zu spät informiert 17.09.2015 Leitartikel · Flüchtlingspolitik: Geht doch! 17.09.2015 Kommentar: In Not und Krise sind Tugenden gefragt 17.09.2015 Ungewissheit auf allen Seiten: Über die Zukunft des Ergenzinger Bedarfsaufnahmestelle sagt die Landespolitik nichts 16.09.2015 Plötzlich kamen Flüchtlinge: Ergenzingen musste überraschend 450 Menschen unterbringen 16.09.2015 450 Menschen kamen am Dienstagabend nach Ergenzingen: Land bringt Hunderte Flüchtlinge in leerstehender Halle unter 15.09.2015

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Erstellt:
16. September 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. September 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. September 2015, 12:00 Uhr

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