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Ergenzingen: Im Wartesaal der Ungewissheit
Familie Klah ist aus dem Nordosten Syriens vor dem Islamischen Staat geflohen.
Die Sorge um die Daheimgebliebenen ist für viele Flüchtlinge nur schwer zu ertragen

Ergenzingen: Im Wartesaal der Ungewissheit

Über 500 Flüchtlinge wurden in der Nacht zum 16. September in Bussen nach Ergenzingen in eine Industriehalle gebracht, die das Innenministerium sechs Stunden zuvor als Notunterkunft ausgewiesen hatte. Die Helfer hatten kaum Zeit, Feldbetten aufzubauen. Seither sind Tausende durch dieses Notlager geschleust worden, das die Erstaufnahmestellen in Heidelberg und Meßstetten entlasten soll. Manche bleiben auch hängen – aus ihnen unbekannten Gründen.

28.10.2015
  • Ulrich Eisele

Ergenzingen. Der Boden in der Halle klebt, obwohl er täglich gereinigt wird. Die Schuhe von 500 Männern, Frauen und Kindern, die täglich über den Hof zur Toilette oder Dusche müssen – auch bei Regen –, hinterlassen auf dem porösen Beton untilgbare Spuren. Vor der provisorischen Essensausgabe – einer Reihe von Biertischen – hat sich eine lange Schlange gebildet. Geduldig warten dort Menschen, um eine Plastiktüte in Empfang zu nehmen. Sie enthält zwei Weizenbrötchen, ein Plastikschälchen mit 20 Gramm Butter, eins mit Marmelade, Honig und Schokocreme. Am Ende der Schlange stehen Bottiche, aus denen wahlweise Tee oder Kaffee fließen. In Plastikbecher.

Das Catering der Bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtung (BEA) in Ergenzingen hat an diesem Tag die Firma Albfood aus Haigerloch-Gruol übernommen. „Wir sind eigentlich eine Metzgerei mit Partyservice“, erklärt ein Mitarbeiter. Aber schon länger mit dem Regierungspräsidium im Geschäft. „Wir beliefern die Flüchtlingsunterkünfte in Sigmaringen und Hechingen.“ Selbstverständlich „halal“, das heißt: ohne Schweinefleisch. Dass alles in Plastik verpackt ankommt, hänge mit Hygienevorschriften zusammen: „Wir wollen in nix ‘nei‘kommen.“

In der Nacht hat es geregnet. Auf dem Hof spiegelt sich die Morgensonne in den Pfützen. Wenige sind wach, streben in Badelatschen dem Toilettenwagen zu. Ordner in gelben Warnwesten kontrollieren den Eingang. Daneben sitzt Bruno Gross in einem DRK-Fahrzeug. Es ist 8 Uhr. Der Lagerleiter steht sichtlich unter Strom. Heute sollen Bürocontainer angeliefert werden, doch wann und wie, steht noch in den Sternen. Gross spricht eindringlich in sein Smartphone, macht nebenbei Notizen. Sein rundes, stoppelbärtiges Gesicht strahlt Ruhe und Freundlichkeit aus, verrät aber auch Erschöpfung. Ein kräftiger Händedruck zeigt, dass er zupacken kann. Doch für diesen Job bräuchte er ein paar zusätzliche Hände. „Was machen wir jetzt mit Ihnen?“, rätselt er. Und ist froh, dass der Reporter nichts weiter will als die Erlaubnis, sich ein paar Stunden in der Halle umzuschauen.

Ruhig ist es dort eigentlich nie

Die misst zirka 50 Mal 50 Meter, ist 12 Meter hoch und wird an zwei Seiten von einer Empore eingerahmt. Links und rechts führen Stahltreppen nach unten, ins Erdgeschoss, wo – dicht an dicht – zirka 220 Stockbetten stehen. Damit die Menschen unten nicht schutzlos den Blicken von oben ausgesetzt sind, stehen Sperrgitter mit Tüchern am Rand der Empore. Dahinter bilden viele Biertischgarnituren den Ess- und Aufenthaltsbereich. Ein Stimmengewirr mischt sich im Raum zu einem beinahe mechanischen Hintergrundrauschen. „Hier ist es niemals ruhig“, sagt ein junger Mann mit Brille auf Englisch. In der Nacht? „Da weinen immer wieder die Kinder“, erzählt er, „und ständig ist Licht an.“

Der junge Mann gehört zu einer Gruppe syrischer Flüchtlinge aus Aleppo, darunter der Besitzer einer Möbelfabrik und ein Rechtsanwalt. Er selbst stellt sich als Architekt vor. Schon seit Eröffnung der Notunterkunft seien sie da, erzählt er – seit fünf Wochen. „Wir waren die ersten. Und jetzt sind wir immer noch da.“ Ihre Stimmung schwankt zwischen Frust und Galgenhumor. Viele, mit denen sie kamen, seien längst weiterverlegt worden, behaupten die Syrer. Ein Freund, der nach Nordrhein-Westfalen reiste, habe sogar schon eine Wohnung. Unablässig checken sie ihre Smartphones, lesen neu eingehende Nachrichten.

Man habe ihnen die Pässe und Fingerabdrücke genommen, berichten sie. Deshalb könnten sie nicht weiterreisen. Auf ihre Fragen würden die Zuständigen stets antworten: „Bald“ gehe es weiter, nach Meßstetten zur Registrierung, „morgen oder übermorgen“. Jeden Tag dieselbe Auskunft. „Man kann das zwei, drei Wochen aushalten“, meint der Möbelfabrikant. „Aber nicht auf unbestimmte Zeit.“

Sie alle sind ungeduldig. Sie flohen vor Bomben und Selbstmordanschlägen. Das allein gab jedoch nicht den Ausschlag. „Zur Zeit werden alle jungen Männer von der Straße geholt und ins Militär gepresst“, berichten sie. Die Alternative hieß für sie: für den Diktator töten, selbst sterben – oder fliehen. Also ließen sie Frauen und Kinder zurück, um ihr Leben zu retten.

Doch die Angst um ihre Angehörigen haben sie mitgenommen. „Für sie wäre die Flucht zu gefährlich gewesen“, begründet der Möbelfabrikant, warum er seine Frau und Kinder zurückließ. Seine Familie habe alles Geld für die Flucht zusammengekratzt, berichtet der Architekt. Alle hoffen, möglichst bald Wohnung und Arbeit zu finden, um Angehörige nachholen zu können.

„Wir haben uns Deutschland als größtes und stärkstes Land in Europa ausgesucht, weil es gute Menschenrechte hat“, sagt der Architekt. „Wir können überall arbeiten. Wenn man uns hier nicht will, können wir in ein anderes Land gehen. Aber man lässt uns nicht.“ „Wir wollen rasch Deutsch lernen“, ergänzt der Rechtsanwalt. „Wenn der Krieg vorbei ist, gehen wir zurück nach Syrien.“

Er sei mit der Hoffnung auf eine gute Zukunft gekommen, sagt der Möbelfabrikant. Er habe einen Bruder in den Emiraten, doch dort lasse man ihn nicht einreisen. „Das einzige Tor zur Freiheit ist für uns die Türkei.“ Von den Verhältnissen in der Bedarfs-Erstaufnahme in Ergenzingen sei er schockiert, obwohl Betreuer und Sicherheitskräfte sehr freundlich seien.

Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass ein Journalist im Lager ist. Ein Mann mit Kleinkind redet aufgebracht auf mich ein – auf Arabisch. Ein anderer übersetzt: Das Kind sei krank, die Luft in der Halle schade seinen Atemwegen, es habe Halsweh. Doch der Lagerdoktor wolle keine Medizin verschreiben, empfehle nur Lutschpastillen und Ruhe. Rasch sammelt sich eine Menge. „Wir wollen, dass es hier weiter geht“, ruft einer in gebrochenem Englisch. Zwei, drei andere holen Kartons aus dem Müll, schreiben „Bitte“ und „Help us“ darauf. Mit den hastig zusammengebastelten Transparenten stellen sie sich zur Demonstration auf und dringen auf ein Foto, damit die Öffentlichkeit Kenntnis von ihrer Not nehme. Einer der Arabisch-Dolmetscher redet begütigend auf sie ein, fordert den Vater mit dem kranken Kind auf, nachmittags zur Sprechstunde in den Sanitätswohnwagen zu kommen. „Wenn der Arzt dort nicht helfen kann, bekommen Sie eine Überweisung zum Kinderarzt oder ins Krankenhaus“, sagt Bruno Gross, der herbeigeeilt ist – und zum Dolmetscher: „Bitte übersetzen Sie das!“

Schwangere und Kranke leiden besonders

Es ist Mittag. An der Essensausgabe werden Plastikmenüschalen mit Hackfleischbällchen (Rind), Kartoffelbrei und Karottensalat verteilt. Einige holen sich ihr Essen, andere bleiben apathisch auf den Betten liegen. Nur die Kinder scheint die Atmosphäre weniger zu bedrücken: Sie fahren Fahrrad oder Dreirad in den Gängen oder auf dem Hof, spielen Ball – oder sie helfen ihren Familien beim Aufräumen.

Aziz, ein Englischlehrer, führt mich zu einer Familie im hinteren Teil der Halle, die aus Stellwänden und Stockbetten eine private Nische aufgebaut hat. Ramadan Klah und seine Frau Kathar flohen mit ihren vier Kindern aus Al Hasaka im Nordosten Syriens, weil dort der Islamische Staat (IS) die Herrschaft übernommen hat. Herr und Frau Kah seien beide Lehrer, übersetzt Aziz, doch der IS habe ihnen verboten, ihre Arbeit weiter auszuüben. Mit Daumenabdrücken hätten sie alle bezeugen müssen, nicht mehr zu lehren. Zur Abschreckung sei einer der Lehrer hingerichtet worden.

Wie viele kamen die Klahs über die Balkanroute nach Deutschland. In Passau mussten sie mehrere Tage im Krankenhaus zubringen, weil der jüngste Sohn, Abdelkadr, eine eitrige Mittelohrentzündung hatte. Für den Dreijährigen, der schon als Säugling am Herz operiert wurde, sei der Aufenthalt im Lager sehr ungesund, meinte Aziz, der selbst ohne Familie da ist.

Die ist in Arraka zurückgeblieben. Was das bedeutet, kann Aziz mir nur in Ansätzen begreiflich machen. „Ich vermeide es, über meine Familie zu sprechen“, sagt er, „weil ich sonst weinen muss.“ Er erzählt von willkürlichen Verhaftungen, Folterungen und allen Arten von Schikanen, die es in seiner Heimatstadt gegeben habe.

Anstatt zu grübeln, setzt er sich lieber für seine Landsleute ein. „Ich bin Englischlehrer, ich muss für sie sprechen“, sagt er. Mit großem Eifer besucht Aziz auch den Deutschkurs, den freiwillige Helfer nachmittags in der Schule in Ergenzingen anbieten. In sein Notizbuch hat er sich eine Reihe deutscher Wörter und Wendungen geschrieben, die er nun hervorholt und buchstabiert. „Wir wollen möglichst rasch Deutsch lernen“, sagt er, „und dann arbeiten.“

Aziz ist ein gläubiger Mensch. „Ich weiß nicht, warum Allah uns diese Prüfung auferlegt hat“, sagt er. Aber an Gott zweifeln? Statt einer Antwort führt mich Aziz zu einer mit Stellwänden abgetrennten Ecke in der Halle. „Unsere Moschee“, erklärt er. „Die Deutschen haben uns erlaubt, hier zu beten.“ Ein Landsmann tritt hinzu, spricht mit Aziz auf Arabisch. „Er hat gesagt, dass es jetzt Zeit ist, zu beten“, erklärt Aziz entschuldigend und verabschiedet sich.

Nach fünf Stunden verlasse ich das Lager wie betäubt von den Eindrücken, die auf mich einstürmten. Wenn es für mich schon schwer ist, dort einen halben Tag auszuhalten, wie schwer muss es für Menschen sein, die alles verloren haben, die Sprache nicht verstehen und in ihrem Selbstvertrauen bis auf den Grund erschüttert sind?

Bruno Gross ist noch immer (oder schon wieder?) in seinem Einsatzfahrzeug. Der Lagerleiter bereitet die Übergabe für seine Ablösung vor. Feierabend? Gross lacht: „Ich hab noch einen anderen Job“, sagt er – als DRK-Kreisgeschäftsführer. Zwölf bis 16 Stunden arbeitet er zur Zeit täglich, an sechs Tagen in der Woche. Es tue ihm leid, dass er nicht mehr für die Menschen hier tun könne, sagt er. Schaffen wir das? „Wenn wir genügend Unterstützung bekommen“, sagt Bruno Gross. Es klingt nicht ganz zuversichtlich.

Nachtrag Gestern bekam Bruno Gross die Zusage, dass er neue Mitarbeiter einstellen darf. „Jetzt wird es besser“, freute sich der DRK-Leiter. Bis zu 25 Hauptamtliche sollen im „Endausbau“ in Ergenzingen arbeiten. Ihnen stehen fast 250 Freiwillige zur Seite, die von der gelegentlichen Begrüßung bis zur regelmäßigen Kinderbetreuung zusätzliche Dienste leisten.

Ergenzingen: Im Wartesaal der Ungewissheit
Der Boden an der Essensausgabe klebt, obwohl er täglich mit einer Putzmaschine gereinigt wird. 500 Paar Schuhe hinterlassen Spuren. Bilder: Eisele

Ergenzingen: Im Wartesaal der Ungewissheit
Die einzigen, denen die Atmosphäre wenig auszumachen scheint, sind die Kinder.

Bis zu 550 Flüchtlinge können in der Bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtung (BEA) in Ergenzingen untergebracht werden. Für 440 gibt es inzwischen Stockbetten, der Rest muss auf Feldbetten schlafen.

Die Zahl der untergebrachten Flüchtlinge wechselt fast täglich: Busse bringen die einen zu den Erstaufnahmestellen, wo sie ihre Asylanträge stellen können. Neu eintreffende Flüchtlinge rücken dafür nach.

Auch die Zusammensetzung wechselt: Mal sind viele junge Männer da, mal Familien mit Kindern. Ein großer Teil der Flüchtlinge kommt aus Syrien. Aber auch Pakistan, Afghanistan, Iran, Irak, die Türkei und die Balkanstaaten sind als Herkunftsländer vertreten. Nur wenige der Ankommenden stammen aus Afrika.
Das DRK bittet, keine Kleidermehr für Flüchtlinge zu spenden, es sind genügend da. Erwünscht sind jedoch Fahrräder, Roller, Dreiräder und Bälle für Kinder sowie einfache Brettspiele (Schach, Tavla), mit denen sich die Erwachsenen die Zeit vertreiben können. Auf seiner Homepage „www.drk-tuebingen.de“ informiert das DRK auch darüber, wie man die Flüchtlingsarbeit in Ergenzingen unterstützen kann.

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28.10.2015, 12:00 Uhr
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