Ein Schub für die Ökologie

Erfolgreicher Widerstand gegen geplantes Atomkraftwerk Wyhl wirkt bis heute nach

Die Anti-Atomkraft-Proteste der 1970er Jahre bei Wyhl wirken bis heute nach. Damals wurde nicht nur der Bau eines Kernkraftwerks verhindert. Wyhl gab der ökologischen Bewegung einen kräftigen Schub.

05.09.2012

Von PETRA WALHEIM

Wyhl. Es ist ein idyllisches Plätzchen am Rhein, zwei Kilometer von Wyhl am Kaiserstuhl. Radfahrer, die auf dem Uferweg unterwegs sind, legen auf den Bänkchen bei der Nato-Rampe eine Pause ein, genießen die Sonne und die Stille. Wenn Axel Mayer die Augen schließt, in Gedanken 37 Jahre zurückreist und sich den gleichen Platz vorstellt, sieht er alles andere als Idylle.

Vor seinem inneren Auge erscheint der Bauplatz, auf dem das Kernkraftwerk Wyhl gebaut werden soll, der ist von Atomkraft-Gegnern besetzt. Zelte, Hütten, "Freundschafts-Haus" stehen darauf. Monatelang. Er sieht Polizisten, die versuchen, den Platz zu räumen und Atomkraft-Gegner, die sich dagegen wehren. Mayer war damals dabei. Die Zeit hat ihn geprägt. Heute ist er Geschäftsführer der Freiburger Geschäftsstelle des Bundes für Umwelt und Naturschutz.

Damals, 1973, als über den Rundfunk bekannt gemacht wurde, dass das ursprünglich in Breisach geplante Kernkraftwerk in Wyhl gebaut werden soll, war Axel Mayer 17 - und für die Atomkraft. "Damals wusste kaum jemand Bescheid über die Gefahren, die von Atomkraftwerken ausgehen", sagt er.

Erst, nachdem er sich mit vielen hundert anderen Kaiserstühlern in Vorträgen und Gesprächen mit Experten informiert hatte, wechselte Mayer die Seite und kämpfte mit tausenden von Atomkraft-Gegnern vom Kaiserstuhl, aus Freiburg, aus dem Elsass und aus der Schweiz gegen den Bau des KKW Wyhl. Mit Erfolg. Das Kernkraftwerk wurde nie gebaut.

Stattdessen wurden während der Platz-Besetzung Grundlagen für die ökologische Bewegung gelegt. "Freiburg wäre ohne Wyhl nie zur Green City geworden", sagt Mayer. Dass heute auffallend viele Dächer der Häuser am Kaiserstuhl mit Solaranlagen bestückt sind, hat seine Ursache in den Protesten von Wyhl. Vermutlich gäbe es ohne die monatelange Platzbesetzung und die intensive Beschäftigung mit Umwelt-Themen auch die Grünen nicht.

Der gewonnene Kampf um ein Gelände bei Marckolsheim im Elsass hatte Rhein-Anwohnern und Kaiserstühlern Mut gemacht, sich auch gegen das Kernkraftwerk zu stemmen. Auf dem Gelände im Elsass sollte ein Blei-Chemiewerk gebaut werden.

Nach den Werksangaben sollten durch dessen Kamine pro Jahr mehr als zwölf Tonnen Blei in die Umwelt gepustet werden. Kaiserstühler und Elsässer, die sich um ihre Weinberge, die Landwirtschaft und die Umwelt Sorgen machten, besetzten den Platz und erreichten, dass die französische Regierung den Bau des Werks verbot.

Zu der Zeit plante die Kernkraftwerk Süd AG (KWS), die zum Energieversorger Badenwerk gehörte, bereits den Bau eines Kernkraftwerks bei Breisach. Die Breisacher gingen auf die Barrikaden. Deshalb wurde entschieden, das KKW rheinabwärts bei Wyhl zu bauen. Dort waren Arbeitsplätze rar, in Teilen der Gemeinde keimte Hoffnung auf, das KKW könnte Arbeit und Geld in den Ort bringen. "Der Aufschwung in den 1950er Jahren ist teilweise an Wyhl vorbeigegangen", sagt Josef Seiter.

Die Gewerbesteuer, die ein Kernkraftwerk gebracht hätte, lockte. Der heute 83-Jährige war damals im Gemeinderat in Wyhl und stand - wie seine Ratskollegen - vor dem Problem, über den Geländeverkauf entscheiden zu müssen. Wissenschaftler wurden eingeladen, die über Atomkraft informieren sollten. "Doch die waren sich auch nicht einig", erinnert sich Seiter. Uneinigkeit herrschte auch im Ort. Der Streit um das Kernkraftwerk riss tiefe Gräben in vielen Familien.

Der Rat setzte einen Bürgerentscheid an, mit dem Ergebnis, dass sich die Mehrheit der Bürger, die zur Wahl gingen, für den Verkauf des 42 Hektar großen Geländes entschieden. Dass die Nachbargemeinde Weisweil und die Franzosen Interesse an dem Kernkraftwerk angemeldet hatten, hatte viele Wähler unter Druck gesetzt.

Im Januar 1975 wurde das Gelände für zwei Millionen Mark an die Kernkraftwerk Süd verkauft. Im Februar rückten die Baumaschinen an. Die Gegner stellten sich den Fahrzeugen in den Weg, besetzten den Bauplatz. Die Polizei räumte ihn mit Hundestaffeln und Wasserwerfern.

Der Platz wurde eingezäunt, weitere Besetzungen blieben aus. Bis zu einer Kundgebung Ende Februar 1975 mit 28 000 Menschen. Einigen gelang es, den Zaun zu überwinden und den Platz erneut zu besetzen.

Die neuerliche Besetzung gelang auch deshalb, weil etliche Studenten aus Freiburg beteiligt waren. "Es war gut, dass sie da waren", sagt Gottfried Schüber, der damals zu den Gegnern gehörte und 1981 in den Gemeinderat gewählt wurde. Sie konnten Informationen zur Atomkraft beschaffen, sie hatten Zeit, den Platz besetzt zu halten.

Erst im November 1975 verließen die Bürgerinitiativen den Platz wieder. Das war Voraussetzung für Verhandlungen mit der Landesregierung. Die zogen sich über Jahre hin. Der Widerstand am Kaiserstuhl blieb. Im August 1983 ließ Ministerpräsident Lothar Späth wissen: "Der Zeitdruck für Wyhl ist weg." Damit war das Vorhaben erledigt.

In der Zeit der Besetzung hatte es viele Kundgebungen gegeben. Die Technik für die Lautsprecheranlage lieferte damals Werner Mildebrath, der in Sasbach ein Elektrogeschäft betrieb. Er gilt heute in der Region als Solar-Pionier. Auf seinem Hausdach steht noch heute eine der ersten thermischen Solaranlagen Deutschlands. "Ich wollte nicht nur Nein sagen zur Atomkraft, sondern eine alternative Energiequelle finden", sagt der heute 84-Jährige.

Deshalb baute er 1975 das erste Solardach weit und breit. Andere Sasbacher baten ihn, ihnen auch so eine Anlage zu bauen. Ein Jahr später wurden die Sasbacher Sonnentage veranstaltet, eine Ausstellung zu alternativen Energien. "Daraus sind die großen Öko-Messen des BUND entstanden", sagt Axel Mayer. Die Badener hatten es nicht beim Spruch "Nai hämmer gsait" belassen, sie haben Alternativen zur Atomkraft gesucht - und gefunden.

Freiburg gilt heute als Zentrum der ökologischen Bewegung und hat sich mit dem Titel "Green City" weltweit einen Namen gemacht.

Auch schon wieder 37 Jahre her: Gegen die Baupläne in Wyhl gab es 1975 Massenproteste der Atomkraftgegner. Mit Bauplatzbesetzungen wehrten sie sich gegen das Kernkraftwerk. Gebaut wurde es dann nicht. Archivfoto

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Erstellt:
5. September 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
5. September 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. September 2012, 12:00 Uhr

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