Rudersberg

Erdwärme bringt Idylle unter Druck

Bohrlöcher für Erdwärme sollen erneut schuld sein an Bodenhebungen. Im Schwäbischen Wald fürchten Hausbesitzer um ihr Eigentum.

21.05.2012

Von HANS GEORG FRANK

Rudersberg Die knapp 500 Einwohner des Weilers Zumhof preisen die Lage ihres Dorfes als "wunderschöne, reich gegliederte Berg- und Hügellandschaft mit zahlreichen Taleinschnitten". Im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald, an einem flachen Hang oberhalb des Flüsschens Wieslauf, lässt es sich angenehm wohnen.

Jetzt aber fürchten Hausbesitzer um ihr Eigenheim, weil an einigen Gebäuden Risse aufgetreten sind. Das Dorf steht unter Druck. Bis zu 40 Zentimeter hat sich die Erde gehoben. Betroffen sind hauptsächlich Garagen und Wintergärten.

Bei einer Informationsversammlung im Rudersberger Rathaus versprach Bürgermeister Martin Kaufmann (SPD) jede nur denkbare Unterstützung. Auch eine Übernahme der Kosten für Messungen und Kontrollen sagte er zu, um sie später dem Landratsamt in Rechnung zu stellen. Um die 100 Bürger waren in den Ratssaal gekommen. Journalisten waren nur zugelassen, wenn sie weder Namen noch Adressen der besorgten Hausbesitzer veröffentlichen, weil diese einen Wertverlust ihrer Immobilie offenbar nicht publik gemacht haben wollen. Das Ausmaß der Schadensfälle lässt sich derzeit offenbar noch nicht absehen. Alle vier Wochen wollen sich die Zumhöfer mit dem Bürgermeister zusammensetzen. Kaufmann drängt auf rasche Klärung.

Die Schuld an dem Debakel geben die Eigentümer vom Zumhof, einem von zwölf Teilorten der Gemeinde Rudersberg im Rems-Murr-Kreis, Bohrungen für die Gewinnung von Erdwärme. In den Jahren 2007 und 2008 waren in einem Neubaugebiet 20 Geothermie-Zapfstellen in bis zu 70 Metern Tiefe niedergebracht worden. Dabei ist allem Anschein nach auch eine 26 Meter dicke Gipskeuperschicht durchlöchert worden , wobei sehr vorsichtig zu Werke gegangen werden musste, damit kein Wasser eindringen kann.

Wird bei der Abdichtung gepfuscht, quillt das Gestein auf, der Boden hebt sich. Im südbadischen Staufen ist dieses Phänomen seit 2004 vor allem in der denkmalgeschützten Altstadt derart ausgeprägt, dass angesichts von rund 250 beschädigten Gebäuden von einer Katastrophe gesprochen wird.

Doch nicht nur 240 Kilometer vom Zumhof entfernt verursacht die eigentlich umweltfreundliche Energie große Probleme. Auch in Schorndorf, der Nachbarstadt von Rudersberg, wurden eine Schule und einige Häuser beschädigt, weil offenbar geschlampt worden ist. In Leonberg (Kreis Böblingen) geriet die Erdwärme gleichfalls ins Zwielicht, als breite Risse an 24 Häusern auftraten.

Nicht nur im Teilort Zumhof geht die Angst um. Bürgermeister Kaufmann hat das Landratsamt in Waiblingen aufgefordert, alle genehmigten Erdwärmeprojekte in der Gipskeuperzone zu stoppen. Im Dorf halten sich Gerüchte, wonach ein Bohrkopf abgebrochen und in der Tiefe stecken geblieben sein soll. Auch dieser Behauptung geht das Landratsamt nach und hat die Bürger aufgefordert, alle Einzelheiten aufzuschreiben.

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Erstellt:
21. Mai 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Mai 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Mai 2012, 12:00 Uhr

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