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Erdogan verfolgt Gülen-Bewegung – Das Netzwerk macht mit Bildung Politik
Für den türkischen Präsidenten ist er Staatsfeind Nummer1: Der Prediger Fetullah Gülen. Foto: actionpress
Finanzstark, aber undurchsichtig

Erdogan verfolgt Gülen-Bewegung – Das Netzwerk macht mit Bildung Politik

Für Präsident Erdogan ist Fethullah Gülen Staatsfeind Nr. 1. Doch ist der Prediger eines konservativen Islam so gefährlich? Zweifellos hat er Einfluss.

05.08.2016
  • ELISABETH ZOLL

Istanbul. Eine solche Begegnung wäre heute kaum mehr möglich. Vorbei ist in der Türkei die Zeit, als Sympathisanten des Prediger Fethullah Gülen offen sprechen konnten. Wer der Bewegung nahe steht, bleibt still. Das gilt für die Türkei, wo die Regierung Erdogan mit eisernem Besen durch Militär, Behörden, Schulen, Polizei und Medien fegt. Das ist aber auch in Deutschland nicht mehr auszuschließen.

Noch vor kurzem waren Gespräche über die Gedanken des seit 1999 im US-Exil lebenden Predigers Gülen und deren Bedeutung für das persönliche Leben noch möglich. So wie vor Jahren in einem eleganten Vorort Istanbuls. Ein erfolgreicher Unternehmer mittleren Alters empfing in seinem Wohnzimmer. Inmitten einer goldschimmernden Sessel- und Sofa-Landschaft erzählte der Mann von seinem beruflichen Aufstieg und seiner Haltung zum Leben. Wie im deutschen Protestantismus gehörten Strebsamkeit und wirtschaftlicher Erfolg für ihn zusammen. Leistung sei wichtig, Aufstieg gut, die großzügige Fürsorge für wenig begüterte Menschen eine religiöse Pflicht. Der Mann, der im türkischen Militär gedient und später als Selbstständiger ein international agierendes Unternehmen aufgebaut hatte, war eins mit sich. In Mekka hatte er gebetet, in Pennsylvania seinem großen Vorbild Gülen gelauscht. Kann von Menschen wie ihm, die augenblicklich zu Tausenden verfolgt und nicht selten ohne Kontakte zur Umwelt festgehalten werden, eine Gefahr für den türkischen Staat ausgehen?

Wer ist dieser Fethullah Gülen und wie funktioniert seine Bewegung?Der 77-Jährige zählt zweifellos zu den einflussreichsten muslimischen Gelehrten. In Videobotschaften richtet er sich regelmäßig an seine Getreuen. Nicht vom Krieg gegen Ungläubige oder von der Notwendigkeit eines Umsturzes in seiner Heimat predigt er, sondern vom Kampf gegen Unwissenheit in den Köpfen. Mit Bildung will er seine Vorstellung vom Islam in der Welt verbreiten. Die ist durchaus konservativ, den Vorstellungen von Staatspräsident Erdogan und seiner regierenden AKP nicht fremd. Doch geschmeidiger ist der Prediger aus den USA. Mit den Vertretern vieler Weltreligionen pflegt er guten Kontakt. Auch in unmittelbarer Nähe des Vatikan unterhält er ein Verbindungsbüro. Fethullah Gülen ist ein Kommunikator. Der polternde Ton Erdogans liegt ihm nicht. Wenige Unterschiede zeigen sich jedoch in den Zielen, auch wenn die früheren Weggefährten heute ein tiefer Graben trennt. „Fethullah Gülen arbeitet mit dem Florett, Erdogan mit dem Schlachtermesser“, sagt ein Kenner der türkischen Szene. Auch wenn Gülen die Demokratie preise, bleibe sein Leitbild ein islamischer Staat. Religion soll einen breiten Raum im öffentlichen Leben einnehmen.

In 140 Ländern hat die Bewegung Schulen und Universitäten aufgebaut, viele davon in den Turkrepubliken Zentralasiens, in denen Ankara nach dem Zusammenbruch des Ostblocks Fuß zu fassen hoffte, aber auch in Europa, den USA und in Afrika.

An Geld mangelt es nicht. Das mehrere Millionen Menschen starke Netzwerk, dessen innere Organisation niemand so richtig kennt, hat viele finanzstarke Unterstützer, Menschen wie den Mann in Istanbul. Der Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre hat eine neue Gruppe von Wohlhabenden hervorgebracht – in großer Zahl auch in konservativen Kreisen. „Es ist viel Geld im Land“, vor allem in den neuen Industriemetropolen, meint ein politischer Beobachter, der aus Sorge um seine Kollegen seinen Namen nicht in der Zeitung veröffentlicht haben will. Diese Leute investieren in Strukturen, die sie schätzen, von denen sie sich möglicherweise auch einen Benefit erhoffen. So auch in die Gülen-Bewegung, die sich selbst Hizmet, die Dienende, nennt.

Sie bildet vermutlich nicht den einzigen Staat im Staat. Auch die alte kemalistische Elite hat sich vor Jahren gegen die aufkommende AKP und die damit verbundene Islamisierung des Landes organisiert. Vom „tiefen Staat“ war in diesem Fall die Rede. Sympathisanten der Gülen-Bewegung waren bis vor der Säuberungswelle in allen staatlichen und gesellschaftlichen Bereichen präsent. Sie bauten Medienkonzerne auf und Sozialeinrichtungen, machten im Polizei- und Militärdienst Karriere. Grund dafür war ihr Know-how. Als Krake mit vielen Armen und Gliedern, bezeichnet ein Beobachter die Bewegung. Mit einem Netzwerk aus Bildungseinrichtungen ist es der Bewegung gelungen, eine neue Elite zu formen. Ein abgestuftes Netzwerk von Nachhilfeeinrichtungen über Schulen und Universitäten war der Ausgangspunkt. In den Genuss hochdotierter Stipendien für teure Privatschulen kamen nur die 1000 besten Schüler im Land. Erfolgreiche Absolventen waren nicht nur finanziell eine Art Paten für den Nachwuchs. Ausschlaggebend waren die Noten beim landesweiten Leistungswettbewerb zum Abschluss der Grundschule nach Klasse 8. Bestnoten eröffneten auch armen Kindern den Einstieg in einen verheißungsvollen Weg.

Der führte oft in den Staatsdienst. Erfolgreiche Hochschulabsolventen sollten Schlüsselpositionen in den säkularen Institutionen besetzen und Verantwortung übernehmen bei der Polizei. Die Sicherheitskräfte spielten eine zentrale Rolle, bildeten sie doch nach und nach ein Gegengewicht zum eher kemalistisch geprägten Militär, das sich nicht scheute, eigene Machtansprüche immer wieder mit einem Putsch durchzusetzen. Die Rolle der Polizei wurde zusätzlich gestärkt durch die EU. Im Rahmen der Beitrittsverhandlungen wurde die Türkei aufgefordert, die Armee zurück in die Kasernen zu rufen. Kaum einem anderen Wunsch Brüssels kam Staatspräsident Erdogan so gerne nach. Angebliche Putschpläne führten zwischen 2008 und 2010 dazu, die Reihen der Militärs zu lichten und durch Gefolgsleute auszutauschen.

Die Methode kommt auch jetzt wieder zum Zug. In der Türkei hat ein wahres Kesseltreiben auf tatsächliche oder nur vermutete Gegner Erdogans begonnen. Das größte Problem für das Land scheint in nächster Zukunft die Angst zu sein. Wer nicht zum AKP-Lager zählt, vermeidet schon jetzt klare Worte. Und der Druck auf Minderheiten oder die intellektuelle Linke könnte noch steigen. In vielen Familien werde schon überlegt, ob es in der Türkei noch eine Zukunft für die Kinder gebe, sagt ein junger Deutscher, der seit Jahren in der Türkei lebt. Ob die Gülen-Bewegung mit der jetzigen Säuberungswelle vernichtend geschlagen ist, bleibt ungewiss: „Man kann Leute ins Gefängnis stecken, das Denken verbieten, kann man nicht“, kommentiert ein Beobachter.

Auch in Deutschland wächst der Druck

Stuttgart Die Anhänger der Gülen-Bewegung geraten auch in Deutschland ins Visier türkischer Fanatiker. In sozialen Netzwerken kursieren Listen mit Namen von Geschäften und Restaurants in Stuttgart und Köln, die vermeintlichen oder tatsächlichen Gülen-Sympathisanten gehören. Verbunden sind sie mit einem Aufruf, diese Geschäfte zu boykottieren. Solche Aufrufe gab es in Deutschland schon einmal, Anfang der 30er Jahre: gegen jüdische Geschäfte.

München Auch in München machen AKP-Anhänger Druck, darüber berichtete der Deutschlandfunk. In E-Mails werden Deutsch Türken aufgerufen, Gülen-Sympathisanten zu denunzieren. Als Kontakt ist eine Faxnummer mit Vorwahl Ankara angegeben, die im Schreiben als „präsidentschaftliche Hotline“ bezeichnet wird. Auch Ditib- und Milli-Görüs-Moscheen hetzen gegen Gülen-Anhänger und verwehren ihnen den Zutritt zum öffentlichen Gebet.⇥eth

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05.08.2016, 06:00 Uhr
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