Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
„Erdogan ist ein Held“
Rotes Flaggenmeer vor dem Dom: Bis zu 40?000 Erdogan-Fans waren gestern in Köln, der türkische Sportminister sprach per Video-Schaltung. Foto: dpa
Türkei-Flaggen und Massenjubel in Köln – 20 000 huldigen türkischem Präsidenten

„Erdogan ist ein Held“

Tausende Türkischstämmige haben in Köln für den türkischen Präsidenten Erdogan demonstriert. Bei vielen Kölnern stößt das nicht auf Sympathie.

01.08.2016
  • YURIKO WAHL-IMMEL CHRISTOPH DRIESSEN, DPA

Köln. Ein Meer aus roten Halbmond-Flaggen, viele Männer und Frauen sind ganz eingehüllt in die türkische Nationalfahne, es geht emotional zu bei der Kundgebung in Köln. Auch der Regen schreckt die bis zu 40 000 Teilnehmer gestern nicht. Veranstalter und Polizei hatten im Vorfeld sogar mit noch mehr Teilnehmern gerechnet, zunächst wurden 30 000, später dann 50 000 Teilnehmer genannt.

Offizielles Thema ist der gescheiterte Putschversuch in der Türkei. Aber die Demo-Teilnehmer wollen vor allem eine machtvolle Botschaft senden: volle Unterstützung für den Kurs des islamisch-konservativen Präsidenten der Türkei Recep Tayyip Erdogan. Viele scheinen geradezu im Erdogan-Rausch. Auf Transparenten heißt es unter anderem „Erdogan ist ein Streiter für Menschenrechte“ oder „Bleib aufrecht, bleib standhaft, verbieg Dich nicht“.

Von der Bühne ruft ein Redner: „Wir sind Deutschland.“ Er wartet auf das Echo. Aber aus der Masse schallt ihm entgegen: „Allahu akbar“ – Arabisch für „Gott ist groß“. Die türkische und die deutsche Nationalhymne werden gespielt. Eine Schweigeminute für die Opfer des Putsches wird abgehalten, auch für die Toten bei den Terroranschlägen in Deutschland und Frankreich. Die Themen vermischen sich.

Im Fokus steht Erdogan – und der Jubel der Menge ist ihm jedes Mal gewiss. In der Türkei hat der umstrittene Präsident den Ausnahmezustand verhängt, lässt die Behörden massiv gegen mutmaßliche Verschwörer in Militär, Justiz und Medien vorgehen.

Demo-Teilnehmer Cabuk Kenan findet das richtig. „Es ist gut, dass Erdogan jetzt durchgreift“, sagt der 29-Jährige, der eigens aus den Niederlanden angereist ist. „Wir wollen zeigen, dass wir hinter ihm stehen und hinter der Regierung.“ Auch Habib Aydin (26) aus Stuttgart sagt: „Die Verhaftungswelle sehe ich nicht kritisch. Es muss eine Säuberung gemacht werden. Der Putschversuch hat sich gegen die Demokratie gerichtet.“ Es sei falsch, wenn Kritiker und Medien Erdogan als Diktator darstellten. Oft ist am Sonntag in Köln vom „Türkei-Bashing“ der deutschen Medien die Rede.

Die Veranstalter rufen immer wieder zum Zusammenhalt auf. Man wolle friedlich für Rechtsstaatlichkeit eintreten und stehe „auf der Seite des wehrhaften türkischen Volkes“. Melek Kum, mit türkischer und deutscher Flagge ausgerüstet, ist besorgt, weil ein Riss durch die türkische Gemeinde gehe. „Egal, ob Erdogan-Anhänger oder -Gegner – wir müssen alle besser zusammenhalten.“ Deshalb ist die 32-Jährige gekommen, mit Mutter und Schwester, aus Krefeld.

Maßgeblich mitorganisiert hat die Kundgebung die Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), die der türkischen Regierungspartei AKP sehr nahesteht. Ursprünglich wollten die Veranstalter Erdogan selbst auf einer Leinwand live zuschalten lassen, damit er zu den Teilnehmern sprechen kann. Das Bundesverfassungsgericht sprach dagegen allerdings am Samstagabend in letzter Instanz ein Verbot aus.

Aber immerhin hat Ankara den Sport- und Jugendminister Akif Cagatay Kilic an den Rhein geschickt. Schon vor dem Putsch hatten sich Experten überrascht gezeigt über den „langen Arm“ des türkischen Präsidenten nach Deutschland.

Im europäischen Vergleich habe Erdogan in Deutschland wohl die meisten Anhänger, sagt auch die muslimische NRW-Abgeordnete Serap Güler (CDU). Das passt zu dem Bild, das sich am Sonntag in Köln bietet. „Erdogan ist ein Held“, steht auf einem Transparent.

Es ist ein Sonntag, wie man ihn in Köln noch nicht oft erlebt hat. 2700 Polizisten sind im Einsatz, zeitweise laufen vier Gegenkundgebungen parallel. Unter anderem versammeln sich etwa 250 Rechtsextreme vor dem Hauptbahnhof, schließlich löst die Polizei diese Kundgebung aber auf. Für die Polizei ist der Tag eine Bewährungsprobe nach dem Versagen in der Silvesternacht. Laut einem Polizeisprecher gibt es am Nachmittag eine Provokation zwischen linken Türken und Erdogan-Anhängern, sonst bleibt es friedlich.

Gerüchte schwirren herum. Die Polizei hat Scharfschützen aufgestellt. „Vermeiden Sie besser abrupte Bewegungen!“, rät ein Deutschtürke. Wenn die Scharfschützen den Eindruck bekämen, dass jemand hektisch zur Bühne durchbrechen wolle, werde geschossen, glaubt er.

Von der Polizei gibt es dazu keinen Kommentar. Nicht zu übersehen ist aber, dass sie so ziemlich alles aufbietet, was ihr zur Verfügung steht. Die Einsatzwagen stehen Stoßstange an Stoßstange, dahinter ragen Wasserwerfer auf. Ein Mitglied des Demo-Organisationsteams fragt sich kopfschüttelnd, warum die deutschen Behörden nur so furchtbar große Angst vor dieser Veranstaltung hätten.

Nicht alle Kölner zeigen Verständnis für die Demonstration. „Dass der politische Kampf in der Türkei zu uns nach Deutschland verlegt wird, finde ich nicht korrekt“, sagt etwa der Anwohner Rainer Musculus. „Ich habe lange in der Türkei gelebt, viele meiner Freunde dort sind Erdogan-Kritiker und haben jetzt große Angst. Dass hier nun Erdogan-Fans demonstrieren dürfen, ist für mich schwer zu akzeptieren“, meint Karl Zühlka. Und Nele Skipp gibt zu bedenken: „Eine Pro-Merkel-Demo würde in der Türkei ja wohl niemals erlaubt. Und deshalb ist das heute in Köln auch falsch.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

01.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular