Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Erdogan gefährdet das Wirtschaftswunder
Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Türkei. Doch zurzeit sieht es wie hier am Strand von Antalya schlecht aus für die Branche. Foto: dpa
Politische Unsicherheit: Börsen beben, Tourismus bricht ein, Investoren halten sich zurück

Erdogan gefährdet das Wirtschaftswunder

Die politischen Turbulenzen in der Türkei sind Gift für die zuvor boomende Wirtschaft. Das trifft auch den wichtigsten Handelspartner: Deutschland.

05.08.2016
  • GERD HÖHLER

Ankara. Der türkische Premierminister Binali Yildirim verbreitet Optimismus: „Unsere Wirtschaft ist immer noch so solide wie ein Fels“, versicherte der Regierungschef vor der Presse in Ankara. „Wir haben nicht einmal einen kleinen ökonomischen Schock erlebt.“ Auf gleicher Wellenlänge twitterte der für Wirtschaft und Finanzen zuständige Vizepremier Mehmet Simsek nach dem gescheiterten Putschversuch: „Die makroökonomischen Fundamente unseres Landes sind solide.“

Doch nicht alle Experten teilen diese Zuversicht. Gerade erst stufte die Ratingagentur Standard & Poor's die Türkei als „Hochrisiko“-Land ein. Bereits fünf Tage nach dem Putschversuch hatte die Agentur die Kreditwürdigkeit des Landes um eine Note gesenkt und den Ausblick auf „negativ“ gesetzt, was eine weitere Rückstufung erwarten lässt. Begründung: Die Polarisierung der politischen Landschaft habe die Gewaltenteilung weiter untergraben.

Damit könnte eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu Ende gehen. Im ersten Jahrzehnt nach dem Wahlsieg der islamisch-konservativen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) 2002 erlebte die Türkei eine bis dahin nicht gekannte Ära politischer Stabilität und ökonomischer Blüte. Das Pro-Kopf-Einkommen verdreifachte sich. Zeitweilig übertraf die Türkei beim Wirtschaftswachstum sogar China. Das Wort vom „anatolischen Tiger“ machte die Runde. Auch immer mehr deutsche Unternehmer entdeckten die Türkei, nicht nur als Absatzmarkt, sondern als Produktionsstandort. Gab es Mitte der 1990er Jahre in der Türkei nur rund 500 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung, sind es inzwischen über 6000.

Aber jetzt setzt Erdogan sein Wirtschaftswunder auf Spiel. Anleger und Investoren suchen Stabilität und Rechtssicherheit. Beides hat die Türkei im Moment nicht zu bieten. Die Aktienkurse stürzen ab, die türkische Lira verliert stark an Wert.

Die innenpolitische Krise trifft die Wirtschaft zu einem besonders kritischen Zeitpunkt. Durch die Bürgerkriege in den Nachbarländern und die Unruhen in Nordafrika haben die türkischen Exporteure wichtige Absatzmärkte verloren. Dann brach wegen der Welle von Terroranschlägen und der Spannungen mit Russland auch noch der Tourismus ein. Zwischen Januar und Mai kamen 35 Prozent weniger ausländische Gäste. Der Tourismus macht 6 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung aus und beschäftigt 3 Mio. Menschen.

Die türkische Wirtschaft kämpft seit geraumer Zeit mit Strukturproblemen, die vor allem an der tiefroten Leistungsbilanz abzulesen sind. Das Land ist in hohem Maß auf Importe angewiesen, während in der Exportstatistik immer noch arbeitsintensive Erzeugnisse mit geringer Wertschöpfung dominieren.

Neben der hohen Abhängigkeit von ausländischen Kapitalzuflüssen ist der Reformstau eine Achillesferse der Wirtschaft. So kritisiert die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die Türkei investiere zu wenig in Bildung und Forschung. Vor diesem Hintergrund wirken die jetzt von Erdogan angeordneten Massenentlassungen von Lehrern und Hochschulprofessoren kontraproduktiv. Auch die Suspendierungen tausender Richter werfen Fragen zum für Investoren wichtigen Thema Rechtssicherheit auf.

Die politische Ungewissheit dämpft auch die Stimmung deutscher Investoren. „Die Ereignisse erhöhen die Unsicherheit bei den Unternehmen“, sagt Eric Schweitzer, der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Ein Abfluss des Kapitals habe bereits eingesetzt, neue Geschäftsdeals seien bedroht. Deutschland ist nicht nur der größte ausländische Investor in der Türkei, sondern auch der wichtigste Handelspartner für das Land.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular