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TAGBLATT-Spendenaktion

Erdbeermarmelade fürs Selbstwertgefühl

Das Thema psychische Erkrankung ist noch nicht in der Tübinger Stadtgesellschaft angekommen, sagt Sabine Munz-Wulfrath. Sie hofft, dass die Tübinger Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und Rehabilitation daran etwas ändern kann.

08.12.2018

Von Lisa Maria Sporrer

Menschen mit psychischen Störungen sind auch nur Menschen, sagt Sabine Munz-Wulfrath von der Tübinger Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und Rehabilitation. Bild: Ulrich Metz

Toll, schoss es ihr durch den Kopf, als sie es erfuhr. „Dass wir als eines der beiden Projekte bei der Weihnachtsspenden-Aktion ausgewählt wurden, bedeutet uns wirklich sehr viel“, sagt Munz-Wulfrath, Bereichsleiterin des Ambulant Betreuten Wohnens der Tübinger Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und Rehabilitation. Nicht nur des Geldes wegen, das die gemeinnützige Gesellschaft dringend benötigt, freut sich Munz-Wulfrath. „Es ist für uns eine Chance, das Thema Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Öffentlichkeit präsenter zu machen.“

Denn da gäbe es noch viel Nachholbedarf, meint sie. „Menschen, die psychisch erkrankt sind, werden oft stigmatisiert.“ Da sei dann immer die Rede von psychisch Kranken und die Vorstellung von Depressiven, die nicht arbeiten, aggressiv sind nur im Bett liegen.“ Das Thema werde totgeschwiegen, auch in Tübingen. „Wenn man einmal einen solchen Stempel drauf hat, wird man nicht mehr als ganzer Mensch wahrgenommen. Das ist für Betroffene wahnsinnig schwierig.“

Die Tübinger Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und Rehabilitation gehört zum Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche. Seit über 40 Jahren unterstützt sie Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen in ihrem Alltag, bei der Wohnungs- und Jobsuche. Speziell für junge Menschen betreibt die Gesellschaft das Rehabilitationszentrum „grund.stein“ im Französischen Viertel, für das die Leser im Jahr 2006 gespendet haben.

Munz-Wulfrath leitet das „Ambulant Betreute Wohnen“. Zehn Fachkräfte und sechs Zusatzkräfte, meist Studierende der Erziehungswissenschaften, kümmern sich um 78 Menschen, die alleine häufig nicht in ihrer Wohnung zurechtkämen. Etwa die Hälfte von ihnen lebt in ihrer eignen Wohnung, braucht aber Unterstützung dabei, wieder Verantwortung für sich selber zu übernehmen.

„Manchmal sind wir auch die einzigen Kontakte“, sagt Munz-Wulfrath und erzählt von einer jungen Frau, die schwere Depressionen hatte. Ein Erlebnis, was die Frau noch fröhlich gemacht hat, waren die Kindheitserinnerungen an den Geruch von frisch gekochter Erdbeermarmelade. Eine Mitarbeiterin ging mit der Frau einkaufen, dann aufs Erdbeerfeld und kochte schließlich mit ihr die Marmelade ein.

„Das klingt jetzt banal“, sagt Munz-Wulfrath. „Aber die Frau war nachher so selig, für einen Augenblick war ihre Welt wieder in Ordnung. Aber es sind eben solche Erfahrungen, die Menschen mit psychischer Erkrankung machen müssen: Zu merken, dass sie doch etwas schaffen, und wenn es noch so klein sein mag.“

Von ganz verschiedenen Fällen, Erkrankungen und Hilfen erzählt die Sozialpädagogin beim Redaktionsgespräch. Von Unter- und Überforderten, von Menschen an der Grenze zur Suizidgefahr, und von denen, die übergangsweise in die Psychiatrie müssen, weil sie in einer akuten Krise stecken. „Aber egal, welche Erkrankung jemand hat: Wir dürfen nie den Menschen aus den Augen verlieren. Denn die vielen gesunden Anteile vergessen manche oft.“

Bis vor zwei Jahren war die Tübinger Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und Rehabilitation ein Verein. Seit dem 1. Januar 2017 gehört sie als Gesellschaft zum Stuttgarter Rudolf-Sophien-Stift, einer Tochter der „Evangelischen Gesellschaft“. Mit dem Beratungs- und Sozialdienst im Landratsamt, mit der Uni-Psychiatrie und anderen Anbietern wie dem Freundeskreis Mensch, dem Verein zur Förderung einer sozialen Psychiatrie (VSP) und dem Wohnprojekt Rottenburg gibt es mittlerweile ein gutes Netzwerk, sagt Munz-Wulfrath, die auch ganz eng mit dem Integrationsdienst zusammenarbeitet. Ein weiterer Fachbereich der Tübinger Gesellschaft für Sozialpsychiatrie und Rehabilitation.

Zwei Wohnungen sind in ihrem Eigentum, beide im Stadtgebiet Tübingen. In einer der Wohnungen ist eine Dreier-WG, in der anderen soll bald Platz für zwei Personen sein. Dafür aber muss die Wohnung am Rande der Altstadt dringend saniert werden. Die Sanitär- und Elektroinstallation, Bodenbeläge und Malerarbeiten müssen finanziert werden. „Das können wir als gemeinnütziger Verein nur über Spenden decken“, sagt Munz-Wulfrath. Die Wohnung selber war vor 30 Jahren schon eine Spende. Seitdem ist darin aber nichts gemacht worden. „Das ist ein Bau aus den 70er Jahren. Wir haben immer fleißig geputzt, aber jetzt ist einfach alles marode“, sagt Sabine Munz-Wulfrath. 45000 Euro werden dafür benötigt. „Es wäre toll, wenn die TAGBLATT-Leserinnen und Leser uns helfen könnten.“

Zumal neuer Wohnraum für Klienten dringend benötigt wird: Immer mehr junge Menschen erkranken wegen psychischen Problemen, sie stehen unter Leistungsdruck, haben Zukunftsängste. „Studien von Krankenkassen zeichnen kein hoffnungsfrohes Bild für die Zukunft“, sagt Munz-Wulfrath. Umso wichtiger sei es, Probleme früh zu erkennen, darüber zu sprechen und sich Hilfe zu suchen. „Besonders wichtig ist es, im Umkreis der Familie solche Themen offen anzusprechen. Wir müssen uns bewusst machen, dass wir in der Gesellschaft noch immer viel zu wenig über das Thema reden.“

Sabine Munz-Wulfrath, Sozialpädagogin

1964 geboren in Welzheim

1985 Ausbildung zur Erzieherin

bis 1992 Erzieherin in der Jugendhilfe und im Kindergarten in Freiburg und Calw

1996 bis 2001 Studium Soziale Arbeit

2001 bis 2008 Weiterbildung zur „Anwältin des Kindes“ und Fortbildung und Mitarbeit bei der Telefonseelsorge

2007 bis 2017 Sozialpädagogin im stationären Wohnen für Menschen mit psychischer Erkrankung beim Verein für Sozialpsychiatrie

2014 bis 2016 Masterstudium Gemeindepsychiatrie

seit März 2017 Bereichsleiterin des Ambulant Betreuten Wohnens der Tübinger Gesellschaft für Sozialpsychiatrie

Munz-Wulfrath ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne

TAGBLATT-Spendenaktion: So können Sie spenden

Spenden können Sie auf das TAGBLATT-Konto bei der Kreissparkasse Tübingen (IBAN: DE94 6415 0020 0000 1711 11). Bitte notieren Sie Ihre vollständige Adresse, wenn Sie eine Spendenquittung benötigen. Vermerken können Sie auch, wenn Sie nicht erwähnt werden oder ein bestimmtes Projekt unterstützen wollen. „Hospiz“ ist in diesem Jahr Projekt 1, die „Renovierung“ Projekt 2.

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Erstellt:
8. Dezember 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Dezember 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Dezember 2018, 01:00 Uhr

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