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Enttäuschte Hoffnungen
Ein blühendes Land hatte Barack Obama versprochen. Doch viele Amerikaner - hier in Oklahoma - haben diese Segnungen nicht erreicht. Foto: dpa
Hohe Kosten, keine Jobs: Viele Amerikaner fühlen sich von Barack Obama alleingelassen

Enttäuschte Hoffnungen

Er wollte die Nation einen, versprach Jobs und die Krankenversicherung für alle: Barack Obama hat viele Amerikaner enttäuscht. Die Policen sind zu teuer, der Arbeitsmarkt kommt nicht in Schwung.

18.03.2016
  • PETER DE THIER

Mehr als sieben Jahre nach dem Amtsantritt des Hoffnungsträgers Barack Obama zieht Amerika Bilanz. Viele Wähler würden dem ersten afro-amerikanischen Präsidenten, wenn die Verfassung es zuließe, eine dritte Amtszeit schenken. Andere hatten sich von dem Kandidaten, der "Wandel, an den wir glauben können" zum Wahlslogan gemacht hatte, mehr versprochen. Obwohl es der Wirtschaft besser geht, sind Unzufriedenheit und Verzweiflung weit verbreitet.

John Popovich zog mit seiner Familie vor achteinhalb Jahren von seinem Heimatstaat Florida nach Potomac Falls, Virginia, einem relativ wohlhabenden Vorort von Washington. Sein Arbeitgeber, der Rüstungskonzern SAIC, hatte Popovich eine Position in der Unternehmenszentrale angeboten. Der tiefgläubige Katholik, der sich als "gemäßigter Republikaner" versteht, hatte John McCain gewählt und war enttäuscht, als Obama einen Erdrutschsieg feierte.

"Entsprechend gering waren auch meine Erwartungen" erinnert sich der 54-Jährige. Obama habe nicht erreicht, was er seinen demokratischen Wählern versprochen habe. Während er seiner 14-jährigen Tochter Kylie beim Leichtathletiktraining zuschaut, zählt der Manager Beispiele auf: Auf die durch Polizeigewalt ausgelösten Rassenunruhen in Ferguson, Baltimore und Cleveland habe der Präsident reagiert, indem er die Polizei dämonisierte. "Ausgerechnet der große Vereiner Obama trieb damit einen noch tieferen Keil zwischen Weiße und Schwarze, ironischer geht es nicht", kritisiert Popovich. Auch geht er mit der staatlichen Krankenversicherung ("Obamacare") hart ins Gericht. Dadurch seien die Prämien für seine Familie, die er jener Mittelklasse zuordnet, die der Präsident doch hatte entlasten wollen, fast um die Hälfte gestiegen. "Faktisch kommt das einer Steuererhöhung gleich, und besser geworden sind die Ärzte dadurch auch nicht", sagt John. Probleme hat er mit Obamas "zerfahrener Außenpolitik", die der Rüstungsfachmann für Amerikas Ansehensverlust verantwortlich macht. Als Reaktion auf das "gescheiterte Experiment" Obama, wie Popovich die vergangenen acht Jahre nennt, wollte er erneut den republikanischen Spitzenkandidaten wählen, ganz gleich, wer es ist. Das sieht der gelernte Politologe mittlerweile anders. "Jetzt weiß ich es ehrlich gesagt nicht mehr", sagt Popovich. Er runzelt die Stirn. "Wenn Trump es wird, dann werde ich wohl einfach nicht wählen. Der Typ wäre echt gefährlich. Für Amerika und für die Welt."

Johns Frust über die steigenden Kosten der Krankenversorgung teilt Joy Blackin aus dem 20 Kilometer westlich gelegenen Leesburg, einer verschlafenen Kleinstadt mit einem hohen Anteil republikanischer Wähler. "Medikamente und Ärzte sind verdammt teuer geworden, doch wenn es sein muss, dann nehme ich höhere Prämien gern in Kauf", sagt Blackin. Schließlich könne es nicht angehen, dass sich wie früher 45 Millionen Amerikaner Arztbesuche nicht leisten können. Die geschiedene Lehrerin, die mit ihren vier Kindern wegen der günstigen Immobilienpreise nach Leesburg gezogen ist, zählt zu den relativ wenigen Demokraten in diesem ländlicheren Teil Virginias. Ihre Sorgen gelten vor allem der Gefahr weiterer Terroranschläge. An die Attacken des 11. September 2001 erinnert sie sich, "als wäre es gestern gewesen". Joys Ex-Mann hielt sich im zweiten Turm des World Trade Center auf. Stundenlang zitterte sie, bis der erlösende Anruf ihres Mannes kam, der wie durch ein Wunder den Einsturz der Türme überlebt hatte.

"Das war ein Weckruf für die Nation und ein Trauma, das mir jeden Tag durch den Kopf geht", sagt Joy. Obwohl sie sich zu unerschütterlicher Loyalität gegenüber der demokratischen Partei bekennt und mit Tränen in den Augen über jene Euphorie berichtet, die sie nach Obamas Wahlsieg empfand, macht sie aus ihrer Enttäuschung über dessen Erfolge im Anti-Terror-Kampf keinen Hehl. Trotz der Tötung des Al-Kaida-Chefs Osama bin-Laden sowie der Drohnenangriffe gegen Terroristen habe sie "nicht das Gefühl, dass Obama uns sicherer gemacht hat, da hätte ich nach acht Jahren mehr erwartet".

Auf dem Weg zum Fußballtraining ihres Sohnes berichtet sie von ihrer Angst, "dass es doch jederzeit wieder passieren könnte, selbst auf einem Sportfeld voller Kinder oder in einer Shopping-Mall mit hunderten Menschen, die nur in Ruhe einkaufen wollen". Ungeachtet ihrer Terrorängste meint Blackin, dass Obama seine Sache insgesamt gut gemacht habe. Er habe die Wirtschaft auf Vordermann gebracht. Positiv rechnet sie ihm auch an, dass die USA unter Obama "eine bessere Gesellschaft" geworden seien. Ihm habe man zu verdanken, dass heute Frauen ebenso wie Minderheiten in der Politik dieselben Chancen haben wie weiße Männer. Auch die Tatsache, dass die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Ehen deutlich gestiegen ist, gehe auf das Konto des Präsidenten. Die Blockade "bockiger Republikaner" im Kongress dürfe man nicht Obama in die Schuhe schieben.

Ganz so "schwarz und weiß" wie von Joy Blackin und John Popovich, der erst beim Namen "Trump" ins Grübeln kommt, wird Obamas Amerika nicht von allen gesehen. Viele sind unschlüssig. So etwa der Journalist Charlie Caputo aus Baltimore. Caputo sitzt in einem Starbucks-Lokal, schlürft Espresso und schüttelt nachdenklich den Kopf. "Ich weiß es wirklich nicht", sagt der 33-Jährige. Kurz vor der Wahl 2008 hatte er in der Rezession sein Studium abgeschlossen und war angesichts der vollmundigen Versprechungen des neuen Präsidenten voller Hoffnung. "An einen Job zu kommen war damals schwierig bis unmöglich", erinnert sich Charlie, "doch das ist heute kaum anders, und mit Mitte 30 hatte ich eigentlich gehofft, auf dem Weg zu einer guten Karriere als Blogger oder Online-Redakteur zu sein." Stattdessen sitzt der Kommunikationswissenschaftler und Tennistrainer jeden Tag drei Stunden im Auto, um in dem Washingtoner Vorort Alexandria Unterricht geben zu können. Mit knapp 1400 Dollar im Monat, die er verdient, kann sich Charlie gerade über Wasser halten. Von Obamas "Jobwunder" habe er so gut wie nichts mitbekommen. Er neigt aber dazu, wieder demokratisch zu wählen. "Das wäre das geringere Übel, denn was die Republikaner dieses Jahr zu bieten haben, das geht wirklich auf keine Kuhhaut."

So geht es weiter

Präsidentenwahl Die 58. Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten findet am 8. November 2016 statt. An diesem Tag werden die Wahlmänner bestimmt, die dann den Präsidenten und seinen Stellvertreter wählen. Sie geben ihre Stimmen am 18. Dezember ab. Die Amtszeit des künftigen US-Präsidenten, die vier Jahre beträgt, beginnt allerdings erst am 20. Januar 2017 um 12 Uhr. eb

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18.03.2016, 08:30 Uhr
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