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Leitartikel Bundestagswahlkampf

Enttäuschte Hoffnung

Tomatenwürfe, Schreie, herabwürdigende Plakate: Angela Merkel schlägt bei öffentlichen Auftritten zuweilen überaus heftiger Unmut entgegen. Eines fällt auf: Der meiste Hass gegen die Kanzlerin entlädt sich in Ostdeutschland. Also dort, wo sie herkommt. Woran liegt das?

08.09.2017
  • STEFAN KEGEL

Berlin. Es sind schon viele Ursachen für die radikalere politische Sicht in Teilen der ostdeutschen Bevölkerung seziert worden. Da ist zum einen die Entwurzelung durch die Wende. Es ist die Abwanderung junger, gebildeter Menschen, die in Teilen des Landes eine Bevölkerung hinterließ, die sich als abgehängt begreift. Es sind Reformen von Politikern auf Länderebene, die den Staat – sei es das Bürgeramt oder die Polizei – auch räumlich immer weiter von den Menschen entfernte. Und es ist die Tatsache, dass die Wirtschaftskraft im Osten immer noch der westdeutschen hinterherhinkt, ebenso wie Löhne und Renten. Dazu kommt die verbale Enthemmung im Internet und durch Parteien wie die AfD. All diese Gründe sind zweifellos richtig. Sie erklären die ökonomischen und gesellschaftlichen Ursachen, aber nicht die Schärfe der Kritik. Zumal es abgehängte Landstriche auch in Westdeutschland gibt.

Eine Erklärung für das Gebrüll ist eine tief sitzende Enttäuschung. Einmal, vor einem Vierteljahrhundert, haben die Ostdeutschen erlebt, dass Menschen mit dem Druck der Straße die gesellschaftlichen Verhältnisse umkrempeln können. Ihrem Ruf „Wir sind das Volk“ folgten runde Tische. Eine Illusion legte sich über das erwachte Land, dass man selbst – und im Konsens – die Zukunft gestalten könne. Die Hoffnung auf die Demokratie als „Herrschaft des Volkes“ wuchs in den Himmel. In ihrer bundesdeutschen Ausprägung war sie allerdings komplizierter als gedacht. Statt Konsens war Konfrontation und politischer Streit gefragt. Für die Mühe und Langwierigkeit dieses Prozesses gibt es bei einem Teil der ostdeutschen Bevölkerung, die mit der Problemlösung „von oben“ aufgewachsen ist, bis heute wenig Verständnis. In Umfragen ist jeder Zweite mit der Demokratie unzufrieden.

Und dann war es ausgerechnet eine Ostdeutsche, die es ganz nach oben schaffte. Eine Frau, die ihnen zwar im Stil ähnlich ist, die aber keine Politik für den Osten machte. Im Gegenteil, in den Augen vieler Menschen winkte Angela Merkel Bankenrettung oder Flüchtlingsaufnahme durch, während für die Belange der Ostdeutschen kaum gesteigertes Interesse bestand. In Dresden und anderswo machte sich der Unmut in Form von Pegida lautstark Luft, in der Erwartung, dass auch diesmal das Volk eine radikale Umkehr herbeiführen könnte. Doch der Funke sprang nicht auf die Mehrheit über.

Was bei den Enttäuschten bleibt, ist ein Gefühl des Frusts und der Machtlosigkeit. Es bricht sich Bahn, wenn Minister auftreten, aber am meisten, wenn die Frau kommt, von der sie das meiste Verständnis erwartet hatten. Durch Geschrei wird der Frust jedoch nicht weggehen. Sondern nur, wenn die Enttäuschten erkennen, dass diese Gesellschaft auch für sie einen Platz hat.

leitartikel@swp.de

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08.09.2017, 06:00 Uhr
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