Versorgung

Energie auf Raten

Schulen tun es, Krankenhäuser auch – nur Unternehmen sind noch ein bisschen zögerlich. Mit Contracting können Unternehmen Kosten und CO2 sparen. Es gilt aber auch Dinge zu beachten.

21.04.2021

Von JULIA KLING

Foto: ©alinabel/shutterstock.com Foto: ©alinabel/shutterstock.com

Ulm. Mieten statt kaufen liegt im Trend. Mehr als 40 Prozent aller neu zugelassenen Pkw hierzulande sind nicht gekauft, sondern geleast. Auch Filme holen sich Cineasten immer häufiger nicht auf DVD, sondern per Streamingdienst ins Wohnzimmer. Ohne einmalig hohe Anschaffungskosten zu tätigen, lässt sich auch die Energieversorgung von öffentlichen Gebäuden oder Unternehmen sicherstellen. Mit Contracting. In Teilen hat der Oberflächenspezialist Holder aus Kirchheim/Teck an seinem Standort in Laichingen dieses Konzept umgesetzt.

„Es ist mehr ein Wärmelieferungsvertrag, vergleichbar mit einem Miet-Kauf-Modell“, erklärt der Prokurist Jürgen Glaser den Ansatz. Über zehn Jahre läuft der 2017 abgeschlossene Kontrakt mit der Südwärme AG, welche die Heizanlage bereitstellt und in diesem Zeitraum auch wartet. Zudem wurde ein Blockheizkraftwerk am Standort in Betrieb genommen.

Als Holder das Gebäude in Laichingen übernommen hatte, war die Heizungsanlage sanierungsbedürftig, berichtet Glaser. Mit der Kooperation mit der Südwärme AG musste das Unternehmen die Investitionskosten nicht auf einmal stemmen, sondern trägt die Kosten über die monatlichen Zahlungen an den Dienstleister über zehn Jahre hinweg ab.

Dieser finanzielle Anreiz ist neben dem Ziel, den Energieverbrauch zu senken, für die meisten Betriebe der Hauptbeweggrund, um Contracting anzugehen. Während solche Projekte in öffentlichen Gebäuden immer häufiger realisiert werden, sind sie in Unternehmen im Südwesten bislang noch eher selten zu finden. „Vielleicht liegt es an der schwäbischen Mentalität“, mutmaßt Mustafa Süslü von der Kompetenzstelle Energieeffizienz Donau-Iller (KEFF). Viele Unternehmer wollten nur ungern Dritte an ihre Geräte und Maschinen lassen oder fremdes Eigentum in das eigene Unternehmen stellen.

Detaillierte Verträge notwendig

Das sei bei diesem Geschäftsmodell eben meist nicht zu umgehen, sagt Süslü. Denn das Unternehmen überträgt Aufgaben rund um die Energieversorgung auf einen spezialisierten Dienstleister, den Contractor. Der liefert die Energie in Form von Wärme, Kälte, Strom oder auch Druckluft.

Je nach Modell setzt der Contractor zusätzlich auch Energieeinsparmaßnahmen um und ist zuständig für Planung, Finanzierung, den Umbau, Betrieb und die Wartung der neu eingebauten Anlagen. Zu den Aufgaben des externen Spezialisten zählt oft auch das Energiemanagement.

Ein weiteres Hemmnis sieht Süslü auch auf organisatorischer Ebene. „Die Verträge müssen sehr detailliert ausgearbeitet werden.“ Um solch eine Partnerschaft mit einem guten Gewissen abzuschließen, sollte ein Spezialist auf die Verträge schauen. Während die Unternehmen sich in Zurückhaltung üben, werde das Angebot der Anbieter immer umfassender, sagt Rüdiger Lohse, der Leiter der Contracting-Abteilung der Landesenergieagentur KEA-BW.

Dass Contracting bislang häufig in öffentlichen Einrichtungen eingesetzt wird, liegt laut dem Experten auch an den guten wirtschaftlichen Voraussetzungen, die etwa ein Krankenhaus oder eine Schule für die Umsetzung mitbringen: eine gewisse Konstanz. „Der Contractor ist auf einen konstanten Betrieb angewiesen, um das erzielte Einsparpotenzial nachweisen zu können.“ Werde in einem Betrieb etwa vom Zweischicht- auf Einschichtbetrieb umgestellt, fehle die Vergleichbarkeit in Sachen Energieeinsparung. „Daher tun sich vor allem kleinere Unternehmen mit dem Thema schwer.“

Der Umgang mit solchen Unwägbarkeiten ließe sich jedoch vorab in den Verträgen klären. „Der Umgang miteinander ist meist sehr fair.“ Lohse führt das auch auf die lange vertraglich festgelegte Zusammenarbeit von bis zu 15 Jahren zurück. „Die meisten verstehen sich als Partner.“ Auch weil die Ziele der Vertragspartner mit Blick auf die Steigerung der Effizienz dieselben seien. „Am häufigsten entscheiden sich bei uns Betriebe für Contracting, wenn neben der reinen Wärmeversorgung auch zumindest teilweise eine Eigenstromversorgung über ein Blockheizkraftwerk in Frage kommt“, berichtet Südwärme-Vorstand Rudi Maier. Denn dann sei neben der technischen Herausforderung auch ein sehr hoher administrativer Aufwand zu bewältigen.

Die Attraktivität von Contracting-Modellen steige auch aufgrund immer komplexerer Anforderungen von Seiten der Politik, ist Jörg Entress überzeugt. „Es wird immer schwieriger und komplexer die Energieversorgung und Steuerung in einem Unternehmen aus einer Hand zu leisten“, sagt der Lehrstuhlinhaber für Erneuerbare Energien an der Hochschule Biberach.

Früher habe es noch einfache Ölkessel gegeben, um den sich der Chef noch selbst nebenbei gekümmert habe. Heute hingegen gebe es bedeutend mehr Systeme und Automation. Zudem müsse das zuständige Personal ständig geschult werden, um die sich ändernden gesetzlichen Vorgaben auch korrekt umsetzen zu können. „Vor allem kleinere Unternehmen müssen schauen, wie sie damit umgehen.“

Häufig ist Entress zufolge zudem die Energiebereitstellung bislang ein eher randständiges Thema in Unternehmen. „Die eigene Wertschöpfung hat Priorität.“ Der zum Jahresbeginn eingeführte CO2-Preis könne jedoch einen zusätzlichen Impuls geben. „Der Druck, Energie einzusparen, wird größer“, ist auch KEA-Experte Lohse überzeugt. Ein ökologisch verantwortungsvolles Bewusstsein werde auch in der Außenwirkung von Unternehmen immer wichtiger.

Für mehr Bekanntheit des Modells brauche es die Politik. Im Land erhielten Contracting-Projekte Zuspruch und auch die Beratungsstelle werde mitfinanziert. Auf Bundesebene brauche es dagegen mehr Bewegung. „Wenn der Strom selbst hergestellt wird, ist das Unternehmen beim EEG-Gesetz bessergestellt, als wenn ein Drittanbieter zwischengeschaltet wird. Was wir brauchen ist Chancengleichheit.“

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Erstellt:
21. April 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. April 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. April 2021, 06:00 Uhr

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