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Endspurt beim Atomausstieg beginnt
An Silvester 2022 soll der letzte Meiler im Atomkraftwerk Neckarwestheim vom Netz gehen. Die Regelungen für Demontage und Abriss liegen jetzt aus. Foto: Arnulf Hettrich/imago stock&people
Kernkraftwerke

Endspurt beim Atomausstieg beginnt

Für das Prozedere um Stilllegung und Demontage des Reaktors in Neckarwestheim können jetzt Einwendungen vorgebracht werden. Kritiker warnen vor einem „Billigabriss“.

02.07.2018
  • HANS GEORG FRANK

Neckarwestheim. An Silvester 2022 gehen im GKN 2, dem jüngsten, aber schon 30 Jahre alten Block des Neckarwestheimer Atomkomplexes, die Lichter aus. Dann endet – nach heutigem Stand – die Ära der Kernenergie nicht nur in Baden-Württemberg. Weil gleichzeitig auch die Meiler von Isar II in Bayern und Emsland in abgeschaltet werden müssen, wird in ganz Deutschland kein Atomstrom mehr produziert. Für den letzten Abriss in Neckarwestheim sind die Pläne längst fertig, von heute, 2. Juli, an liegen sie aus. Bis 3. September können Einwendungen erhoben werden, E-Mails sind dafür nicht zugelassen.

Die Energie Baden-Württemberg (ENBW) als Betreiber des Reaktors in einem früheren Steinbruch am Neckar südlich von Heilbronn hat sich schon vor geraumer Zeit für die vollständige Beseitigung des Atomkraftwerks entschieden. Stilllegung und Abbruch wurden vor zwei Jahren beantragt. Sofort nach dem Ende der Stromproduktion sollen alle Reaktoren dem Erdboden gleichgemacht werden. Damit könne das eigene Personal eingesetzt und der Standort rascher anders genutzt werden, wurde erklärt.

Rückbau dauert 15 Jahre

Allerdings dauert der Rückbau um die 15 Jahre. Dabei kommen der ENBW die eigenen Erfahrungen aus Obrigheim und Neckarwestheim zugute. Die Beseitigung des ersten Meilers in Kahl am Main (Bayern) nahm noch 34 Jahre in Anspruch. Selbst wenn der letzte Rest zerkleinert und deponiert ist, bleibt Neckarwestheim auf nicht absehbare Zeit ein Atomstandort – gegen den Willen der Bevölkerung. In zwei Tunneln unter dem Verwaltungsgebäude lagern voraussichtlich 140 Castor-Container mit hochradioaktivem Abfall. Ursprünglich hätte die Genehmigung dafür bis 2046 gegolten, aber weil noch immer kein Platz für ein Endlager in Deutschland gefunden ist, gehen viele Bürger von Neckarwestheim davon aus, dass sie diese strahlenden Relikte nicht mehr zu Lebzeiten loswerden.

Nicht einmal für das schwach- und mittelradioaktive Material zeichnet sich derzeit eine Lösung ab. Der dafür ausgesuchte Schacht „Konrad“ bei Salzgitter ist nach mehreren Verzögerungen nicht aufnahmebereit. Jetzt wird 2027 angepeilt, ursprünglich war 2013 geplant.

Vor der Demontage der Reaktoren sei eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen, teilte das Umweltministerium mit, das für die Atomaufsicht zuständig ist. Dabei gehe es um die „bedeutsamen Auswirkungen des Vorhabens auf Menschen einschließlich der menschlichen Gesundheit, Tiere, Pflanzen und die biologische Vielfalt, Boden, Wasser, Luft, Klima, Landschaft, Kultur- und sonstige Sachgüter sowie die Wechselwirkung zwischen den vorgenannten Schutzgütern“, heißt es in der amtlichen Bekanntmachung. Im Ministerium in Stuttgart sowie im Rathaus von Neckarwestheim sind die mehrere 100 Seiten umfassenden Unterlagen einzusehen, ebenso im Internet (siehe Info). Die Einwendungen sollen öffentlich erörtert werden. Diese Veranstaltungen finden üblicherweise in Neckarwestheim statt.

Nicht einmal die Aussicht auf das Finale der Atomstrom-Ära vermag die Kritiker zu beruhigen. Die Arbeitsgemeinschaft „Atomerbe Neckarwestheim“ ist überhaupt nicht damit einverstanden, dass die ENBW „nochmals viereinhalb Jahre lang mit dem weiteren Betrieb von GKN 2 viel Geld verdienen“ dürfe – „zu Lasten von Mensch und Natur, zu Lasten der Zukunft und praktisch unversichert gegen einen Super-Gau“.

Auch die Mitsprache bei der Genehmigung kann die Gegner nicht zufrieden stellen. Bei früheren Verfahren dieser Art seien „die Bürger durch trickreiche Verfahrensführung des Umweltministeriums um ihre Rechte gebracht“ worden, behaupten sie. GKN 2 müsse sofort abgeschaltet werden, es dürfe keinen „eiligen Billigabriss“ geben.

Info Die Unterlagen: um.baden-wuerttemberg.de/de/service/service/oeffentliche-bekanntmachungen

Demontage begann 2008

Der Zeitplan, den die Bundesregierung 2011 unter dem Schock der Katastrophe von Fukushima beschlossen hat, gewährt den Atomkraftwerken Gundremmingen C, Brokdorf (Schleswig-Holstein) und Grohnde (Niedersachsen) eine Frist bis 31. Dezember 2021. Bereits zwei Jahre früher muss die Stromproduktion von Philippsburg 2 eingestellt werden. Mit der Demontage wurde 2008 in Obrigheim begonnen, 2017 folgten Neckarwestheim I und Philippsburg I 2017.

5,8 Milliarden Euro hat die ENBW für den Abschied von der Kernspaltung zurückgelegt, zitiert eine Sprecherin die Konzernbilanz vom 31. Dezember 2017. Diese Summe sei vorgesehen „für den Nach- und Restbetrieb der Anlagen, für den Abbau der Anlagen inklusive dessen Vorbereitung sowie für die Reststoffbearbeitung und die Verpackung der radioaktiven Abfälle“. ⇥hgf

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02.07.2018, 06:00 Uhr
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