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Ende eines Patriarchen
Verurteilt (von links). Anton Schlecker und seine Kinder Meike und Lars. Foto: Sina Schuldt/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
Insolvenz

Ende eines Patriarchen

Fast neun Monate hat der Prozess gegen den gefallenen Drogeriemarktkönig Anton Schlecker gedauert. Am Ende entgeht der 73-Jährige dem Gefängnis – seine Kinder müssen büßen.

28.11.2017
  • SIMONE DÜRMUTH

Stuttgart. Buhrufe tönen durch den Saal. Für ein paar Sekunden bricht sich die Empörung der „Schlecker-Frauen“ Bahn. „War ja klar!“, ruft eine Frau, höhnisches Gelächter folgt. Nur knapp ist Anton Schlecker dem Gefängnis entgangen. Zu zwei Jahren verurteilt Richter Roderich Martis den 73-Jährigen, die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Zusätzlich soll er eine Geldstrafe von 360 Tagessätzen zu je 150 Euro, also 54 000 Euro, bezahlen und eine Bewährungsauflage von 36 000 Euro begleichen.

Fast schon mit Jubel wird das Urteil gegen seinen Sohn Lars Schlecker aufgenommen. „Jawoll!“, ruft jemand, als Martis verkündet, dass der ehemalige Gesellschafter des Logistikunternehmens LDG für zwei Jahre und neun Monate ins Gefängnis soll. Die Grenze für die Bewährung liegt bei zwei Jahren. Auch seine Schwester und Mitgesellschafterin Meike soll ins Gefängnis. Für zwei Jahre und acht Monate.

Die Richter sahen es laut Urteilsbegründung als erwiesen an, dass Anton Schlecker im Angesicht der Zahlungsunfähigkeit seines Unternehmens auf verschiedenen Wegen noch mehrere Millionen Euro beiseite schaffte. Allerdings gingen sie von deutlich geringeren Summen aus als die Staatsanwaltschaft. Es drehte sich dabei um überhöhte Stundensätze, die Schlecker in Absprache mit seinen Kindern an deren Logistikfirma LDG gezahlt hatte, sowie um Geldgeschenke und um die Übernahme von Rechnungen für die Familie.

Schleckers Kinder wurden wegen Untreue, Insolvenzverschleppung, Bankrotts sowie Beihilfe zum Bankrott verurteilt. Sie hatten sich unter anderem Anfang 2012 – kurz vor der Insolvenz des Konzerns – als Gesellschafter der LDG noch Gewinne in Höhe von sieben Millionen Euro ausgezahlt. Dabei hatte die Firma längst Verluste gemacht. Das Geld bezahlte die Familie 2013 im Rahmen eines Vergleichs mit dem Insolvenzverwalter wieder zurück. Weitere vier Millionen überwies sie Anfang November als „Schadenswiedergutmachung“.

Kurz nach der Urteilsverkündung wird es wieder unruhig im Gerichtssaal: Zahlreiche Zuschauer scheinen sich nicht für die Urteilsbegründung zu interessieren. Dabei hat das Verfahren auch bei den ehemaligen Schlecker-Beschäftigten Spuren hinterlassen. Noch bevor die Schleckers den Saal 1 am Landgericht Stuttgart betreten, stehen manchem die Tränen in den Augen.

Anton Schlecker nimmt die Urteilsverkündung ruhig auf. Er wirkt fast durchsichtig: die Haare schlohweiß, das Gesicht aschfahl. Erstaunlich klein ist dieser Mann, der einst die größte Drogeriemarktkette Deutschlands führte. Die vergangenen acht Monate haben dem 73-Jährigen offensichtlich zugesetzt. Anton Schlecker, der nie die Öffentlichkeit suchte, sie sogar mied, wurde ins Scheinwerferlicht gezerrt.

Die Genugtuung darüber, dass einer, der so hoch gestiegen ist, umso tiefer fällt, und dass es nun aus ist mit der Geheimnistuerei, war manchem Zuschauer am ersten Prozesstag im Gesicht abzulesen. Die Wut der anwesenden „Schlecker-Frauen“ auf ihren ehemaligen Chef zeigte sich an jenem 6. März in höhnischem Gelächter, als die Staatsanwaltschaft beim Verlesen der Anklageschrift jeden einzelnen Posten nennt, den Anton Schlecker für die Renovierung der Wohnung seines Sohnes in Berlin bezahlt haben soll. 40 000 Euro für Terrakotta-Fliesen? 200 000 Euro für die Enkel? Für die Frauen, die oft in Teilzeit nur wenige Stunden pro Woche in den Läden standen, müssen diese Summen wie Hohn klingen. Einige warten noch immer auf Teile ihres ausstehenden Lohns.

Insgesamt listete die Staatsanwaltschaft damals noch Zahlungen auf, die sich auf etwa 25 Millionen Euro summieren. Die soll er verschoben haben, als er schon längst von der drohenden Pleite wusste. Die Verteidigung hält während des ganzen Prozesses dagegen, dass Schlecker bis zuletzt an sein Lebenswerk geglaubt habe. Am zweiten Prozesstag meldet sich der gefallene Drogeriemarktkönig selbst zu Wort, verliest etwa eine Stunde lang eine Erklärung in der er das bekräftigt: „Ich wollte die Gläubiger nicht benachteiligen. Ich war bis zuletzt vom Erfolg überzeugt, ich war von meinem Unternehmen überzeugt. Ich habe dafür gekämpft. Ich habe nicht geglaubt, dass es kaputt gehen könnte.“

Den Widerspruch löst Richter Roderich Martis jetzt auf: „Man kann wissen, dass es zu Ende geht und trotzdem hoffen, dass es noch gutgehen wird.“ Mit seinem Urteil endet nicht nur ein Strafprozess, sondern auch ein Stück deutsche Wirtschaftsgeschichte. Auf Ehefrau Christa sowie Lars und Meike Schlecker kommen weitere Gerichtsverfahren zu. Der österreichische Insolvenzverwalter der Schlecker-Nachfolgefirma Dayli fordert 20 Millionen Euro Schadenersatz.

Anton Schlecker, der gefallene Drogeriemarktkönig, wird froh sein, dass er sich wieder hinter die hohen Mauern der Villa in Ehingen zurückziehen kann. Nur einen Steinwurf entfernt von der ehemaligen Metzgerei seines Vaters, aus der er einst ein Imperium machte.

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28.11.2017, 06:00 Uhr
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