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Die brutalen Sonnenkinder

Emma Clines Roman „The Girls“ erinnert an die Morde der „Manson Family“ im Jahre 1969

26.08.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Woodstock, Vietnamkrieg, Mondlandung. Aber dann erschüttert auch eine brutale Mordserie das aufwühlende Flower-Power-Amerika des Jahres 1969: Die „Manson-Family“, eine Hippie-Gang im Drogenrausch, tötet sieben Menschen – darunter die schwangere Schauspielerin Sharon Tate, die Ehefrau des Regisseurs Roman Polanski. Anführer dieser in Kalifornien auf einer Ranch lebenden Sekte ist Charles Manson, ein Killer mit Hakenkreuz-Tattoo auf der Stirn, der selbst keine Waffe in die Hand nehmen muss: Seine ihm hörigen Mädchen ziehen auf seinen Befehl los wie Furien der Rache.

Das ist kein Roman, das ist US-Geschichte – auch ein Mythos des Bösen schlechthin. Charles Manson und viele Sektenmitglieder aber sind real, sitzen bis heute im Gefängnis. 47 Jahre nach der Tat beschäftigt der Massenmord noch weltweit die Öffentlichkeit. „Gnade für Mitglied der Killer-Sekte Manson Family?“, titelte die Bild-Zeitung kürzlich. Leslie Van Houten, damals 19 und an der Tötung des Geschäftsmannes Leno LaBianco und dessen Ehefrau in Los Angeles beteiligt, soll laut einer Bewährungskommission freikommen. Auch Manson, mittlerweile 81, hat schon vergeblich zahllose Gnadengesuche eingereicht.

Bibliotheken sind über diese Geschichte vollgeschrieben worden, und jetzt ist sie wieder ein Roman: „The Girls“ heißt das Debüt der gerade mal 27-Jährigen Emma Cline, die vom Verlag Random House in New York zwei Millionen Doller Vorschuss erhalten haben soll: die Manson-Family als Bestsellerstoff der Popkultur. Richard Ford hat seiner Kollegin einen „brillanten und zutiefst überwältigenden Roman“ attestiert. Nun ist das Buch, in hervorragender Übersetzung von Nikolaus Stingl, auch auf Deutsch erschienen.

Emma Cline hat keine blutrünstige Doku geschrieben, keinen Thriller: „The Girls“ ist eine Coming-of-Age-Story, ein Pubertätsroman, der im Kalifornien des Jahres 1969 spielt. Die Autorin schleust gewissermaßen die vierzehnjährige Evie in den Kreis der Sekte ein. Diese ist Scheidungskind: Die Mutter verzweifelt auf dem Selbstfindungstrip, der unwesentliche Vater ist mit seiner aufgebrezelten Sekretärin fortgezogen.

Die vernachlässigte, orientierungslose Tochter lechzt nach einem liebevollen Blick, überhaupt nach Aufmerksamkeit, nach Leben. „Das Bemühen war mir im Gesicht anzusehen, und ich schämte mich.“ Mehr noch: Dieses Gesicht sprach überdeutlich von Bedürftigkeit „wie der leere Teller eines Waisenkindes“. Evie treibt in tiefer Langeweile dahin, posiert mit ihrer Freundin Connie vor den halbstarken Jungs des Orts. Ein Teenager, der alles taxiert, ständig Buch darüber führte, woran ihm fehlt.

Dann begegnet Evie diesen jungen, laut lachenden Frauen in ausgefransten Kleidern, die im Drugstore Klopapier klauen. „Diese langhaarigen Mädchen schienen über allem zu schweben, was um sie herum geschah, tragisch und abgehoben. Wie Fürstinnen im Exil.“ Die andere Welt. Evie ist fasziniert von der schwarzhaarigen Suzanne, durch sie wird sie eingeführt. Und begegnet bald Russell – ein Typ wie Charles Manson –, der sie entjungfert.

Drogen, Sex, Partys. Es ist ein „Geschenk“ für die endlich erlöste Evie. „Ich hatte schon immer außerhalb von alledem gestanden, als sähe ich einen Film über das, was mein eigenes Leben hätten sein sollen. Doch jetzt, wo ich zur Ranch fuhr, war alles anders.“ Aber es ist ein unheilvolles Glück, es ist eine Lüge. Alles eskaliert im völligen Realitätsverlust der Sekte und des manisch selbstverliebten Russell, einem schlichten Verbrecher. „The Girls“ ist ein Roman auch über extremistischen Wahn, Gewalt und die Verführbarkeit von jungen Menschen. Sehr aktuell.

Evie Boyd ist die Ich-Erzählerin des Romans, erinnert sich viele Jahre danach. In dem Ferienhaus eines Ex-Freunds trifft sie auf dessen Sohn und dessen viel zu junge Freundin. Ängste werden wach. Rückblenden führen ins Kalifornien des Jahres 1969, wecken die Gespenster. Den „Nachbrenneffekt“ der Sechziger spürt Evie in der Gegenwart: „Zerfetzte Überreste von Gebetsfahnen in den Eichen, für alle Zeiten auf Feldern abgestellte Kleinbusse, denen die Reifen fehlten.“

Der Plot ist, gewiss, nicht wirklich originell: eine verloren sich fühlende 14-Jährige sehnt sich nach Leben und verfällt einer Sekte. Die zwar fiktiven, mit Alibi-Namen versehenen, aber dann doch detailreich nach der Kriminalakte erzählte Manson-Story-Passagen sorgen für den bekannten historischen Thrill. Evie aber ist davongekommen, seelisch verwundet; dass ist kein Geheimnis, sie könnte sonst nicht als Zeugin ihres eigenes Lebens auftreten, nicht davon berichten. Hätte sie auch gemordet? „Suzanne hielt mich davon ab zu tun, wozu ich vielleicht imstande war. Und so entließ sie mich in die Welt wie einen Avatar des Mädchens, das sie nicht sein würde.“

Die großen Stärken des Romans sind die sprachliche Kraft und die ungemein reflektierte Beobachtungsgabe der Ich-Erzählerin Evie (und der Autorin Emma Cline): mit zahllosen beschreibenden Wie-Vergleichen. „Die waren beleuchtet wie die Szene eines Films, für den ich zu alt war“, fixiert sie im Bewusstseinsstrom die Menschen. Auf einer Fahrt im Bus der Hippie-Mädchen heißt es: „Meine Wachheit hielt alles fest wie in Bernstein gegossen.“

Bilder wie das Leben: fixiert und unvergesslich. Nicht nur in Bernstein gegossen, sondern in Literatur.

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26.08.2016, 06:00 Uhr
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