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Drei Generationen Mode

Emil und Elfriede Weippert begannen nach dem Krieg bei der Zehntscheuer ihr Geschäft

Das Modehaus Weippert hat eine lange Familientradition. 1946 eröffneten Emil und Elfriede Weippert ihr Geschäft in der Bahnhofstraße 13. Heute wird es in der Königstraße in dritter Generation von Ulrich und Ingrid Meergans geführt. Eine Rottenburger Nachkriegs-Wirtschaftsgeschichte.

23.10.2015
  • Dunja Bernhard

Rottenburg. Aus Holzbronn bei Calw kam das Ehepaar Emil und Elfriede Weippert 1946 nach Rottenburg. Die Kaufleute hatten eine Anzeige gelesen, in der ein Ladengeschäft in Rottenburg zur Pacht angeboten wurde, erzählt Schwiegersohn Jürgen Meergans. Damals sei es eigentlich verboten gewesen, von der amerikanischen Besatzungszone in die französische zu reisen. „Sie haben das Risiko auf sich genommen.“ Ihre Stuttgarter Heimat war dem Bombardement der Großstadt während des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen.

In Rottenburg konnten die Eheleute das Geschäft von Kurt Schneider in der Bahnhofstraße 13 übernehmen, der im Krieg sein Leben verloren hatte. Von Schneiders Frau pachteten die Weipperts den zunächst 60 Quadratmeter großen Laden mit Büro und Nebenräumen. In seiner Biographie notierte Emil Weippert, dass sie mit dem Laden hundert Kleinigkeiten, die Ladenmöbel und eine Inventarliste übernahmen. Hinzu kamen 30 Arbeitsanzüge als Sonderzuteilung.

„Meine Eltern haben bei Null angefangen“, sagt Tochter Doris Meergans. Damals habe es kaum Waren gegeben. Elfriede Weippert hatte aus ihrer Stuttgarter Zeit noch gute Kontakte zu Vertretern von textilverarbeitenden Firmen, erzählt sie weiter. Die habe sie genutzt und zunächst verstärkt auf Wolle und Miederwaren gesetzt.

Vor allem der Tauschhandel blühte: Für 1600 Gramm Wolle gab es ein neues Strickteil, für alte Bettwaren und Stoffe Miederwaren. Altwolle wurde zu Garn und Strümpfen verarbeitet.

Jürgen Meergans liest aus der Lebensgeschichte seines Schwiegervaters vor: „Wenige Tage nach der Eröffnung kamen die Kunden in Massen. Wir mussten uns nach einer Hilfskraft umgucken.“ Sogar aus Hirrlingen und Rangendingen seien die Menschen, beladen mit Wolllumpen, angereist.

Nach der Währungsreform 1948 habe es dann auch wieder Waren gegeben, erinnert sich Doris Meergans. Die Pakete seien mit dem Pferdefuhrwerk gebracht worden, oder der Lehrling habe sie mit dem Leiterwagen von der Post abholen müssen. „Wir Kinder durften mitfahren. Das war ein Riesenspaß.“

1954 erweiterte Emil Weippert sein Geschäft auf die doppelte Fläche. Der heute noch vorhandene Vorbau, in dem das „Trüffelchen“ gern mit alten Gegenständen dekoriert, kam dazu, ebenso die Wendeltreppe ins Obergeschoss, heute führt sie zum Café. Dort oben hatten die Weipperts zunächst Büro und Wohnung. Kinderbekleidung, Damen- und Herrenartikel, Kittelschürzen, Wolle und Kurzwaren machten den Großteil des Angebots aus. „Wenn ich an die Inventuren zurück denke“, sagt Doris Meergans. „All die Knöpfe und Reißverschlüsse.“

Ein Jahr nach der Erweiterung suchte ein Hochwasser Rottenburg heim, das weit in die Innenstadt schwappte. In der Nacht trug die Familie mit einigen Helfern alle Waren aus dem Laden ins obere Stockwerk, erinnert sich Doris Meergans. Drei Zentimeter unter der obersten Stufe habe das Wasser Halt gemacht. „Am nächsten Tag zogen ganze Baumstämme vor den Schaufenstern vorbei.“

Emil Weippert sei ein Sportnarr und begeisterter Skifahrer gewesen, erzählt Jürgen Meergans. In den 1960er Jahren nahm er immer mehr Sportartikel ins Sortiment. Skier füllten bald ein ganzes Schaufenster. In Spitzenzeiten hätten sie über 100 Paar Ski an einem Wochenende verkauft. Für eine Zeltausstellung, „die größte in der Umgebung“, mietete Emil Weippert das Obergeschoss der Zehntscheuer an. Von 1964 ist noch ein Camping- und Sportartikel-Katalog erhalten.

Als die Stockwerke über dem ursprünglichen Laden nicht mehr ausreichten, nahm Emil Weippert 1965 das Nachbarhaus hinzu (heute „Brillen-Ecke“). „In dem Jahr kam auch mein Mann ins Spiel“, sagt Doris Meergans. Mit Fotokaufmann eröffnete sie drei Jahre später ein Geschäft für Damenmode am Metzelplatz (heute „Central-Apotheke“). Das sei sehr gut eingeschlagen. „Der Umsatz hat sich auf Anhieb verdoppelt.“ Jede Woche seien sie nach Sindelfingen gefahren, um weitere modische Kleidungsstücke zu holen.

Damals habe es noch viele Inhaber-geführte Bekleidungsgeschäfte in Rottenburg gegeben, sagt Doris Meergans. Sie hätten sie nie als Konkurrenten, sondern als Mitbewerber gesehen, sagt ihr Mann.

Nachdem das Modehauses Weippert 1974 in das neue Geschäftshaus und heutigen Standort an der Königsstraße umgezogen war, sei ein anderer Rottenburger Modehändler mit einer Flasche Cognac vorbei gekommen. Er hatte davon profitiert, dass so viele Kunden zur Weippert-Neueröffnung gekommen waren.

Es war mit einem Aufzug und mit der ersten Rolltreppe in Rottenburg ausgestattet (vor einigen Jahren wurde sie wieder ausgebaut). Für die Landbevölkerung sei die Benutzung der beweglichen Stufen ungewohnt gewesen, erzählt Jürgen Meergans. „Manche versuchten gegen die Fahrtrichtung aufzusteigen.“ Mit dem Umzug an die Königstraße gab Emil Weippert die anderen Häuser auf. „Wir dachten damals, dass Rottenburg nicht mehr Warenangebot verträgt“, sagt Doris Meergans.

Mit Modenschauen holten die Geschäftsleute etwas Glanz der großen Modestädte nach Rottenburg. Die Models waren ausnahmslos Mitarbeiterinnen und Kunden, erzählt Jürgen Meergans. Er selbst moderierte.

Vor rund zehn Jahren übergaben Jürgen und Doris Meergans, die heute beide Anfang siebzig sind, das Geschäft an die nächste Generation. Sohn Ulrich führt mit Frau Ingrid die Familientradition fort.

Emil und Elfriede Weippert begannen nach dem Krieg bei der Zehntscheuer ihr Geschäft
So sah das Haus früher aus, in dem heute das „Trüffelchen“ ist (davor „Lebens-Art“ und „Classico“). Da wo zuvor das Kaufhaus Karl Schneider war, begann 1946 die Geschichte des Modehauses Weippert. Der schräg vorgesetzte Anbau mit großen Schaufenstern kam später hinzu. Privatbild

Emil und Elfriede Weippert begannen nach dem Krieg bei der Zehntscheuer ihr Geschäft
Jürgen und Doris Meergans, die mittlere Generation des Rottenburger Modehauses Weippert. Bild: Bernhard

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23.10.2015, 12:00 Uhr
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