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Rentner werden Experten

Emil Kniel kümmert sich bei Daimler um das Generationenmanagement

Daimler kümmert sich um seinen Generationswechsel. Dazu gehört mehr als ergonomische Ausstattung von Arbeitsplätzen. Fahrzeugbauer Emil Kniel zählt zu einem Team, das für Knowhow-Erhalt sorgen soll.

10.10.2015
  • KAREN EMLER

Stuttgart/Rastatt Emil Kniel ans Telefon zu bekommen, ist gar nicht so einfach. Der Projektleiter im Rastatter Daimler-Werk hat einen eng getakteten Zeitplan. Er arbeitet nur an drei Tagen die Woche. Was heißt "nur" - eigentlich ist der 62-Jährige im Ruhestand. Doch der hat bei ihm lediglich fünf Wochen gedauert. Dann marschierte Kniel wieder durchs Werkstor und macht seither das, was er auch vor dem Ruhestand getan hat: Er kümmert sich um das Projekt Generationswechsel am Standort Rastatt.

Jetzt allerdings tut Kniel das als so genannter "Space Cowboy", das bedeutet wörtlich übersetzt "Weltall Cowboy". So heißen beim Stuttgarter Autokonzern Ruheständler, die als Experten eingesetzt werden. Das Projekt begann vor zwei Jahren. Inzwischen haben etwa 600 Daimler-Rentner in einem Expertenpool ihre Qualifikationen und Kompetenzen hinterlegt. Knapp 250 Einsätze gab es bislang, berichtet Valerie Dollinger, die Pressesprecherin für Personalangelegenheiten im Konzern. "Hochgerechnet verfügen wir in dem Pool über 18 000 Jahre Daimler-Erfahrung", sagt sie. Denn die meisten der "Space Cowboys" haben mehr als drei Jahrzehnte beim Autobauer gearbeitet.

Dazu zählt Kniel. 35 Jahre Daimler, und noch nicht genug? Der Projektleiter lacht und sprudelt los, wenn man ihn nach seiner Geschichte fragt. 2013 - er war damals Abteilungsleiter in Rastatt - wurde er gebeten, im neuen Werk in Ungarn die Montagelinie für den CLA hochzufahren. "Ich war neun Monate vor Ort und habe das Projekt zusammen mit einem jüngeren Kollegen betreut." Das hat alles sehr gut geklappt, sagt Kniel, und er hat daraus etwas Entscheidendes gelernt: "Der Mix aus Alt und Jung, aus Dynamik und Erfahrung bringt Erfolg, und Erfolg wiederum gibt wieder Kraft für Neues."

Deshalb sagte Kniel auch gleich zu, als er nach seiner Rückkehr aus Ungarn ein neues Projekt angeboten bekam: Generationsmanagement im Werk Rastatt. Da geht es um Gesundheitsvorsorge, Arbeitsorganisation und Arbeitsplatzausstattung ebenso wie um die ergonomische Gestaltung des Produkts für eine immer älter werdende Kundschaft.

Kniel, der Kraftfahrzeugmechaniker gelernt und später Fahrzeugbau und Schweißtechnik studiert hat, fand Gefallen an der neuen Aufgabe. Offenbar machte er seine Sache gut, denn als sein Ruhestand kam, bat man ihn, weiter zu machen. "Das ist eben kein Projekt, bei dem man auf große Erfahrungen zurückgreifen kann. Deshalb wäre eine Übergabe zum Zeitpunkt meines Ausscheidens schwierig gewesen." Auch der Betriebsrat habe sich dafür ausgesprochen, dass er dabei bleiben soll, sagt Kniel. Das war ihm wichtig.

Insgesamt ein halbes Jahr arbeitet ein "Space Cowboy" an einem Projekt, anschließend gibt es maximal noch ein Vierteljahr Verlängerung und dann - wenn es sich anbietet und derjenige es will - einen Wechsel in ein anderes Projekt. Ob auch Emil Kniel noch Lust hat auf weitere Herausforderungen? Die Antwort fällt kurz und knapp aus: "Jawoll!" Vorstellen kann er sich vieles, auch nochmal nach Ungarn zu gehen, um das Werk dort zu unterstützen. Vielleicht käme da sogar seine Frau mit. Aber: "Ich kann mir nicht vorstellen, die ganze Woche irgendwo in Hamburg, München oder Berlin zu sein beziehungsweise von Hotel zu Hotel zu tingeln, und meine Frau bleibt daheim."

So wie es momentan läuft, empfindet Kniel es als den idealen Übergang zwischen Vollzeitjob und Rente. "Die Drei-Tage-Woche hat sich gut etabliert. Ich bekomme das gut unter einen Hut mit meiner Familie, meinen Hobbies und meinem Ehrenamt als Gemeinderat."

Bezahlt wird er nach Tagessätzen - auf Basis seiner letzten Einstufung in der Daimler-Hierarchie. "Es ist natürlich gut, wenn man ein bisschen was dazu verdient", sagt Kniel, "aber das ist nicht der Hauptgrund, weshalb ich hier sitze. Das Geld allein macht es nicht aus." Es geht ihm um etwas anderes, um das Gefühl noch gebraucht zu werden und auch darum, "das, was man selbst an Gutem erfahren und was man gelernt hat, an andere Kollegen weiter zu geben".

Und dann sagt er noch was sehr Schönes: "Wenn ich vor kurzem nachts um zwei aufgestanden wäre, um die Sternschnuppen zu sehen, dann hätte ich mir bei ihrem Anblick genau das gewünscht, was ich jetzt habe." Da die besagte Nacht aber in seine Drei-Tage-Woche fiel, entschied sich "Space Cowboy" Kniel gegen die Sterne und fürs Bett. Damit er am Morgen wieder ausgeruht und voller Tatendrang "beim Daimler" auflaufen konnte.

Emil Kniel kümmert sich bei Daimler um das Generationenmanagement
Emil Kniel, Projektleiter für Generationsmanagement im Daimler-Werk Rastatt, testet mit Praktikantin Bettina Burger eine ergonomische Sitzhilfe für die Arbeit in der Produktion. Foto: Daimler AG

  • Neutrale Modelle Wer sein Knowhow als Ruheständler einsetzen möchte, aber dies nicht über sein früheres Unternehmen tun kann oder will, kann sich beim Senior Experten Service (SES) registrieren lassen. Der sitzt in Bonn, ist eine gemeinnützige Gesellschaft und eine Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit GmbH. Die Senior Experten fördern die Aus- und Weiterbildung von Fach- und Führungskräften, begleiten aber auch junge Menschen mit Startschwierigkeiten während ihrer Lehrzeit. Momentan sind mehr als 10 000 Senioren dort aktiv. Weitere Informationen zum SES gibt es im Internet unter: www.ses-bonn.de
  • >Bürokratie Viele Wirtschaftszweige würden gerne zeitweise auf erfahrene Rentner zurückgreifen. Beispielsweise das Handwerk, heißt es beim Baden-Württembergischen Handwerkstag in Stuttgart. Doch die Bürokratie schrecke gerade kleine und mittlere Unternehmen ab: Wer darf wie viel und wie lange hinzuverdienen? Für diese Fragen gibt es in den Großunternehmen eigene Experten. Das Handwerk plädiert deshalb für eine flexibilisierte Rente, die es ermöglicht, über das Renteneintrittsalter hinaus so lange zu arbeiten, wie der Betreffende das kann und will. Ähnliches hielte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände für sinnvoll. ker

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10.10.2015, 12:00 Uhr
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