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Sprache verhindert Ausgrenzung

Elvira Martin hat das Konzept Barrierefreies Tübingen übersetzt

Oberbürgermeister Boris Palmer unterzeichnet heute bei einer kleinen Feierstunde im Rathaus mit Ansprachen und künstlerischen Beiträgen die Barcelona-Erklärung (Beginn: 16.15 Uhr im Öhrn).

01.02.2010

Damit verpflichtet sich Tübingen, eine barrierefreie Stadt zu werden, die es auch Einwohnern und Gästen mit Behinderungen ermöglicht, gleichberechtigt und selbstbestimmt am öffentlichen Leben teilzunehmen. Eine Projektgruppe hat bereits ein Konzept ausgearbeitet, das Elvira Martin, die Geschäftsführerin des Koordinationstreffens Tübinger Behindertengruppen, in leicht verständliche Sprache übertrug.

Frau Martin, was versteht man unter Leichter Sprache?

Leichte Sprache bezeichnet eine Ausdrucksweise, die besonders leicht verständlich ist. Alle Menschen können dann Texte besser verstehen. Sie können zum Beispiel besser den Inhalt einer Broschüre nachvollziehen, einem Vortrag folgen oder Informationen im Internet nutzen. Eine wichtige Regel barrierefreier Internetgestaltung lautet: Für jegliche Inhalte ist die klarste und einfachste Sprache zu verwenden, die angemessen ist.

Wem nützt Leichte Sprache?

Leichte Sprache verhindert, dass Menschen aus sprachlichen Gründen sozial ausgegrenzt werden. Die Verwendung leichter Sprache erleichtert Menschen mit geringen sprachlichen Fähigkeiten die Teilhabe am öffentlichen Leben. Das sind zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten, also so genannter geistiger Behinderung.

Einen großen Nutzen haben aber auch Menschen, die eine andere Muttersprache haben und nicht oder noch nicht gut Deutsch können. Wir machen eine interessante Erfahrung: Wo immer leichte Sprache verwendet wird, gibt es meistens auch viel Lob von Menschen, die sonst eher Texte lesen müssen, die in komplizierter Sprache geschrieben sind.

Was muss man beachten, um in Leichter Sprache zu schreiben?

Einige wichtige Regeln sind: kurze Sätze und wenig Nebensätze verwenden, nur eine Information pro Satz vermitteln, auf Fremdwörter und Abkürzungen verzichten, mit Beispielen und Bildern den Text erklären, eine Schrift ohne Haken, also eine serifenlose Schrift und mindestens die Schriftgröße 14 Punkt verwenden, die Texte übersichtlich gestalten.

Kann man das irgendwo nachschlagen?

Ja, viele Informationen und gute Tipps gibt es in dem neuen Wörterbuch für Leichte Sprache. Es ist erhältlich bei „Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland“ (siehe Kasten).

Vom Handlungskonzept Barrierefreies Tübingen einmal abgesehen: Welche Texte sollte die Stadt sonst noch in Leichter Sprache veröffentlichen?

Die Stadt weiß ja selber, welche Faltblätter und Broschüren, die sie herausgibt, stark nachgefragt werden. Damit wäre sicherlich ein guter Anfang gemacht. Ich habe Signale aus der Stadtverwaltung, dass erste Schritte dazu in die Wege geleitet wurden. Weiterhin: zum Beispiel die Informationen, die sich speziell an Menschen mit Behinderungen richten. Eine bessere Verständlichkeit von Antragsformularen und Bescheiden steht natürlich auch weit oben auf unserer Wunschliste. Und schließlich noch die nachdrückliche Anregung: Die Stadt verwendet zukünftig bei der Schriftgröße nicht mehr das schlecht lesbare kleine 9-Punkt-Format, sondern eine größere Schrift.

Bedeutete es nicht eine Verarmung der Sprache, wenn man nur noch einfaches Deutsch schriebe?

Sicher nicht, denn leichte Sprach erhöht die Vielfalt, wie sich Menschen auf Deutsch ausdrücken können und gut verstanden werden. Der Verein deutsche Sprache hat im Jahr 2009 die Organisation „Mensch Zuerst“ mit dem Kulturpreis Deutsche Sprache ausgezeichnet. Mit diesem hoch dotierten Preis werden seit 2002 Personen oder Organisationen gewürdigt, die Ideen für die Förderung und Weiterentwicklung der deutschen Sprache umsetzen oder Vorbilder für gutes und klares Deutsch sind.

Wer hat die Leichte Sprache erfunden?

Ich weiß nicht, ob es einen Erfinder gibt wie das zum Beispiel bei der Braille-Schrift der Fall ist. Die Grundidee von Leichter Sprache ist, dass eine Barriere abgebaut wird. Die Verwendung von Leichter Sprache ermöglicht damit vielen Menschen, besser am öffentlichen Leben teilzuhaben. Wenn wir in Leichter Sprache schreiben, fördern wir sie und erfinden sie alle ein bisschen mit, wenn wir die Regeln dafür beherzigen. Bei der Lebenshilfe Tübingen hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet, die Texte auf ihre Verständlichkeit überprüft.

Die Fragen stellte Renate Angstmann-Koch

Petition an den Deutschen Bundestag

Die Selbstvertretungsorganisation für Menschen mit Lernschwierigkeiten „Mensch Zuerst – Netzwerk People First Deutschland“ fordert und fördert den umfassenden Einsatz von leichter Sprache im öffentlichen Leben. Sie hat eine Petition im Deutschen Bundestag eingereicht mit dem Ziel, dass Betroffene einen rechtlichen Anspruch auf die Verwendung leichter Sprache bekommen. Ein Vorbild dafür gibt es bereits bei gehörlosen Menschen. Sie haben nach dem Bundesbehindertengleichstellungsgesetz in bestimmten Bereichen Anspruch auf Gebärdensprache. Näheres unter www.people1.de, weitere Internetadressen zu dem Thema sind www.leichtesprache.org oder das Internetwörterbuch für leichte Sprache www.hurraki.de.

Elvira Martin Bild: Metz

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Erstellt:
1. Februar 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Februar 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Februar 2010, 12:00 Uhr

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